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Thorsten Eberhard: Keine Zeit für Schonfristen

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Niddas Bürgermeister Thorsten Eberhard in gelassener Pose trotz stürmischer Zeiten. © Myriam Lenz

100 Tage Rathauschef in Nidda. Corona, die Energiekrise, längst fällig gewordene Entscheidungen ließen wenig Zeit für eine Einarbeitung. »Bürgermeister zu sein, ist der tollste Beruf«, sagt er.

Dem Schnellstart in der Niddaer Politik folgte der Sprung auf den Rathaussessel. Vor 100 Tagen trat Thorsten Eberhard (CDU) die Nachfolge von Hans-Peter Seum (parteilos) an. Eine Schonfrist fiel einer außerordentlichen Dynamik zum Opfer. Corona, die Unterbringung ukrainischer Flüchtlinge, die Energiekosten geben den Takt an. Und trotzdem: »Es macht mir einen Riesenspaß, das sage ich mit vollem Ernst.« Der Beruf sei abwechslungsreich, täglich gebe es Neues und man könne unmittelbar etwas bewegen und die Entwicklungen beobachten.

Mut, um Dinge

auszuprobieren

Eberhard wirkt zielstrebig bereit für Veränderungen und auch eigene Fehler zu erkennen und nachzubessern. Wann war das das erste Mal der Fall?

»Ich lerne jeden Tag«, sagt Eberhard. Viele Verwaltungsprozesse einer Kommune waren dem Bankfachwirt neu. Schon bei der ersten Führungsrunde schlug er andere Vorgehensweisen vor. Und musste dann erfahren, dass die Wege, die er aus der Wirtschaft so kannte, nicht einfach umzusetzen waren.

Wann war das erste Mal Mut gefragt? Als er schwierige Dinge kommunizieren musste, sei es vor einem Ortsbeirat oder den Bürgern, sagt er. Vielleicht auch deshalb, da man vor allem die smarte Seite des Familienvaters und Feuerwehrmanns aus Eichelsdorf kennt.

Gleich während der ersten Personalversammlung im Rathaus brach der 47-Jährige mit Konventionen und bat allen Mitarbeitern das »Du« an. Eberhard wollte ein Signal setzen: »Hier passiert etwas Neues.« Die Stadtverwaltung sollte nach außen attraktiver präsentiert werden. »Ich möchte, dass wir agiler, aktiver und effizienter werden.« Ebenso wichtig sei es, den Mitarbeitern mehr Kompetenzen und Entscheidungsfreiheiten einzuräumen. Eberhard greift nach einem Buch, das auf seinem Schreibtisch liegt. Es trägt den Titel »Respekt«, geschrieben vom Kommunikationsexperte René Borbonus. Es geht um Selbstbeherrschung, Konfliktfähigkeit und Überzeugungskraft.

Doch es gibt auch Momente, wo er der »Herr Bürgermeister« ist. Eigentlich hatte er nicht vor, zu jedem Geburtstag, jeder goldenen Hochzeit persönlich zu gratulieren. Welche Bedeutung das für die Bürger hat, hat ihn doch überrascht und beeindruckt. Bei einem Kaffee oder zweien erfährt er, wo der Schuh drückt. Auch habe er die Grundstimmungen und Gemeinschaften in den Stadtteilen sehr unterschiedlich wahrgenommen. In den einen werde viel gemeckert und gefordert, in anderen nicht. Wenn einer sage, »das geht in die richtige Richtung« würde ihn das antreiben. Ganz besonders wenn solche Reaktionen von Vertretern anderer Fraktionen kommen. Das Geschick und die Ruhe, parteiübergreifend auf andere zuzugehen, hatte er bereits als Vorsitzender des Haupt- und Finanzausschusses bewiesen.

Wohnungsbaupolitik, Digitalisierung, interkommunale Zusammenarbeit waren die drei Themen, die auf seiner Wahlkampfagenda ganz oben standen.

Neue Bauplätze gibt es bereits oder bald in Ulfa. in Ober-Widdersheim und in Eichelsdorf. Keine Zauberei der vergangenen 100 Tage, doch war Eberhard am Kompromiss für das Wohngebiet West in Bad Salzhausen beteiligt. »Das Baugebiet brauchen wir nicht erst 2027, sondern so bald wie möglich.« Die Bauvorhaben bedeuten für das Rathaus deutliche Mehrarbeit. »Das Bauamt befindet sich momentan auf verlorenem Posten, es sind zu viele Dinge am Laufen.« Dazu kommt die Landesgartenschau 2027. Nidda liegt mit seinen Planungen und Beschlüssen zeitlich gut. Doch auch für dieses Großereignis fehlt noch Personal.

Die Energiekrise führt zu einem ständigen Austausch mit allen Führungskräften. »Wir müssen handeln«, kündigt Eberhard an. Die Energiekosten für die städtischen Liegenschaften werden 2022 circa 1,5 Millionen Euro verschlingen. Für 2023 wird eine deutliche Erhöhung der Kosten erwartet. Ab dieser Woche beschäftigt sich der Magistrat mit den Haushaltsberatungen für das kommende Jahr. Aufgrund der schwierigen Situation wird es doch keinen Doppelhaushalt geben. Und es müssen Projekte hintangestellt werden. Welche das sind, könne er noch nicht sagen. Am Freitag soll der Vertrag für die Dreifelder-Sporthalle in der Kernstadt unterschrieben werden. Für das Nahwärmenetz als Quartierskonzept hätten sie endlich jemanden gefunden.

Nicht verbissen an etwas festhalten

»Im Moment ist unheimlich viel Dynamik und Bewegung drin. Man merkt den Schwung in der Verwaltung, das macht umso mehr Spaß.« Und er räumt ein: »Es wird sicher auch der Punkt kommen, an dem man gegen eine Wand läuft.«

Doch diesen habe er bisher noch nicht erlebt. »Verbissen an einer Sache festzuhalten, macht kein Sinn.« Kompromisse seien das Entscheidende in der Politik.

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