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Tröpfchenweise Theorie

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Sharon Rieck, Marcus Stadler und Thomas Eiser begutachten die Fließpfadkarten. © Myriam Lenz

Die Stadt Nidda hat nun Fließpfadkarten für die einzelnen Stadtteile. Dort sind der Weg des Wassers und hochwassergefährdete Gebiete eingezeichnet. Doch es werden genauere Daten eingefordert.

Auf den Tischen im großen Saal des Bürgerhauses Nidda liegen laminierte Landkarten. Dort sind blau-gestrichelte Linien, die wie Eisenbahnstrecken aussehen, eingezeichnet. Es sind Fließpfade. Manche Flächen sind rot getüncht. Am Dienstagabend stellt Dr. Heike Hübener die Karten dem Ausschuss für nachhaltige Stadtentwicklung vor. Wichtige Erkenntnis: Die Fließpfadkarten sind nur ein Teil des Verfahrenswegs zum Hochwasserschutz. Als einzelnes Instrument für die Praxis sind sie unvollständig.

Die Fachfrau vom Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie kommt nicht persönlich, sondern ist online zugeschaltet. Die Verbindung ist brüchig. Mehrmals muss Birgit Herbst, Klimaschutz- und Umweltbeauftragte der Stadt Nidda, eingreifen und den Faden neu aufnehmen.

Keine generellen Vorhersagen

Hübener weist auf ein Forschungsgutachten zum Thema Starkregen in Hessen von 2014 bis 2019 hin. »Wir dachten, dass man dadurch bestimmte Regionen aufzeigen kann. Die Radardaten zeigen jedoch: Starkregen kann überall auftreten.« Es seien nur kurzfristige und generelle Vorhersagen möglich. Eine davon heißt: Es wird seltener schwache Niederschläge und zukünftig mehr Starkregen geben.

Die Karten zeigen eine erste Übersicht der potenziellen Fließpfade, also der Wege, die das Regenwasser bei einem Starkregenereignis nehmen würde. Sie beruhen auf Informationen zur Topografie, der Landnutzung, der Lage von Gebäuden und Fließwegen. Die rot gekennzeichneten Flächen bedeuten nichts Gutes: Hier handelt es sich um einen Gefährdungsbereich.

Das Material ist eine modellhafte Darstellung, die in der Realität nicht eins zu eins übertragbar ist. Die schraffierten Pfade in den Karten sind alle in ihrer Breite konform. »Wir können nicht sagen, wie breit und wie tief der Fließpfad ist«, erklärt Hübener. Starkregenereignisse seien relativ kleinräumig und es sei im Normalfall nicht damit zu rechnen, dass alle eingezeichneten Fließpfade gleichzeitig voll werden.

Verrohrungen sind nicht in der Karte

Alle Geländestrukturen unter einem Quadratmeter, wie zum Beispiel Mauern, sind nicht berücksichtigt. Auch Verrohrungen von Bächen, Durchflüsse oder neue bauliche Veränderungen sind nicht gekennzeichnet, genauso wenig die Waldflächen.

»Die Karten können vulnerable Orte innerhalb der Kommunen identifizieren und aufzeigen, woher das Wasser kommt, welche Fließwege zusammenkommen, wo man mit kleineren Maßnahmen die Situation entschärfen oder verzögern kann«, sagt Hübener.

Hübener zeigt Ausschnitte einiger Stadtteile. Sie vermutet, dass der Hohensteinerbach, der in der Kernstadt in den Flutgraben mündet, wahrscheinlich verrohrt ist. Das sei problematisch, wenn sich der Einlauf zusetze und die Nidda und der Flutgraben Hochwasser führten. Der Rückstau würde die Hopfengasse und Hohensteiner Straße betreffen. In Eichelsdorf weist sie auf die vielen Zuflüsse des Eichelbachs und die großen landwirtschaftlichen Flächen, die entwässert werden, hin. Bei Hochwasser könnte das Erosionsmaterial zu einem Rückstau führen.

Erosionsmaterial in Gärten und Häusern

In Ober-Schmitten seien der Alte Weg und die Frankfurter Straße problematische Gebiete. Die landwirtschaftlichen Flächen am Hang hinter den Häusern könnten ebenfalls Erosionsmaterial aus der Fläche in die Gärten und Häuser waschen. Auf der Karte für Kohden sind über eine weite Fläche gerade Linien auf der ebenen Flussaue eingezeichnet. Auf diesem Areal sei es nicht eindeutig, in welche Richtung das Wasser fließen werde. Sie fragt, ob die Freiwillige Feuerwehr in der Aue liege? Hier wäre zu prüfen, ob eine Hochwassergefahr durch die Nidda vorliegt. Wo der Egelseegraben in Wallernhausen münde, sei ebenfalls unklar. Hübener geht davon aus, dass die Mündung verrohrt ist. Das gelte auch für den Rambach, der einige große Flächen entwässere. In Wallernhausen müsse geprüft werden, ob die Verrohrung in der Hohl ausreichend ist.

Als nächste Schritte rät Hübener den Niddaern, zunächst die Hotspots zu bewerten, also die Stellen, wo potenzielle Gefährdungen vorkommen. Hübener empfiehlt, sich diese mit kompetenten Leuten aus den Stadtteilen und der Feuerwehr anzuschauen. Des Weiteren sollte überlegt werden, ob für einzelne Hotspots eine detaillierte Analyse notwendig ist und eventuell eine Starkregen-Gefahrenkarte bei einem Ingenieurbüro in Auftrag gegeben wird. Hübener legt nahe, schnell umsetzbare Maßnahmen sofort anzugehen. Beispiele sind: Einen Notfallplan für Starkregen zu entwickeln, die Verwaltungsmitarbeiter, Bürger und anderen Akteure, wie zum Beispiel Landwirte, Forstbesitzer oder Industrieunternehmer, zu informieren. Zudem sollten die Niddaer schauen, woher das Wasser kommt, bevor es die bebauten Gebiete erreicht. »Wenn es erst einmal in der Ortschaft ist, dann können Sie nicht mehr viel machen.«

Kammer vertagt die Diskussion

Hilfreich wäre eine abflussverzögernde Gestaltung der Gewässer, Erosionsschutzstreifen, eine Feldbewirtschaftung quer zum Hang, der Einsatz von Untersaaten und Anbau von Zwischenfrüchten, die Neigung von Wegen zu verändern oder Querstrukturen zu integrieren, wie zum Beispiel in Altenstadt geschehen.

Die vorgesehene anschließende Diskussion vertagt Ausschussvorsitzender Klaus-Dieter Kammer ob der schlechten Verbindung. Vorgesehen ist, dass Fragen gesammelt und diese dann an Dr. Hübener geschickt werden.

Die Fließpfadkarten sind Voraussetzung für einen Antrag beim Hessischen Umweltministerium, um letztlich Starkregengefahrenkarten gefördert zu bekommen. Den Antrag dafür hat die Stadt Ende Oktober gestellt.

Marcus Stadler fordert mehr Daten

Marcus Stadler, Fraktionsvorsitzender der Grünen, fordert, dass die Starkregengefahrenkarten die Verrohrung von Bächen und Verengung in den Dörfern sowie die Ableitungen aus den Wäldern berücksichtigen müssen.

Bis zum jetzigen Zeitpunkt habe er keine neuen Erkenntnisse gewonnen, sagt Kammer nach der Sitzung. »Dass sich Wasser irgendwo sammelt, weiß ich auch ohne Fließpfadkarten.« Tiefere Erkenntnisse könne man nur vor Ort mit dem Ortsbeirat und den Bürgern gewinnen.

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