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Trumpfkarte und Zankapfel

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Die Stadt Gedern feiert in diesem Jahr ihr 50-jähriges Bestehen. Der Zusammenschluss wurde im Zuge der das ganze Bundesland Hessen umfassenden Kommunalreform vollzogen. Die Landesregierung lockte Gemeinden seinerzeit mit finanziellen Anreizen. In Gedern gab es aber auch einen Zankapfel, wie Chronist Erhard Müth weiß. Ein Blick zurück.

Mit diversen Veranstaltungen, die von den Stadtteilen mitgestaltet werden, wird die Stadt Gedern in diesem Jahr ihr 50-jähriges Bestehen feiern. Der Zusammenschluss von Gedern, Ober-, Mittel- und Nieder-Seemen sowie Steinberg und Wenings zu einer Großgemeinde wurde seinerzeit im Zuge der großen, ganz Hessen umfassenden Kommunalreform vollzogen.

Ziel war es, leistungsfähige Verwaltungseinheiten und klare Verwaltungszugehörigkeiten zu schaffen. Diskutiert wurde dieses Konzept schon weitaus früher. Bereits 1947 hatte es eine Kabinettskommission unter Vorsitz des Staatsrechtlers Hermann Brill gegeben, die die Zusammenfassung von »Zwerggemeinden« mit weniger als 300 Einwohnern zu größeren Einheiten und eine Reduzierung der Landkreise anstrebte. Das wurde jedoch nicht umgesetzt.

Ein weiterer Anstoß kam dann Mitte der 60er Jahre vor allem von der CDU-Opposition im Hessischen Landtag - und 1970 beschloss die von SPD und FDP geführte Landesregierung eine umfassende kommunale Gebietsreform mit der Bildung leistungsfähiger Großgemeinden und entsprechend großen Landkreisen.

Es wird geflirtet

Die Landesregierung lockte Gemeinden mit einer Neuregelung des kommunalen Finanzausgleichs und erhöhten Schlüsselzuweisungen, wenn die Zusammenlegung bis zum 31. Dezember 1971 erfolgte. Daher schlossen sich schon am 1. Dezember 1970 Ober-Seemen und am 1. Juli 1971 Steinberg an Gedern an. Nicht überall ging das so glatt vonstatten. Salopp gesagt: Es kam durchaus zu kommunalpolitischen »Wer mit wem?«-Flirts.

Mittel-Seemen war schon 1970 zum Zusammenschluss mit Gedern bereit, Nieder-Seemen wurde sowohl von Gedern als auch von Kefenrod umworben. Das ist in der »Dorfchronik Mittel- und Nieder-Seemen« nachzulesen.

Die Willensbildung im Nieder-Seemener Gemeinderat verlief offenbar im Zickzack-Kurs. Während der Zusammenschluss dort noch im September 1970 mehrheitlich abgelehnt und im Januar 1971 der Verbleib als selbstständige Gemeinde beschlossen wurden, brachte Gederns Bürgermeister Walter Merle eine Trumpfkarte nach der anderen ins Spiel. Er lockte die Gemeinden Mittel- und Nieder-Seemen sowie Volkartshain im Juli 1971 mit einem Schreiben.

Das trug den Betreff »Kommunaler Zusammenschluss - Schaffung eines Mittelpunktkindergartens in Ober-Seemen«. Im September wies Merle dann auf das Zeitfenster für die erhöhten Schlüsselzuweisungen hin. Die Nieder-Seemener Gemeindevertreter konterten am 7. November mit einer zehn Punkte umfassenden Wunschliste, beschlossen aber zugleich einstimmig die Eingliederung nach Gedern.

Dann ging es schnell: Am 16. November beschloss die Gederner Stadtverordnetenversammlung einstimmig die Aufnahme von Burkhards, Kaulstoß, Sichenhausen, Mittel- und Nieder-Seemen sowie Wenings in die Großgemeinde. Der vorletzte administrative Schritt war die Unterzeichnung der Grenzänderungs- und Auseinandersetzungsverträge am 24. November 1971, der letzte die Genehmigung der Eingliederung durch Innenminister Hanns-Heinz Bielefeld samt Urkunde.

Doch dann stand ein neuer Zankapfel im Raum, wie Gederns Chronist Erhard Müth im zweiten Band der »Gederner Geschichtsblätter« schildert. Im März 1972 schlug das Innenministerium vor, Gedern mit Hirzenhain und Glashütten zu einer immerhin 10 000-Einwohner-Kommune zusammenzufassen. Doch im Mai folgte eine Kehrtwende - verbunden mit einer unliebsamen Überraschung. Die Landesregierung tendierte dazu, Schotten und Gedern dem Vogelsbergkreis zuzuordnen. Hirzenhain sollte mit Merkenfritz und Glashütten zusammengeschlossen werden.

Das war den Gederner Stadtverordneten ein Protesttelegramm an den Landtagspräsidenten und die Fraktionen wert. Inhaltsgleich ging ein ergänzendes Schreiben an alle Landtagsabgeordneten. Darin wiesen die Stadtverordneten auf gewachsene Bindungen zwischen Gedern und Hirzenhain hin, etwa im Gesamtschulbereich, sowie auf die geografische Hürde des Hohen Vogelsberges, die weit stärkere Orientierung in den Wirtschaftsraum Büdingen-Friedberg und ins Rhein-Main-Gebiet insgesamt.

Bürger scheitern mit Grundrechtsklage

Gederns Bürgermeister Walter Merle, die Magistratsmitglieder und die Verwaltungsmitarbeiter setzten auf Gespräche im Landtag und im Innenministerium. Bei einem Anhörungsverfahren in Friedberg mit der FDP-Landtagsfraktion störte ein Schottener Stadtverordneter mehrfach mit lauten »Burkhards, Kaulstoß, Sichenhausen«-Zwischenrufen die Rede Merles.

Am 14. Juni flatterte wieder Post ins Gederner Rathaus. Darin stand: Man habe beschlossen, »Bu-Ka-Si«, wie die drei Niddertalorte kurz genannt werden, nach Schotten einzugliedern und nur diese Kommune dem Vogelsbergkreis zuzuordnen, Gedern aber dem Wetteraukreis. Sondersitzungen der Gederner Gremien und Proteste der Fraktionen blieben vergeblich: Am 5. Juli wurden die drei Dörfer durch eine Landtagsabstimmung Schotten zugeschlagen. Eine Verfassungsbeschwerde der Stadt Gedern und eine Grundrechtsklage einzelner »Bu-Ka-Si«-Bürger wurden von Gerichten nicht angenommen.

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