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Übergriffe, Geläster, Blicke: Daniel Dorminger kämpft um die Akzeptanz der queeren Community

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Daniel Dorminger fordert von Politik und Polizei mehr Unterstützung, macht sich für Schutzzonen für queere Menschen stark. In Frankfurt ist er mit seinem Kumpel Manuel Irlbeck Opfer eines homophoben Angriffs geworden. © Björn Leo

»Queere Menschen haben einen schweren Stand«, sagt Daniel Dorminger, der für ihre Akzeptanz kämpft. In der Stadt und auf dem Land. Der 22-jährige Ranstädter erzählt seine Geschichte.

In weiten Teilen der Gesellschaft kommt der Umgang mit der sexuellen Orientierung selten ohne Diffamierung aus. Das Adjektiv schwul ist in der Alltagssprache negativ besetzt. Genau wie homo oder gay wird es häufig im abwertenden Kontext benutzt. »Es hat schon seine Gründe, warum sich die Szene in Frankfurt trifft. Dort wirst du als queerer Mensch akzeptiert. Öffentlichkeit und Anonymität machen es dir in der Regel einfach. In Ranstadt bist du halt das Dorfgeschwätz«, sagt Daniel Dorminger im Gespräch mit dieser Zeitung am Büdinger Rosenkränzchen.

Niemand, der versteckt lebt

»Sexuelle Orientierung sollte nichts sein, für das man beleidigt wird, das Gewalt hervorruft und Ängste schürt«, betont der 22-Jährige. Dass der junge Mann darüber spricht, darüber sprechen muss, sagt schon alles. Ihm liegt es fern, mit dem Finger auf Ranstadt zu zeigen, denn die Gemeinde ist seine Heimat, das Gros der Menschen dort ist ihm ans Herz gewachsen. Daniel Dorminger, der beim Roten Kreuz in Büdingen als Notfallsanitäter arbeitet, ist denn auch niemand, der versteckt lebt. »Ich bin dort groß geworden, fühle mich unheimlich wohl.« Dass er in Ranstadt in der SPD aktiv ist und dem Ortsbeirat angehört, scheint folgerichtig. Dass Daniel Dorminger nach dreieinhalb Jahren aus der Freiwilligfen Feuerwehr wieder ausgetreten ist, aber auch.

Details möchte er nicht nennen. Es seien Blicke, das Getuschel sowie Geläster hinter seinem Rücken gewesen, was er regelmäßig zu spüren bekam. Manch einer hatte da so seine Schwierigkeiten mit dem gemeinsamen Duschen nach einer Übung, sagt er. Nach einigen Bierchen seien vereinzelte Kameraden auch direkt geworden.

Daniel Dorminger möchte gewiss keine Pauschalschelte betreiben. Aus seiner Sicht sind jedoch bestimmte Muster erkennbar, die sich zumal auf dem Land in von Männern und Hierarchien dominierten Bereichen verfestigt haben. Veränderungen seien da nur schwer einzuleiten. »Im Fußballclub, im Schützenverein, vor allem dort, wo Uniformen und Abzeichen eine Rolle spielen.«Der 22-Jährige spricht von einer latenten Angst, zudem von scheinbar reflexartigen Reaktionen gegenüber queeren Menschen. Der eine guckt weg, der nächste lacht, weil auf seinem T-Shirt ein Regenbogen leuchtet und darunter »war wohl doch keine Phase« zu lesen ist. Und dann gibt es Homophobe, die unvermittelt zuschlagen.

So wie Anfang des Monats, in der Elefantengasse in Frankfurt: Gegen 4.30 Uhr am Morgen verlassen Daniel Dorminger und Manuel Irlbeck das Tangeringe, eine Gay-Bar, und gehen in Richtung Bad Vilbeler Straße. »Wir liefen Arm in Arm und überlegten, wo wir noch hingehen könnten«, erinnert sich der Ranstädter. Es folgen Minuten der rohen Gewalt und des Hasses. Ein junger Mann taucht auf, schreit »ey, ihr scheiß Schwuchteln« und holt aus.

Daniel Dorminger bekommt einen Schlag auf den linken Brustkorb ab, fällt sofort zu Boden. Er schreit »Was ist dein Problem?« und ruft nach der Polizei, die gegenüber vor dem ukrainischen Generalkonsulat Wache hält. Derweil kriegt Manuel Irlbeck die Faust ins Gesicht. Er fällt rückwärts zu Boden, ist sofort bewusstlos. Dorminger kriecht zu ihm rüber. »Er war weder ansprechbar noch zeigte er eine Schmerzreaktion.« Die Polizei verfolgt den Täter fast vier Kilometer durch die Stadt, kann ihn schließlich festnehmen. Daniel Dorminger und Manuel Irlbeck sind derweil im Krankenhaus. Der Ranstädter hat Glück, trägt eine leichte Gehirnerschütterung, Hämatome und Schürfwunden davon. Sein Kumpel jedoch hat einen gebrochenen Unterkiefer. Nach der Fraktur sind jetzt vier Schrauben im Mund, sieben bis acht Wochen erfolgt die Ernährung durch einen Strohhalm. »Wir haben nix gemacht, niemanden provoziert. Auslöser war wohl der Regenbogenaufdruck auf dem Turnbeutel, den wir dabei hatten.« Es war der elfte Angriff innerhalb der vergangenen fünf Monate auf queere Menschen in Frankfurt.

Die beiden jungen Männer gehen mit dem Übergriff dennoch offen um. Sie waren im Römer, suchten das Gespräch mit der Politik, fordern öffentlich Schutzkonzepte und mehr Polizeipräsenz vor allem in der Elefantengasse und der Alten Gasse, dem Treffpunkt der Schwulen und Lesben in Frankfurt. Für große Aufmerksamkeit hat zudem ihr Auftritt beim Christopher Street Day gesorgt. Ihr Tenor: »Wir brauchen viel mehr Unterstützung von oben. Die Akzeptanz kommt nicht von Worten allein.«

Plädoyer für mehr Aufklärung

Daniel Dorminger spricht sich für intensive Aufklärung an Schulen sowie in gesellschaftlichen Bereichen, die sich bislang mit dem Thema schwer tun, aus. Dazu gehören unter anderem die Vereine. Als Daniel Dorminger noch in der Feuerwehr aktiv war, nahm er an einer Fortbildung teil, bei der es um Jugendarbeit in der Feuerwehr ging. »LGTBQ war ein großes Thema. Aktionspläne dazu sollten ausgearbeitet werden, hieß es.« Der 22-Jährige bedauert es, dass viele Feuerwehren in diesem Zusammenhang nach wie vor betonen, neutral bleiben zu wollen, sich politisch nicht einmischen möchten. »Es ist mir manchmal ein echtes Rätsel, warum man für Dinge, die längst eine Selbstverständlichkeit sein müssten, noch immer so hart kämpfen muss«, fragt sich Daniel Dorminger im Sommer 2022...

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