Tötungsdelikt Vebronia Tabbo

Ungesühnte Tötung

Das Urteil im Tötungsdelikt Vebronia Tabbo ist gesprochen. Aus juristischer Sicht mag an ihm nichts zu deuteln sein – aber moralisch? Kann der Freispruch überzeugen, wo es doch eindeutig einen oder mehrere Täter gibt?

Von Jürgen W. Niehoff

Fest steht aufgrund der monatelangen und akribischen Ermittlungen der Polizei, dass die 47-jährige Altenstädterin im Mai 2013 gewaltsam zu Tode kam. Fest steht auch, dass der Fast-Schwiegersohn und dessen Bruder an der Tat beteiligt waren. Und wohl auch der Ehemann der Getöteten. Am Ende jedoch war keinem von ihnen ein konkreter Tatbeitrag nachzuweisen. Unklar bleibt, wer mit dem Würgen der Frau die Kausalität für ihren späteren Tod in Gang setzte.

Wer hat ihren womöglich qualvollen und langsamen Tod durch eine zusätzliche Handlung, wie dem Zertrümmern ihres Kopfes durch die Schläge mit einem Ast, beschleunigt oder gar erst eingeleitet? Nach Aussage der Gerichtsmedizinerin Gabriele Lasczkowski soll schon das Strangulieren am Morgen des 23. Mai 2013 ausreichend für den Tod von Tabbo gewesen sein.

Aber wie muss dann das Handeln der Brüder eingeordnet werden? Ihre DNA-Spuren fand die Polizei an der Kleidung der Toten wieder. Darüber hinaus gab es auch Faserspuren der Bekleidung der Toten im Fahrzeug des Hauptangeklagten, des Freundes der Tochter. Nach Ansicht von Staatsanwalt Matthias Pleuser und später auch des Gerichts sei die Frau zunächst von ihrem Ehemann gewürgt worden, und zwar aufgrund der Spuren an ihrem Hals so heftig, dass diese Handlung allein schon mit größtmöglicher Wahrscheinlichkeit zum Tode geführt hätte.

Nach Ansicht der Gerichtsmedizinerin wäre sie also auch ohne die Schläge gestorben. Doch wer ist in diesem Fall der Täter? Der Ehemann, der aller Wahrscheinlichkeit die Todesspirale mit dem Würgen begonnen hatte? Die Brüder, die die bewusstlose oder schon klinisch tote Frau in den Wald bei Rommelhausen gefahren haben und dann das Zucken der Körpergliedmaßen fälschlich als Wiedererwachen deuteten – und deshalb mit dem Ast zuschlugen? Und wenn: Wer von ihnen schlug zu? Da musste sogar der Staatsanwalt passen. „Wer die tödlichen Schläge ausübte, ist an Hand der Spuren nicht mehr zu klären. Deshalb bleibt nach dem Grundsatz „in dubio pro reo“ (im Zweifel für den Angeklagten) juristisch keine andere Möglichkeit als der Freispruch“, so Pleuser.

Auch andere Straftatbestände wie das Aussetzen hilfloser Personen oder fahrlässige Tötung schieden ebenfalls aus, weil im ersten Fall den Brüdern der Vorsatz nicht nachzuweisen war. Schließlich dachten sie, die Frau sei schon tot. Und im zweiten Fall erfolgte ihr Tod nicht durch die Fahrlässigkeit, sondern durch das Strangulieren. Auch eine Aburteilung wegen des Tatbestandsmerkmals Störung der Totenruhe kam nicht in Betracht, weil die Frau wohl noch lebte, als die Brüder sie in den Wald schafften.

„So schließt ein Paragraf den anderen aus. Was sich beweisen lässt, ist nicht strafbar und was strafbar ist, lässt sich nicht beweisen“, meinte Staatsanwalt Pleuser enttäuscht nach der Urteilsverkündung. Auch für ihn sei der Ausgang des Verfahrens nicht befriedigend. Gegen den Ehemann gibt es nach Angaben Pleusers zwar eine Anklageschrift. Da es jedoch keinerlei Beweise für dessen Tatbeteiligung gebe, werde diese vorerst zurückgehalten.

Er werde auch gegen den Freispruch des Hauptverdächtigen keine Revision einlegen, da es keine neuen Erkenntnisse oder gar Beweise gebe. Bei neuen Tatsachen sei eine Wiederaufnahme des Verfahrens aber durchaus möglich. Nach Auskunft von Oberstaatsanwalt Jürgen Hinze hoffen hierauf die Ermittler und würden dann mit einem entsprechenden Antrag nicht zögern.

Was bleibt, ist ein Unbehagen. Doch nach Auskunft des die Verhandlung leitenden Richters Peter Graßmück sei es allemal besser, einen Schuldigen laufen zu lassen als einen Unschuldigen einzusperren. Das sei nun einmal einer der Grundzüge unseres Rechtsstaates.

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