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Unterwegs mit dem Pomologen

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Von: Anne-Rose Dostalek

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Werner Nussbaum entdeckt auf dem Streifzug über den Kirschberg auch viele gute alte Obstsorten. © Anne-Rose Dostalek

Auf dem Kirschberg in Bad Vilbel stehen viele alte Apfelbäume. Sie tragen klangvolle Namen wie Rheinischer Winter Rambur, Friedberger Bohnapfel und Gelber Edelapfel. Pomologe Werner Nussbaum machte auf Einladung des Streuobstzentrums Kirschberg eine Sortenwanderung.

W ir wandern jetzt nach oben, den Hügel hoch zu den Streuobstwiesen«, erklärt Tanja Tahmassebi-Hack vom »Streuobstzentrum Kirschberghütte«. An ihrer Seite steht Werner Nussbaum aus Schöneck, ein Experte für alte Obstsorten. Er ist ein erfahrener Pomologe, der schon vom Aussehen her einen Apfel bestimmen kann. Wenn es knifflig wird, klappt er das Taschenmesser auf, schneidet die Frucht durch und studiert die Apfelkerne. Das hebt er sich allerdings für den Schluss auf, denn einige der Teilnehmenden haben ihre eigenen Äpfel zur Bestimmung mitgebracht.

Übersät mit Äpfeln

Doch zuerst geht es durch das Biotop am Kirschberg. Die Gruppe stapft über die ausgetrockneten Wiesen, auf denen sich nur ab und zu noch grüne Büschel zeigen. Überall stehen große und kleine Apfelbäume und strecken ihre knorrigen Äste aus. Manche tragen reichlich Früchte, die aber doch recht klein sind. Andere scheinen sich geschüttelt zu haben, denn der Boden ist übersät mit Äpfeln. »Das kann der Trockenheit geschuldet sein, oder die Obstmade sitzt drin«, sagt Nussbaum.

An einem gut tragenden Baum bleibt er stehen und greift nach einem Apfel. Er betrachtet Schale, Kelch und Stil. »Das ist ein Friedberger Bohnapfel, ein toller Kelterapfel, Saftausbeute ohne Ende«, legt er sich fest und weist auf den dünnen holzig-langen Stiel hin als ein Erkennungsmerkmal. Der Friedberger Bohnapfel sei eine sehr wertvolle hessische Lokalsorte, als solche gerade vom hessischen Pomologenverband benannt. Erstmals gelistet 1908 vom Deutschen Pomologenverband, mit Vorkommen hauptsächlich in der Wetterau, im Taunus und Odenwald. Die robusten Bäume können zwischen 20 bis 40 Zentner Ertrag bringen.

Ein paar Schritte weiter leuchten nicht sehr große, zweifarbig gefärbte Äpfel zwischen dem Laub. Nussbaum wirft einem Teilnehmer den Apfel zu: »Ein Alkmene, sehr lecker mit feinem säuerlichen Aroma, der kann jetzt gegessen werden«, sagt er. Auch dieser Apfel sei leider in Supermärkten kaum zu kaufen, denn neuere und ertragreichere Sorten wie etwa »Golden Delicious« hätten ihm den Rang abgelaufen.

INFO: Förderung der Umweltbildung

Das Streuobstzentrum Kirschberghütte hat am Kirschberg Wiesen mit Obstbestand gepachtet. Es fördert die Umweltbildung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Es bietet auch Vermittlung und Hilfe an, wenn jemand eine Streuobstwiese (Pflege, Ernte) abgeben möchte oder etwas für die Artenvielfalt tun möchte. Zuletzt hat der Verein die Trägerschaft des Waldkindergartens übernommen (diese Zeitung berichtete). Der Pomologen-Verein mit seinen Landesgruppen kümmert sich um die Bestimmung und Beschreibung von Obstsorten und den Erhalt der alten Sorten mit ihren wertvollen Eigenschaften. Wichtige Unterscheidungsmerkmale von Äpfeln sind Form und Größe, Schale, Kelch, Stilseite, Kernhaus und Fruchtfleisch. Seinen Namen hat er übrigens von Pomona, der römischen Göttin des Obst- und Gartenbaus.

Kontakt: www.kirschberghuette-de. Tel. 0 61 01/5 58 03 29 oder info@kirschberghuette.de. dos

Zucker und Säure

Ganz begeistert ist Nussbaum, als er einige Bäume weiter einen »Gelben Edel« erkennt, einen runden festen gelben Apfel wie gedrechselt. »Den wollte meine Mutter immer zum Backen haben für ihren Apfelkuchen«, sagt er. Kräftig säuerlich sei er und sehr vitaminreich, erstmals um 1800 in England als Sorte benannt. Überhaupt, der Sortenreichtum zeichne die Streuobstwiesen am Kirschberg aus. Mehr als ein Dutzend Apfelnamen fallen beim zweistündigen Rundgang, darunter bekannte alte Tafel- äpfel-Sorten wie Alkmene, Cox Orange und Goldparmäne.

Vorherrschend aber sind die Wirtschaftsäpfel, Raritäten wie Haberts Renette, Goldrenette von Blenheim, Wöbers Rambur, Jakob Lebel, Kaiser Wilhelm, Melrose (neuere Sorte), Schöner aus Boskoop, Roter Boskoop. Rheinischer Bohnapfel, Friedberger Bohnapfel, Trierer Weinapfel, Schafsnase. Auch von denen eignen sich manche zum Verzehr, aber meistens werden sie gekeltert.

Wenn sie denn geerntet werden, was nicht immer der Fall ist. »Es gibt hier viele private Besitzer, die zu alt geworden sind für die Pflege der Bäume und die Ernte. Oder manche wissen gar nicht mehr, dass der Opa hier Bäume hat«, sagt Tahmassebi-Hack. Dabei sei es so wichtig, Streuobstwiesen als Kulturerbe zu erhalten und sie zu bewirtschaften. Dafür setze sich der Verein »Kirschberghütte« ein. »Im vorigen Jahrhundert gab es noch rund 8000 Apfelsorten, jetzt sind es gerade noch einmal 2500«, sagt der Pomologe Nussbaum. Er sei gerade dabei, die Sorten und Standorte in Datenbanken zu kartieren. »Die Vielfalt an Aromen und anderen Inhaltsstoffen drohen verloren zu gehen«, sagt Nussbaum. Allergiker würden etwa Sorten wie Boskoop und Prinz Albrecht von Preußen gut vertragen, weil der Polyphenolgehalt geringer sei. Bei neuen Sorten wie dem Gala sei die Säure rausgezüchtet worden. Dabei mache erst das Aroma, das durch ein bestimmtes Verhältnis von Zucker und Säure entsteht, einen Apfel interessant.

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Werner Nussbaum begutachtet einen mitgebrachten Apfel. Er berücksichtigt bei der Bestimmung Merkmale wie Form und Größe, Schale, Kernhaus und Fruchtfleisch. © Anne-Rose Dostalek

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