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Unterwegs sein im Leben

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Von: red Redaktion

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Gert Holle © pv

»Geläuff« und »Narrenwerk« - mit heftigen Worten bedachte Martin Luther einst die, die als Pilger oder Wallfahrer unterwegs waren. In unseren Tagen kann man pilgernd auf dem Lutherweg den Spuren der Reformation folgen, und kein Protestant hat mehr das Gefühl, Luther auf die Füße zu treten, wenn er das »Beten mit den Füßen« praktiziert.

Martin Luther missfielen der mit dem Pilgern verbundene Reliquienkult und das Streben nach Gottes Vergebung durch Ablass: vollkommener oder teilweiser Sündenerlass durch Geld und Buße. »Gott in seiner Gnade verzeiht alle Sünden und begehrt nichts dafür, als dass man fortan ein gutes Leben führt - und das im Einklang mit der Bibel«, so lautete sinngemäß Luthers Botschaft. Er sah es als geboten an, dass ein Mann für seine Frau und seine Kinder sorgt - und nicht etwa, »dass einer nach Rom wallfahrt und fünfzig, hundert, mehr oder weniger Gulden verzehrt … und lässt seine Frau und seine Kinder oder überhaupt seinen Nächsten daheim Not leiden«. Als Mönch war Luther 1510 selbst noch nach Rom gepilgert. Über Jahrzehnte entwickelte er dann seine Wallfahrtskritik. Sie stellte das Pilgern in den reformatorischen Gebieten für lange Zeit ins Abseits.

Heute wird in evangelischen Theologenkreisen das Leben eines Christenmenschen als »Pilgerfahrt zu Gott« interpretiert, was Nächstenliebe, Wirken für Frieden und die Bewahrung der Schöpfung einschließt. Weil Gott sich in der Welt zeigt, gehört zum Einstieg in den Glauben und zu seiner Pflege unbedingt die sinnliche Erfahrung, besonders die Erfahrung der Natur, des eigenen Leibes und der Gemeinschaft. Daraus entwickelten sich die evangelischen und ökumenischen modernen Formen des religiös motivierten Gehens. Die Friedensmärsche der evangelischen Christen während der 70er und 80er Jahre gehören dazu, mit Beginn der 90er Jahre mehrtägige ökumenische Pilgergänge und monatliches Samstagspilgern mit geistlichem Rahmen, seit 1987 die Wiederbelebung der Jakobswege als europäische Kulturroute gemäß dem Aufruf des Europarats. Heute ist die Liste der Pilgerwege lang. Ich kenne so manchen, der auf dem Jakobsweg Richtung Santiago de Compostela gepilgert ist. Und auch der Lutherweg, dessen Ostroute bei Wölfersheim und Hungen vorbeiführt, ist beliebt. Oft steht zu Beginn der Wunsch, aus dem scheinbar festgefahrenen Umfeld auszubrechen, aus dem Hamsterrad des Alltags zu springen und - sei es auch nur für einen Moment - sich selbst neu wahrnehmen zu können. Wer pilgernd mit Körper und Geist unterwegs ist, versinkt in stille Einsamkeit. Dem öffnen sich neue Räume, Landschaftsbilder, verborgene Orte, Gerüche und Begegnungen, die zu Herzen gehen. Mit leichtem Gepäck einfach unterwegs zu sein - darin besteht das Abenteuer. Und der Lohn wartet auf all diejenigen, die der Welt neugierig und unvoreingenommen begegnen, Rückschläge nicht scheuen und hinter jeder Ecke ein Stück Neuland erwarten. Diese Haltung macht Pilgern in diesen Tagen so anziehend. Pilgern bedeutet unterwegs sein im Leben.

Wollten Sie sich schon einmal auf den Weg machen? Vielleicht mit einem ganz speziellen Anliegen im Gepäck? Was bewegt Sie? Wo finden Sie Orientierung? Es muss nicht immer gleich die große Pilgertour sein. Auch ein Spaziergang am Sonntag kann schon Körper und Geist zusammenbringen. Die Freude an der Bewegung in der Natur tut gut. Und die nächsten Schritte können bereits dazu beitragen, zu entdecken und zu verstehen, dass viele Lebensbereiche zusammenfließen. Ich bin überzeugt, dass Gottes Handeln mit uns Menschen als ein grundsätzliches Wohlwollen gesehen werden kann. Gott handelt allein aus Gnade an uns - sonst nichts. Kein Verdienst, kein Dazuverdienen, sondern allein aus einer liebenden Wertschätzung. Anders, als wir es oft in unserer Bewertungsgesellschaft durch das Handeln unserer Mitmenschen erleben.

In der Schule bewerten Zeugnisse Schülerinnen und Schüler, Schulleistungsstudien ganze Bildungssysteme. In der Wirtschaft bewerten Konsumenten die Produkte. Agenturen werden beauftragt, positive Bewertungen der firmeneigenen Angebote abzugeben, damit sie in der Rankingliste ganz oben stehen. Regelmäßig werden wir über Umfragen informiert, wer denn gerade auf der Skala der beliebtesten Politiker an der Spitze steht. Das Politbarometer gibt vor, über das Klima im Land Bescheid zu wissen. Nun ja… In den sozialen Netzwerken des Internets werden Gedanken, Kommentare und Bilder mit Likes und Dislikes bewertet. All diese Bewertungen haben Folgen. Bewertungen dienen zur Orientierung, sie enthalten Maßstäbe, um etwas einzuordnen. Sie schenken uns Erfolgserlebnisse und Anerkennung, aber ebenso auch Angst vor Ablehnung und persönlicher Abwertung. Bewertungen setzen unter Druck und beeinflussen das Verhalten. Bewertungen von Menschen kommen meist erbarmungslos daher, weil sie nicht ein bestimmtes Verhalten, sondern gleich die ganze Person bewerten. Sie tragen dazu bei, dass eine gegenseitige Wertschätzung abnimmt und sich das Klima des Miteinanders verschlechtert.

Wer demgegenüber auf Gottes Gnade vertraut, kann sich aus den Ketten der ständigen Bewertung befreien. Sie oder er wird dazu ermutigt, sich selbst und anderen Menschen mit Wohlwollen und Liebe zu begegnen. Mit Gott können wir getrost auf dem Weg des Lebens unterwegs sein. - »Genieße froh jeden Tag, der dir gegeben ist.« (Kohelet 11, 8). In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein gesegnetes Wochenende. Ihr Gert Holle.

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Gert Holle ist Theologe und Referent für Öffentlichkeitsarbeit im evangelischen Dekanat Büdinger Land FOTO: HOLLE

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