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Uwe Wittstock: Literatur kennt nicht nur Moll-Töne

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Von: Jürgen Wagner

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Glückliche Gewinner: Die insgesamt 23 Autorinnen und ein Autor beim Gruppenbild im Dolce in Bad Nauheim mit den Ovag-Vorständen Oswin Veith und Joachim Arnold, Initiator Andreas Matlé (l.) undLaudator Uwe Wittstock. © pv

Emilia Bauer, Patrizia Krug, Lilli Weiskopf, 20 weitere jungen Fauen und ein junger Mann wurden im Dolce in Bad Nauheim beim 19. Jugendliteraturpreis der Ovag ausgezeichnet.

Mit der »alten Kulturtechnik des Schreibens« (Ovag-Vorstand Oswin Veith) haben SMS, WhatsApp und Facebook-Chats wenig zu tun. Da gehört deutlich mehr dazu. Mehr an Inhalt und mehr an Form. Emilia Bauer, Patrizia Krug, Lilli Weiskopf und 21 weitere Teilnehmerinnen des 19. Jugendliteraturpreises der Ovag beherrschen diese Kulturtechnik und wurden dafür im Bad Nauheimer Dolce ausgezeichnet.

Sponsern Unternehmen Kulturveranstaltungen, werden sie nicht selten mit der Frage konfrontiert, warum sie dies tun. Warum sie - im Falle der Ovag - ein Varieté, Sommerkonzerte und rund 60 Autorenlesungen pro Jahr organisieren. Beim Jugend-Literaturpreis werde diese Frage nie gestellt, sagte Ovag-Vorstand Oswin Veith am Freitagabend im Bad Nauheimer Dolce. Jeder wisse: Die Förderung von Lesen und Schreiben ist von immenser Bedeutung, für jeden Einzelnen, für die Gesellschaft, für die Demokratie.

Gut 200 Gäste hatten sich versammelt, gespannt warteten die jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer (doch, doch, es nahmen auch Jungs teil, einer schaffte es in die Liste der Preisträger) auf die Bekanntgabe der Gewinnernamen. Die Eltern oder Großeltern waren mindestens genauso gespannt, und als am Ende alle Preisträger auf der Bühne standen und die Fotoapparate und Smartphones klickten, strahlten alle vor Freude.

Freude ist ein gutes Stichwort: Der Kulturjournalist und Buchautor Uwe Wittstock (aktuell: »Februar 1933 - Der Winter der Literatur«) stellte in seiner Laudatio die Freude und den Spaß an der Literatur in den Vordergrund. »Literatur kann, muss aber nicht auf Moll gestimmt sein«, sagte er. Nicht jede fiktive Liebe müsse scheitern, man könne auch die guten Seiten des Lebens darstellen. Was nicht leicht sei, da die Gefahr besteht, in den Kitsch abzurutschen. Dagegen helfe eine Kombination von »Ernst und Esprit, von Würde und Witz«.

Die halbe Welt im Klassenzimmer

Was Wittstock aus den 24 prämierten Geschichten herausgelesen hat, ist eigentlich eine Binsenweisheit: Die Welt rückt zusammen, die Grenzen schwinden. Aus den Geschichten über Folter, Drogensucht, Krieg, aber auch den ersten Flirt könne man heraushören, »dass die halbe Welt mit am Schultisch sitzt«. Was heute Schüler aus der Ukraine sind, war 1968, als die Tschechoslowakei besetzt wurde, für Wittstock und seine Mitschüler ein Junge aus Prag, der plötzlich in der Klasse saß. So kam die große Welt ins Klassenzimmer: »Seine Erzählungen beseitigten manche Illusion.«

Sollen uns Geschichten berühren, müssen sie anschaulich erzählt werden. Wittstock demonstrierte dies zu Beginn seiner Laudatio. Da erzählte er von einer Klassenfahrt in ein Landschulheim in der Eifel, während der er und Freunde öfter nach Luxemburg fuhren, um dort zu kaufen, was es bei uns damals nicht gab: weiße Schokolade. Diese weiße Schokolade hatte für die weiteren Ausführungen keine Bedeutung, blieb aber als Symbol des Außergewöhnlichen im Kopf der Zuhörer hängen.

»Konzentrieren Sie sich auf die Inhalte«, hatte Veith den jungen Autorinnen zuvor zugerufen. »Legen Sie den Finger in die Wunde, schreien Sie in die Welt hinaus, was Ihnen auf der Seele liegt.« Nicht zur Nachahmung empfahl Veith »die ermüdende Debatte über das Gendern, die sogenannte Cancel Culture und politische Korrektheit«. Dies dürfe Autoren nicht von den wirklich wichtigen Themen abhalten. Veith: »Literatur ist der Ort, wo es zur Sache geht.«

24 Preise und eine erste Prüfung

Dann ging es auf der Bühne zur Sache. Carlo Brüggemann (Klavier) und Benedikt Sender (Tenorsaxophon), zwei Schüler der Musikschule Friedberg, unterhielten das Publikum mit groovigen Jazz-Standards. Und dann war es soweit: Jubel brandete auf, als Emilia Bauer (Albert-Schweizer-Schule Alsfeld) für ihre Erzählung »Der Geschmack von Blaubeeren« der 1. Preis (1000 Euro) zugesprochen wurde. Der 2. Preis (700 Euro) ging an Patrizia Klug (Hungen) für die Erzählung »Goldmanns«; sie ist zum siebten Mal unter den Preisträgern, gewann den Wettbewerb im Jahr 2018. Lilli Weiskopf aus Gießen war bereits 2021 unter den Preisträgern, 2020 holte sie den 2. Platz, diesmal war’s der 3. Preis (600 Euro für »Liebe ist dein zweiter Name / sommerblau«).

Die 21 weiteren Preisträger erhalten 250 Euro. Dazu gab es Urkunden, Blumen aus den Händen der Ovag-Vorstände Oswin Veith und Joachim Arnold sowie Gutscheine und Buchpräsente von den Schulen sowie von Vertretern der jeweiligen Heimatorte. Die erste Prüfung für die angehenden Autorinnen lautet daher stets: Wie schaffe ich es beim Fototermin, all die Präsente festzuhalten und gleichzeitig Hände zu schütteln? Alle Preisträger haben diese Prüfung mit Bravour bestanden.

Gewinner und Gruppenpreise

1. Platz: Emilia Bauer (Schrecksbach, Albert-Schweizer-Schule Alsfeld). 2. Platz: Patrizia Krug (Hungen). 3. Platz: Lilli Weiskopf (Gießen). Die weiteren Preisträger: Masa Alnomani (Ober-Mörlen, Ernst-Ludwig-Schule Bad Nauheim), Pia Bonn (Friedberg), Luana Cimiotti (Stadtallendorf, Albert-Schweizer-Schule Alsfeld), Sarah Emamzahi (Lich), Carolin Görlach (Pohlheim), Hermine Gronemeyer (Mücke, Friedrich-Magnus-Gesamtschule Laubach), Seba Habibyar (Bad Nauheim), Nicole Kammerloch (Nidda, Gymnasium Nidda), Aliyah König (Linden, Liebigschule Gießen), Heidi Lubina (Hammersbach, Limesschule Altenstadt), Marie Middendorf (Rosbach v. d. Höhe, Ernst-Ludwig-Schule Bad Nauheim), Josefine Nink (Gießen, Landgraf-Ludwigs-Gymnasium), Quentin Rathe (Linden, Landgraf-Ludwigs-Gymnasium Gießen), Julia Rausch (Romrod, Albert-Schweizer-Schule Alsfeld), Lina Richter (Butzbach, Weidigschule), Caitlin Rossmanith (Ortenberg, Gesamtschule Konradsdorf), Jamila Schiel (Bad Nauheim), Madita Schimmel (Laubach, Friedrich-Magnus-Gesamtschule), Tamy Rose Span (Lauterbach, Geschwister-Scholl-Schule Alsfeld), Emmilie Specht (Nidda) und Norinda Tondar (Rabenau). Der Jugend-Literaturpreis lebt vom Engagement der Schulen. Dies würdigt die Ovag mit Gruppenpreisen. Der mit 500 Euro dotierte Karlhans-Frank-Gedächtnispreis geht an die ehemalige 8 a der Schrenzerschule Butzbach und die Lehrerin Kim Eva Voigt-Hilberger für das Projekt »Feldpostbriefe«. Jeweils 250 Euro für Gruppenprojekte gehen an Schulklassen der Schrenzerschule Butzbach, der Ernst-Ludwig-Schule Bad Nauheim (2 Preise), des Gymnasiums Nidda, des Burggymnasiums Friedberg, der Theo-Koch-Schule Grünberg, der Limesschule Altenstadt, der IGS Schlitzerland in Schlitz und des Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums Gießen. Die prämierten Texte werden bei einem Workshop in Bad Kissingen lektoriert, dann folgen Buchveröffentlichung und Lesungen.

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Die drei Erstplatzierten des 19. Jugend-Literaturpreises der Ovag (v. l.): Patrizia Krug, Emilia Bauer und Lilli Weiskopf. © pv
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Laudator Uwe Wittstock © pv

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