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Verheilte Wunden, gebliebene Narben

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Das Bürgerhaus bauten die Eichelsdorfer selbst. V.l. Ortsvorsteher Werner Rau, Manfred Bechtold, Hans Otto Bing und Gerhard Kühn. © Myriam Lenz

Es waren zu viele Emotionen in der Diskussion um die Gebietsreform, sagt eine Alt-Herren-Riege, die sich im Bürgerhaus Eichelsdorf trifft. Der Ort wurde vor 50 Jahren zwangseingemeindet.

Nach 50 Jahren hat Eichelsdorf mit Thorsten Eberhard wieder einen Bürgermeister. Man könnte es fast als eine kleine Wiedergutmachung deuten. Denn vor 50 Jahren wurde die Gemeinde Eichelsdorf als letzte der 18 Stadtteile in die Großgemeinde Nidda zwangseingemeindet. Aufreibende Verhandlungen, persönliche Interessen und Emotionen sind dem vorausgegangen. Es waren viel zu viele Emotionen, sagt eine Alt-Herren-Riege, die sich im Bürgerhaus trifft.

Manfred Bechtold, Gerhard Kühn, Hans Otto Bing und auch Ortsvorsteher Werner Rau sitzen am Tisch in der Mehrzweckhalle Eichelsdorf. Gerhard Kühn ist mit seinen 86 Jahren der Älteste und ergreift das Wort. »Es ist an der Zeit, Dinge zu sagen, die mancher nicht hören will.« Kühn rückte 1971 ins Eichelsdorfer Gemeindeparlament für die SPD nach, weil andere während der Debatte über die Gebietsreform das Handtuch geworfen hatten. »Es gab unschöne Diskussionen quer durch alle Reihen«, erinnert er sich an diese Zeit.

Die Verhandlungen für die Gebietsreform prägten die frühen 70er-Jahre. Eichelsdorfs Bestreben, eine Kommune im Niddatal mit Eichelsachsen, Wingershausen, Ober-Schmitten, Unter-Schmitten und Rainrod zu bilden, schlug fehl. Eine wichtige Sitzung mit den beteiligten Bürgermeistern und Gemeindevertretern erfuhr einen ominösen Ausgang, als die Vertreter aus Rainrod und Eichelsachen überraschend fernblieben. Damit wendete sich das Blatt.

Politik für alle, Pläne der Einzelnen

Ober-Schmitten, dessen Bürgermeister Helmut Schmollack das Zeug gehabt hätte, Rathauschef dieser neuen Kommune zu werden, zog ebenfalls zurück. Schmollack hatte wohl andere Pläne. »Er wollte Bürgermeister der Großgemeinde werden, da der aktuelle Rathauschef Wilhelm Eckhardt als Nachfolger von Landrat Kurt Moosdorf gehandelt wurde«, sind sich die Männer sicher. »Die Niddaer Politik wurde damals in den Betriebsräumen der Papierfabrik Moufang, wo viele Gemeinderäte arbeiteten, gemacht«, erzählt Werner Rau. Dort beziehungsweise an den Tresen hätten maßgebliche Leute die Weichen Niddas gestellt, ergänzen die Männer.

Nach jener Sitzung sei die Vereinigungsmoral zusammengeklappt, erzählt Kühn. Eichelsdorf sollte sich zwischen einem Anschluss an Schotten oder Nidda entscheiden. Die Tendenz sei eher zu Schotten gewesen, sagt Bechtold, der später der erste Ortsvorsteher Eichelsdorfs nach der Gebietsreform wurde. Kühn, sein späterer Nachfolger im Amt, hakt ein: Er persönlich sei für den Anschluss an Nidda gewesen.

Eichelsdorf beschreiben sie als »Stadt an der Grenze«, also zwischen Nidda und Schotten. Schon 1966 wurde mit dem Bau des Bürgerhauses angefangen, die Gemeinde baute auch aus eigener Kraft einen Kindergarten. Durch die Ausweisung des Wochenendgebiets Kleeberg konnten Einnahmen generiert werden. Eichelsdorf hatte durch die papierverarbeitende Industrie ein sehr hohes Gewerbesteuereinkommen. Dieses sei laut Kühn der vermeintliche Grund der Gegner und Anlass zu der Aussage gewesen: Wir sind stark genug. Die Stimmung sei halb, halb gewesen.

Die Möglichkeit des freiwilligen Beitritt war dahin. In den Abendstunden des 1. August 1972 hatten Ortsbewohner eine schwarze Flagge an den Fahnenmast am Bürgerhaus gehängt. Man habe in einer Kurzschlussreaktion gehandelt und gesagt, ›wir wollen selbstständig bleiben und gegen die Gebietsreform klagen‹, erzählt Kühn. In der Gemeindevertretung stimmten von neun Mitgliedern sieben dafür und zwei, darunter Kühn, gegen den gerichtlichen Weg. Eichelsdorf verlor die Klage und seine Eigenständigkeit, hatte nicht einmal einen Auseinandersetzungsvertrag, also eine Art Wunschliste der Bürger.

Pure Emotionen statt Argumente

Die Diskussion am Tisch nimmt an Fahrt auf. »Das mit dem Auseinandersetzungsvertrag haben wir unterschwellig immer aufs Brot geschmiert bekommen«, sagt Kühn. Bechtold sieht das nicht ganz so. Bing sagt: »Es waren insbesondere die älteren Leute, die gesagt haben, wir wollen unsere Selbstständigkeit behalten«. Das waren pure Emotionen, folgert Kühn. Keine richtigen Argumente, sagt Bechtold.

Von den jährlichen Gewerbesteuereinnahmen von etwa 500 000 Mark seien im letzten eigenen Haushalt von 1971 nur noch 100 000 Mark geblieben. Zeitgleich wurde Personal für den Kindergarten gebraucht.

»Im Nachhinein ist es gut, dass es so gekommen ist«, schlussfolgert Bechtold. »Wir haben kein Problem, ob Nidda, Schotten oder Eichelsdorf. Wir haben das Problem Erdball und da ist der Mensch die größte Plage«, sinniert Kühn.

Nidda ist nun mit seinen 118 Quadratkilometern Fläche im Wetteraukreis nach Büdingen die zweitgrößte Kommune mit 18 Stadtteilen. Der Zusammenschluss hat für Werner Rau nicht nur Vorteile gebracht. In Bezug auf die Einwohnerzahl sieht er Nidda benachteiligt. Es müsse wesentlich mehr Aufwand betrieben werden, um die Einwohner zu erreichen. Die kommunalen Aufgaben würden bei dieser großen Fläche zur Herausforderung. »Man musste eine Gebietsreform anstreben, aber ob es in dieser Konstellation sinnvoll ist, mag ich bezweifeln.« In Bayern und Baden-Württemberg gäbe es zahlreiche eigenständig gebliebene Gemeinden, die Verwaltungsgemeinschaften in bestimmten Bereichen gebildet hätten. Für ihn ist dieses Modell schlüssig.

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Thorsten Eberhard © pv

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