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Zwei Zugpferde ziehen einen Pflug über einen Acker auf dem Dottenfelderhof. Der Einsatz der Kaltblüter dient dabei sowohl einer nachhaltigen Bewirtschaftung des Bodens wie auch dem Erhalt einer Tradition.

"Wir haben es satt"

Ein etwas anderes Festival zwischen Schweinestall und Käserei

Auf dem Dottenfelderhof in Bad Vilbel findet vom 20. bis 24. Juni ein agrarpolitisches Festival mit Musik und Kunstaktionen statt. Hunderte Gäste werden erwartet. 

Bad Vilbel - Am Donnerstag beginnt auf dem Dottenfelderhof in Bad Vilbel das "Beats + Bohne"-Festival. Zwischen Schweinestall und Käserei tauschen sich die Besucher vier Tage lang über nachhaltige Landwirtschaft, Artensterben und Klimakrise aus. Dazu gibt’s Livemusik und Kino-Filme. Ein deutschlandweit bisher einzigartiges Format. Organisiert wird das Festival von der "Wir haben es satt!"-Bewegung. Unser Redakteur Alexander Gottschalk hat mit ihrem Sprecher Christian Rollmann (36) über die politische Botschaft der Aktion gesprochen.

Das Festival heißt "Beats + Bohne". Ich muss es einfach fragen. Hätte das Motto nicht lauten müssen: "Jedes Böhnchen gibt ein Tönchen"? 

Christian Rollmann lacht: Vielleicht. Aber unser Motto könnte genauso gut sein: "Steter Tropfen höhlt den Stein."

Warum das denn?

Die "Wir haben es satt!"-Bewegung gibt es seit zehn Jahren. Wir sind ein sehr breites Bündnis aus Umweltschutzorganisationen, Ernährungsinitiativen und Bauernverbänden, aber auch Organisationen für globale Zusammenarbeit, wie "Brot für die Welt". Zum Auftakt der Grünen Woche im Januar gehen wir jedes Jahr demonstrieren. Zuletzt waren 35 000 Menschen mit dabei, die es auch satt haben, dass das Landwirtschaftsministerium und die Agrarlobby Politik im Sinne der Großindustrien machen.

"Wir setzen uns auch für etwas ein"

Daher kommt das eigentliche Motto "Wir haben es satt"?

Genau. Wir haben es satt, wie sich die Agrarindustrie entwickelt hat. Aber wir sind keine Bewegung, die immer nur dagegen ist. Wir setzen uns auch für etwas ein. Wir setzen uns dafür ein, dass Tiere gut gehalten werden, dass die Landwirtschaft das Klima schützt und dass Bauern vom Verkauf ihrer Produkte auch leben können.

Was sind Ihre konkreten Forderungen?

Wir fordern zum Beispiel bei der anstehenden EU-Agrarreform, dass die Politik aufhört, Großkonzerne mit Steuergeldern zu finanzieren, wenn diese nicht zukunftsfähig wirtschaften. Wenn sie dafür sorgen, dass Artenvielfalt schrumpft, dass Nitrat ins Grundwasser gelangt und der Klimawandel weitergeht. Dafür sollte man keine staatliche Förderung bekommen.

Warum braucht’s denn aber jetzt ein Festival?

Wir wollen Aufmerksamkeit erzeugen. Das ist das eine. Wir wollen uns aber auch vernetzen und gemeinsame Aktionen planen. Die Idee zu diesem ersten agrarpolitischen Festival kam aus den Jugendorganisationen. Es geht darum, Spaß dabei zu haben, unsere Positionen klarzumachen. Klar, das Landwirtschaftsministerium hat noch viel zu tun. Aber wir wollen eben auch mal feiern, dass viele Bauern und Bäuerinnen schon hart für die Agrarwende ackern.

Haben Sie deshalb den Dottenfelderhof ausgewählt?

Der Dottenfelderhof ist ein Bauernhof, wie wir ihn uns vorstellen. Er hat nur so viele Tiere, wie auch Flächen da sind. Das ist ein Problem in der Großindustrie. Da fehlen Ausgleichsflächen. Das ist aber nur ein Beispiel. Hier werden auch gute Lebensmittel produziert. Unsere Besucher können hier hautnah erfahren, wie ein Bauernhof sein sollte.

Zielgruppe ist jünger als 32 Jahre

Wer sind denn überhaupt die Besucher des Festivals?

Es sind vor allem junge Leute. Unsere Zielgruppe ist jünger als 32 Jahre. Sie kommen aus Umwelt- und Naturschutzorganisationen, Bauern sind dabei und Slowfood-Anhänger. Es haben sich viele aus Hessen angemeldet. Die Bad Vilbeler sind natürlich auch herzlich willkommen, mal vorbeizuschauen. Wir rechnen mit 400 Besuchern. Ein paar Tickets gibt es noch.

Was erwartet die Besucher?

Es gibt eine Diskussion mit der hessischen Umweltministerin, Workshops zur Klima- und zur Agrarkrise, Kurse zum Korkflechten, Rundgänge über den Bauernhof und Auftritte handverlesener Bands. Höhepunkte sind das Radio-Ballett, bei dem Kopfhörer ausgeteilt werden und die Teilnehmer dann live Tanz-Anweisungen bekommen. Und die Lesung von Milchbauer Matthias Stührwoldt zur Zukunft des Essens und der Landwirtschaft.

Es kommen viele Junge. Sie demonstrieren mit Tausenden in Berlin. Freitags gehen Schüler bei "Fridays for Future" auf die Straße. Spüren Sie eine Aufbruchstimmung?

Ja, man merkt eine Aufbruchstimmung. Die jungen Leute haben einfach den Ernst der Lage erkannt. Sie wissen, dass sie länger als ältere Semester mit unserer Erde leben müssen. Unsere Bewegung ist auch eine Aufforderung an Berlin, sich endlich mit den wichtigen Fragen unserer Zeit auseinanderzusetzen.

Das Interview führte Alexander Gottschalk

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