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Seit fünf Jahren ist sie die Flüchtlingskoordinatorin in Bad Vilbel: Susanne Förster. Nachdem ihr Teams anfangs nicht gewusst habe, wo oben und unten sei, habe man die Lage heute bestens im Griff. 

Interview 

Notunterkünfte für Flüchtlinge – „Die Arbeit ist leichter geworden“ 

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Flüchtlingskoordinatorin Susanne Förster im Gespräch zur Situation in den städtischen Notunterkünften

Bad Vilbel – Die große Hysterie um das Thema Flüchtlinge ist in den vergangenen Wochen und Monaten abgeklungen. Auch in Bad Vilbel. Zum Glück, findet Susanne Förster, macht es ihren Alltag als städtische Flüchtlingskoordinatorin doch zumindest im Hinblick auf Medienanfragen ein wenig leichter. Vorsichtig ist man im Rathaus dennoch, wenn es um Pressebesuche in den Asylantenheimen geht. Redakteur Alexander Gottschalk hat gefragt, warum. Im Interview spricht Förster über die Situation vor Ort, erläutertet aktuelle Zahlen und beklagt lästige Dauerprobleme.

Frau Förster, dieses Interview hätte es eigentlich nie geben sollen. Es ist ein Ersatz. Unsere Ursprungsidee war, einen Sozialarbeiter in eine der städtischen Flüchtlingsunterkünfte zu begleiten. Sie haben das vehement abgelehnt. Warum? 

Das Flüchtlingsthema ist nach wie vor sehr sensibel. Aber die Themenschwerpunkte haben sich verlagert. Gerade die Arbeit der Sozialarbeiter ist wesentlich intimer geworden. Es geht nicht mehr nur noch um Fragen wie: Wo bekomme ich Geld, Kleidung oder ein Fahrrad her? Sondern es geht um Traumaberatung und familiäre Probleme. Da sollte man die Intimspähre wahren. Außerdem würde ich auch nicht wollen, dass ein Fremder durch mein Wohnzimmer läuft.

Sie deuten da einen spannenden Punkt an. Viele Flüchtlinge leben schon seit Jahren in den Bad Vilbeler Notunterkünften. Sind diese für die Menschen ein Zuhause geworden? 

Ja, das muss man wirklich so sagen. Dort wohnen Flüchtlinge, die von der ersten Stunde an hier sind, und Familien, die ihre Kinder hier bekommen haben. Die haben sich natürlich heimisch eingerichtet und verstehen die Unterkünfte als Wohnung auf Dauer. Auf eigenen Füßen stehen wollen aber eigentlich alle. Nur fehlen dafür die Möglichkeiten.

Was meinen Sie damit genau? 

Unsere Flüchtlingsunterkünfte sind keine klassischen Wohnungen. Es ist immer noch zu viel Mensch auf zu wenig Raum. Das müsste man entzerren, und den anerkannten Flüchtlingen Wohnraum vermitteln. Aber im ganzen Umland gibt es so gut wie keinen bezahlbaren Wohnraum. Viele Flüchtlinge dürfen wegen der Wohnsitzbeschränkungen außerdem nur im Wetteraukreis suchen. Und Vermieter haben weiter Vorbehalte vor diesen Klientel. Das macht es schwierig.

Inwiefern spiegeln sich diese Probleme in den Flüchtlingszahlen für Bad Vilbel wider? 

Wir haben 450 Flüchtlinge in den Unterkünften, verteilt auf 15 Häuser. Also immer noch eine sehr große Anzahl. Darunter sind etwa 180 Anerkannte, die teilweise schon wirklich lange ausziehen dürften. Insgesamt 235 Wegzüge in private Wohnungen konnten wir verzeichnen, Umzüge mit uns unbekanntem Ziel und Rückführungen nicht eingerechnet. Das klingt viel, ist es aber nicht. Auf unsere fünfeinhalb Jahre Flüchtlingsarbeit heruntergebrochen sind das gerade mal dreieinhalb Personen pro Monat.

Was kann die Stadt tun, um den Geflüchteten zu Wohnraum zu verhelfen? 

Wir als Kommune können relativ wenig machen. Wir suchen natürlich in unserem eigenen Wohnungsbestand. Aber wir haben schon eine riesige Warteliste, und es darf keine Bevorteilung geben. Unsere beste Möglichkeit ist ein gutes Beratungsgespräch.

Wünschen Sie sich da mehr Hilfe von übergeordneten Behörden? 

Es liegt nicht an den übergeordneten Behörden. Ich glaube, die Kommunen müssen einfach mehr sozialen Wohnungsbau leisten.

Geschieht das in Bad Vilbel? 

Es passiert, ja. Aber es könnte wie in vielen Dingen auch hier immer mehr sein. Viele Kulturen, viele Menschen auf engem Raum, keine Chance, wegzukommen. Das klingt frustrierend. Wie ist die Stimmung in den Unterkünften? Der Frust steigt. Vor allem unter den Flüchtlingen, die eine Arbeitsstelle haben. Sie verdienen Geld, wollen sich ein Einzelzimmer mieten, dürfen aber aus Rechtsgründen nicht, weil sie noch im laufenden Asylverfahren stecken. Und jetzt stellen Sie sich vor, sie haben Nachtdienst und müssen sich mit fünf anderen, die gar nicht arbeiten oder ganz andere Arbeitszeiten haben, eine Küche oder ein Bad teilen. Und dann ist da noch die Hellhörigkeit. Auf Dauer ist das kein schönes Wohnen.

Gibt es deshalb Konflikte in den Unterkünften? 

Ja, es gibt immer mal wieder Konflikte. Aber nichts Dramatisches. Das ist wie im privaten Umfeld. Vielleicht feiert der Nachbar mal zu laut, dann gibt es Stress. Nur, dass in den Unterkünften ein paar mehr Menschen auf einem Haufen wohnen. Insgesamt haben wir aber alles sehr gut im Griff.

Was haben Sie dafür getan? 

Wir haben in den großen Unterkünften nachts einen Sicherheitsdienst engagiert. Nicht nur um Konflikte zu vermeiden, sondern auch um den Brandschutz zu gewährleisten und darauf hinzuwirken, dass mit Ressourcen sparsamer umgegangen wird.

Sie haben davon gesprochen, dass viele der Flüchtlinge Arbeit gefunden haben. Wie viele sind es denn genau und was machen sie? 

Im letzten Quartal waren es ungefähr 100 Flüchtlinge, die in Arbeit vermittelt waren. Das klingt relativ wenig. Es ist aber an der Quote gemessen ganz gut. Wir haben etwa viele Frauen, die sich um die Kinderbetreuung kümmern, und deshalb nicht arbeiten können. Zu den Jobs selbst kann ich wenig sagen, da die Flüchtlinge uns ihre Arbeitsstellen nicht zurückmelden müssen. Aus Gesprächen weiß ich aber, dass sie in Bäckereien, Reinigungsbetrieben, in Hotels, beim Friseur und ein paar bei McDonalds arbeiten.

Zwischen drei und zehn Flüchtlinge kommen pro Monat nach Bad Vilbel – deutlich weniger als noch vor einigen Jahren. Wie hat das ihre Arbeit verändert? 

Wir laufen uns nicht mehr nur selbst hinterher. Wir hatten 2015 eine Phase, da haben wir nicht mehr gewusst, wo oben und unten ist. Da haben wir nur noch Schadensbegrenzung betrieben. Jetzt können wir genauer hingucken. Dinge angehen, die länger liegen geblieben sind. Es ist auch mehr Routine reingekommen. Viele Fälle hat man schon gehabt und Entscheidungen fallen leichter. Die neuen Flüchtlinge werden außerdem von den alten in ein bestehendes Konstrukt integriert. Das ist mittlerweile Hilfe zu Selbsthilfe. Das Arbeiten ist schon leichter geworden.

Sind Sie trotzdem noch abhängig von der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit? 

Ich denke da vor allem an die Flüchtlingshilfe. Ja, das ist noch so. Der Flüchtlingshilfeverein leistet immer noch enorm viel, auch wenn er inzwischen mehr im Hintergrund arbeitet. Gerade die beiden wichtigsten Säulen der Integration, die Arbeitsvermittlung und die Deutschkurse, wären für uns ohne das Ehrenamt nicht zu stemmen.

Der Kreis will bis Ende des Jahres die Unterbringung der Flüchtlinge übernehmen. Was bedeutet das für die Stadt Bad Vilbel? 

Dazu kann ich noch nichts sagen. Wir sind in den Verhandlungen mit dem Wetteraukreis. Ich gehe aber im Moment davon aus, dass sich unter dem Strich nicht viel ändern wird.

Die Stadt hat ja die Flüchtlingsunterkünfte selbst gebaut. Der Kreis könnte beispielsweise als Mieter einsteigen. Erhoffen Sie sich finanzielle Erleichterungen? 

Ja, darauf hoffe ich. Natürlich wollen wir in den Verhandlungen gut wegkommen. Es ist kein Geheimnis, dass wir jahrelang draufgelegt haben, weil die Pauschalen, die wir vom Kreis bekommen, nicht reichen.

Was kostet die Flüchtlingsarbeit die Stadt Bad Vilbel? 

Ich glaube, dass sind Zahlen, die wir nicht öffentlich machen sollten. Nur so viel: Wir legen immer noch drauf.

Gibt es ein Ziel, auf das Sie als Flüchtlingskoodinatorin hinarbeiten? 

Nein, das kann ich so nicht sagen. Ich hoffe einfach, dass es friedlich bleibt und wir irgendwann mehr Wohnraum haben.

Aber ist das nicht auch für Sie frustrierend? Die Krux an der Sache ist doch, dass Sie sich dauerhaft in einer Ausnahmesituation haben einrichten müssen. Es heißt ja nicht umsonst Notunterkunft. 

Sie meinen, ob es mich frustriert, dass kein Ende in Sicht ist?

Genau. 

Dass wir irgendwann sagen, Betreuung abgeschlossen und alle gehen ihren Weg, das sehe ich tatsächlich nicht. Das wäre wünschenswert, aber ich kann es mir nicht vorstellen. Der Status des Geflüchteten, und er ist dann kein Geflüchteter mehr. Aber er ist trotzdem hier und deswegen hört die Betreuung nicht auf. Ich mache meinen Job immer noch gern.

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