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Der Punkt dort am Himmel ist tatsächlich der Ball. Redakteur Dominik Rinkart weiß nicht, wie ihm geschieht. Trainer Jonathan Wilson ist von der Leistung angetan.

Schwung holen... und ab dafür

Wie schwer kann Golf schon sein? - Unser Redakteur wagt einen Selbstversuch

Mit einem Schläger gegen einen Ball schlagen, damit dieser in ein Loch rollt – wie schwer kann das schon sein? Unser Redakteur Dominik Rinkart hat im Dortelweiler Golfclub Lindenhof den Selbstversuch gemacht und festgestellt: Es ist ungefähr das technisch Anspruchsvollste, das er je getan hat. 

Bad Vilbel - Die Sonne scheint angenehm warm über dem leuchtend grünen Rasen des Dortelweiler Golfclubs, ein seichter Wind sorgt für leichte Abkühlung, ein Vögelchen verschwindet sanft zwitschernd in einem Obstbaum – sonst herrscht Ruhe. Es ist Jahre her, dass ich zuletzt einen Eimer Golfbälle in die Petterweiler Felder gedroschen habe, heute soll das anders werden. Niemand geringeres als der Cheftrainer der Golfanlage, Jonathan Wilson, steht mir dafür zur Seite. Zwei Stunden seiner gutbezahlten Zeit schenkt er mir, um aus mir, einem passablen Hockeyspieler, einen waschechten Golfer zumachen. 

Mit leichter Stoffhose, Poloshirt und bunten Schuhen habe ich schon mal alles gegeben, um mich wie ein echter Golfer zu fühlen. Keine schlechte Idee, immerhin sind Bluejeans auf dem Gelände verpönt, ein Kragen ist bei Herren gar Pflicht. Golfen hat viel mit Stil zu tun, und das ist es, was Jonathan ausstrahlt. Schnell sind wir per Du und der entspannte Engländer, dessen Akzent ihn bloß noch professioneller wirken lässt, beginnt zu erzählen. 

Um die Regeln des Spiels zu erklären, gibt es zwei Varianten. Die erste beinhaltet das jeweilige Leistungsniveau eines Spielers verglichen mit der Schwierigkeit des Platzes, woraus sich eine für jeden unterschiedliche gültige Schlagzahl ergibt. Die zweite Variante besagt: Bringe den Ball mit so wenig Schlägen wie möglich ins Loch. 

Wer hier abschlägt, muss wissen, was er tut

Apropos Loch: Wo genau ist das eigentlich? Vor der Trainingsstunde fährt mich Jonathan mit dem Golfcart über die Anlage. Mehr als 500 Meter misst etwa Bahn Neun. "Siehst du dahinten, zwischen den Bäumen, das Clubhaus?", fragt mich der 53-Jährige, "in etwa dort ist das Loch." Zunächst ist da jedoch nur ein großer Teich, dessen Grund mit reichlich Bällen bedeckt sein dürfte. Wer hier abschlägt, muss wissen, was er tut. Es wird also Zeit fürs Training. So setzen wir uns zurück ins Golfcart und düsen in den Übungsbereich des Clubs. 

Trainer Jonathan Wilson (rechts) gibt die Richtung vor. Jetzt muss er das nur noch dem Ball sagen.

Freundlich grüßen die Golfer den vorbeisurrenden Cheftrainer, es herrscht eine entspannte Atmosphäre. Niemand ist hier, um sich zu stressen. Der Altersschnitt fällt an diesem gewöhnlichen Tag in die Kategorie "rüstig", die Wartezeiten an den einzelnen Bahnen sind gleich Null: "Wir haben lieber weniger Mitglieder, dafür haben die dann keine Wartezeiten", erklärt mir Jonathan das Konzept des Clubs. Die Preise sind gehoben; wer hier spielen will, muss Geld mitbringen, keine Frage. Dafür sind die Bedingungen exzellent. Das garantieren unter anderem elf festangestellte Greenkeeper. 

Im Keller des Clubhauses, dort wo jedes Mitglied einen eigenen Spind hat und ein Caddy-Master für perfektes Equipment sorgt, zückt Jonathan schnell ein paar passende Schläger für mich und los geht’s. 

Lektion Eins: Putten. "You drive for show and putt for dough", zitiert Jonathan eine englische Golfer-Weisheit, die so viel aussagt wie "Das Abschlagen sieht zwar spektakulär aus, aber erst beim Einlochen geht es wirklich um die Wurst". So legt mir Jonathan einen Ball hin, drückt mir einen Putter in die Hand und nach einem sanften "Plock" kullert der Ball passabel nah an den Ort seiner Bestimmung. 

Zu viel Nachdenken hilft nicht

"Wir haben ein Naturtalent", lacht Jonathan, ich nicke verwundert. Die nächsten Bälle landen mal mehr, mal weniger nah am Loch und schließlich drin. Erst als ich anfange, über meine Kniehaltung nachzudenken, rollen sie zuverlässig ins Nirvana. "Je mehr du weißt, desto schwieriger wird es", erklärt mir mein Coach. "Vertraue deinem Gefühl." 

Jonathan meckert nicht, lächelnd steht er neben mir und lässt mich fröhlich meinen Schläger schwingen. Der ehemalige Profispieler ist nicht nur Linkshänder, sondern auch Mentalcoach. Ich kann nicht viel, und wenn ich da noch drüber nachdenke, könnten wir es gleich lassen. Es gilt eines meiner Lebensmottos: "Was ich nicht kann, mach ich mit Schwung." 

Am Ende der Übungsstunden fliegt dieser Ball respektabel weit, ehe er im Teich untergeht. Redakteur Rinkart sieht es trotzdem als Erfolg.

Jonathans gesellige und doch stoische Entspanntheit bedeutet jedoch nicht, dass er nichts zu sagen hat. Nach jedem Schlag gibt er mir einen neuen Tipp und vollzieht kleine Korrekturen, doch unter Druck setzen mich seine Worte nicht – der Mann weiß, was er tut. 

Die große Euphorie meiner passablen Leistung auf dem Grün verblasst schnell in den Weiten des Fairways. Mit dem Eisen geht es hier an die kurzen und mittelweiten Schläge. Ging es beim Putten noch um das reine Gefühl, zählt jetzt die ideale Mischung aus technischem Geschick und entspanntem Schwung. Im Gegensatz zu dem perfekt gepflegten Rasen ist bei mir mächtig der Wurm drin. Einige Bälle bewegen sich zwar nach einem gewissen Schlägerkontakt meinerseits vorwärts, so richtig ins Fliegen kommen sie jedoch nicht. Also schnell weiter zur Driving Range – immerhin wurde keiner verletzt. Und ein Lob gibt es auch hier. Jonathan gefallen meine Hände: "Die wurden für Golfschläger gebaut", meint er, allerdings nicht für gewöhnliche, ich bräuchte spezielle mit etwas dickerem Griff. Ich schreibe mit, man weiß ja nie. 

Golfen ist ein vollkommener Sport

Auf der Driving Range, dem Ort, an dem die Abschläge bis über 200 Meter geübt werden, zeigt Jonathan, womit er in den 90ern Yorkshire unsicher gemacht hat. Erstaunlich, wie lange ein Ball durch die Luft fliegen kann. Zwei Kameras zeichnen den Schlag auf, so lässt sich die eigene Bewegung im Detail analysieren. Nun bin ich an der Reihe. Ich hole Luft und Schwung und ab dafür. In formschönem Bogen fliegt der Ball aus dem Trainigsunterstand, landet bei ungefähr 160 Metern und rollt noch etwa 20 weitere: "Das habe ich nicht kommen sehen", entschuldige ich mich versehentlich. Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn, denke ich. "Du hast echt Potenzial", sagt Jonathan. Ein weiterer Schlag von mir saust zwar mit mächtig Getöse in die seitliche Wandverkleidung des Unterstands, doch Jonathan bleibt bei seinem Fazit. 

Wenn nichts mehr hilft, geht immer noch die lässige Pose. Das klappt beim Redakteur schon mal wie bei den Profis.

Golfen ist ein vollkommener Sport. Er verbindet innere Ruhe mit detaillierter Technik. "Du musst positiv visualisieren können", erklärt Jonathan. Der Schlag spiegelt das Befinden des Golfers wieder. Zum Abschluss darf ich mich schließlich auf Bahn Neun versuchen und enthusiastisch drei Bälle im See versenken. Golfen, das ist mein Fazit, mag bisweilen etwas elitär daherkommen, doch unabhängig von Kontostand und Alter braucht es jede Menge Können, um einen Ball in sein Ziel zu bringen. Nach zwei erschöpfenden Stunden muss Jonathan sich verabschieden. Ich bleibe am Rand der Anlage zurück und blicke über die Weite des Platzes, der hier am Ortsrand von Dortelweil wie eine versteckte Oase erscheint. Jonathan schnappt sich seine Schläger und spaziert über das Grün. Kurz bevor er hinter einem Hügel verschwindet, dreht er sich um und winkt, wie nur Golfer winken. Dieses Bild hat dem Tag noch gefehlt. 

Info: 72 Schläge für 18 Bahnen 

Die Golfanlage in Dortelweil ist ein 72-Par-Golfplatz, der als mittelschwer kategorisiert ist. Auf rund 40 000 Quadratmetern lassen sich 18 Bahnen bespielen. Rund um den Rasen wurden zahlreiche Pflanzen angesiedelt, die eine Heimat für viele Tiere bieten. Präsident des Clubs ist der in Vilbel bestens bekannte Hansgeorg Jehner. Eine lebenslange Mitgliedschaft kostet einmalig 10 900 Euro für die Spielberechtigung plus 1550 Euro jährlichen Beitrag. Kinder und Jugendliche zahlen nichts für die Spielberechtigung und 135 bzw. 275 Euro Beitrag. Wer Mitglied im Golfclub ist und über eine Platzreife verfügt, darf jederzeit auf dem Gelände spielen. Wer in den Golfsport hineinschnuppern will, kann Übungsstunden bei einem der Trainer nehmen oder sich Schläger (1 Euro) und Bälle (3 Euro) ausleihen und im Übungsbereich loslegen. Mehr Infos auf www.bvgc.de

Dominik Rinkart

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