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Autoverkehr und Müll, Besucher sollten besser auf Ausweichmöglichkeiten zurückgreifen, wie etwa öffentliche Verkehrsmittel.

Herausforderung

Die Kunst des grünen Hessentags: Landesfest muss klimaneutral vonstattengehen

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Konzerte, Ausstellungen und Essen so weit das Auge reicht: Wenn im kommenden Jahr binnen zehn Tagen knapp eine Millionen Hessentagsbesucher nach Bad Vilbel strömen, bedeutet das auch für die Umwelt eine enorme Belastung. Autos, und Müll lassen das Großereignis schnell zu einem beachtlichen CO2-Verursacher werden. Dabei hat das Stadtparlament schon vor Jahren beschlossen, dass der Hessentag klimaneutral stattfinden muss. Keine leichte Aufgabe.

Claus-Günther Kunzmann hat wirklich viel um die Ohren. Etliches gilt es für den Hessentag im kommenden Jahr zu organisieren: Veranstaltungen, Sponsoren, Sicherheit, Verkehr, Gastronomie und und und. Da wirkt es fast wie eine lästige Zugabe, auch noch an den Umweltschutz zu denken. Doch nicht nur Dürren im Sommer und Waldbrände im April setzen den Klimaschutz auf Kunzmanns Agenda.

Viel eher ist dieser eine Bedingung, die das Stadtparlament noch vor der Bewerbung für das Großereignis festschrieb: "Der Hessentag muss CO2-neutral stattfinden, dass ist die politische Vorgabe", erklärt der Hessentagsbeauftragte. Das ist wahrlich eine Herausforderung und ohne fremde Hilfe für Kunzmann und sein Team nicht zu leisten. Der in Bad Vilbel ansässige Klimaschutz-Service-Dienstleister First-Climate möchte den Organisatoren daher beratend zur Seite stehen. Seit 20 Jahren agiert First-Climate international und berät Unternehmen zum Thema Klimaschutz. Ein Angebot, das Kunzmann bereits im vergangenen Jahr für die Burgfestspiele nutzte. Seitdem weiß er welche CO2-Emissionen mit den Festspielen einhergehen, wie diese minimiert werden können und welche Ausgleichsmöglichkeiten es gibt.

Möglichst wenig Autos

All diese Faktoren sind beim Hessentag natürlich ungleich größer als bei den vergleichsweise beschaulichen Burgfestspielen. "Wir rechnen mit eine Millionen Besuchern", betont Kunzmann immer wieder und hat damit bereits den größten CO2-Verursacher angesprochen. "90 Prozent der Emissionen entstehen durch die Anreise der Gäste", erklärt Janosch Birkert von First-Climate. Er berät Unternehmen weltweit bei der Einführung und Umsetzung von Klimaschutzstrategien.

Möglichst wenig Autos, ist also das oberste Gebot. "Die Herausforderung liegt darin, den Gast frühzeitig für das Thema zu sensibilisieren", betont Birkert. So müsse der Fokus der Besucher auf öffentliche Verkehrsmittel und Fahrräder gelenkt werden.

Es bringe nichts den Hessentag nur fahrradfreundlich zu gestalten, die Möglichkeiten müssten auch entsprechend an die Besucher kommuniziert werden. "Wir versuchen die Anreise mit dem Rad so gut es geht zu maximieren", verspricht Kunzmann. Jedoch seien die Möglichkeiten begrenzt. Städte wie Bad Homburg und Friedberg seien schlecht für Fahrradfahrer angebunden, auch eine Radtour über den Lohrberg hält Kunzmann für wenig verlockend. Gleichwohl: "Es wird genügend Abstellplätze geben", wer mit dem Fahrrad kommen will, soll es möglichst angenehm haben.

Kombitickets geplant

Realistischere Chancen die Besucher vom Autofahren abzuhalten, sieht er in der S-Bahn. Zwar könne die Taktung auf der Main-Weser-Linie nicht erhört werden, doch mit maximal verlängerten Bahnen ist Kunzmann optimistisch, dem hoffentlich enormen Andrang gerecht werden zu können. Zudem plant er den öffentlichen Nahverkehr mit sogenannten Kombitickets in die Veranstaltungen einzubinden.

First-Climate- Experte Janosch Birkert weiß, wie Veranstalter möglichst viel CO2 einsparen können.

Kombitickets, die neben dem Eintritt zu einer Hessentags-Veranstaltung auch die Bahnfahrt beinhalten, hatte er sich auch mal für die Burgfestspiele erhofft, musste jedoch feststellen, dass die Theater-Reihe für den RMV nicht lukrativ genug war. Beim Hessentag ist er optimistisch, die Verhandlungen zu einem besseren Ende zu führen. Ohne Autos wird es natürlich trotzdem nicht gehen, da sind sowohl Kunzmann als auch Birkert realistisch. Doch letzterer mahnt: "Entscheidend sind die letzten fünf Kilometer und dass dort Stau vermieden wird." Um das zu kalkulieren, plant Kunzmann mit Verkehrszahlen, die auf vorherigen Hessentagen erhoben wurden. Mit 10 000 Parkplätzen, sieht er den Vilbeler Hessentag rund um das Fronleichnams-Wochenende gut aufgestellt. Wenngleich er betont: "Es wird hier und da mal zu Engpässen kommen, aber ich rechne mit keinem Verkehrschaos." Außer natürlich es passiert etwas Unvorhergesehenes, das weiß auch Kunzmann: "Wenn es auf der A5 einen Unfall gibt, können sie ohnehin jedes Verkehrskonzept in die Tonne treten", erklärt er, "es sind eben alles nur Prognosen."

Müll richtig entsorgen

Auch wenn die An– und Abreise der Besucher den größten CO2-Faktor darstellt, müssten etliche weitere Aspekte in der Klimarechnung berücksichtigt werden, erläutert Birkert. Denn vieles habe einen Einfluss auf die CO2-Bilanz. Was bietet die Gastronomie an? Bio, regional und vegetarisch, oder günstiges Import-Fleisch? Und wie wird Müll vermieden?

All diese Fragen geistern auch durch Kunzmanns Kopf. "Es wird natürlich einen Hessentags-Mehrwegbecher geben", kündigt er an. Auch solle es Vorgaben für die Gastronomie geben, dass etwa Bratwürste im Brötchen nur mit einer Serviette ausgegeben werden dürfen. Müllvermeidung sei alleine schon mit Blick auf die anfallenden Entsorgungskosten ein wichtiges Thema. Doch auch dabei sieht Kunzmann Grenzen: "Wenn Familien mit einem Rucksack voll mit Einweg-Geschirr kommen, dann haben wir das nicht im Griff." Kunzmann spielt mit vielen Ideen, doch übt sich in Realismus. So würde er gerne den ganze Hessentag mit beispielsweise kompostierbarem Geschirr ausstatten, doch das birgt auch Risiken: "Dieses Geschirr müsste von den Besuchern dann auch getrennt entsorgt werden, denn wenn das im Restmüll landet, haben wir nur Geld verbrannt."

Diese Ansicht teilt auch Birkert. Wichtig sei, dass die Organisatoren die Weichen so stellen, dass ein klimaneutraler Hessentag möglich ist. Alleine dafür sorgen, können sie jedoch nicht, denn über allem steht der Aufruf: "Die Besucher entscheiden mit ihrem Verhalten selbst, wie klimafreundlich der Hessentag schlussendlich wird."

Info: So wird ein Event klimaneutral 

Damit eine Großveranstaltung wie der Hessentag klimafreundlich wird, sind die Besucher gefordert: Anreise mit den öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Fahrrad, wenig Müll verursachen und lieber zum vegetarischen Essen greifen, statt zur günstigen Bratwurst. Damit könne ein jeder aktiv zu einem CO2-neutralen Hessentag beitragen. Experten wie First-Climate-Consultant Janosch Birkert erörtern dafür bereits im Vorfeld wo Reduktionspotenziale liegen, beraten große Unternehmen und Veranstalter diesbezüglich und berechnen deren CO2-Fußabdruck. Dabei lässt sich allerdings nicht jede Emission verhindern. Um diese "unvermeidlichen Emissionen" auszugleichen, vermitteln die Berater Klimaschutz-Projekte auf der ganzen Welt, wie etwa die Aufforstung des Regenwalds. In diese können Unternehmen und Veranstalter dann investieren, um den verursachten CO2-Ausstoß auszugleichen. Mit einem Freikaufen hat das jedoch nichts zu tun: "Das Pariser Abkommen setzt uns klare Grenzen, wie viel CO2 wir noch ausstoßen dürfen", erklärt Birkert, "nur mit Kompensation klappt das nicht, es muss so viel CO2 wie möglich eingespart werden!"

von Dominik Rinkart

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