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Die Windräder des Offshore-Windparks "Baltic 2" vor der Insel Rügen. Ganz in der Nähe sollen sich in der Ostsee bald noch mehr Rotoren drehen, nämlich die des Windparks Arcadis Ost 1. An dessen Entwicklung sind die Bad Vilbeler Stadtwerke mit fast 37 Millionen Euro beteiligt.

Ambitioniertes Projekt

Die Ostseebrise arbeitet für Vilbel 

Der Magistrat hat sich hohe Ziele gesetzt, was die städtische Energiebilanz betrifft. Im nächsten Jahr sollen die Stadtwerke genauso viel Strom aus erneuerbaren Quellen gewinnen, wie ganz Bad Vilbel pro Jahr benötigt. 

Bad Vilbel - Wenn im Herbst wieder der Wind bitter kalt über die Ostsee fegt, dürfte einer in seinem warmen Büro in Dortelweil sitzen und sich zufrieden die Hände reiben: Stadtwerkeleiter und Stadtrat Klaus Minkel (CDU). Das norddeutsche Lüftchen arbeitet nämlich bald schon für die Quellenstadt. Fünf Prozent der Anteile halten die Stadtwerke am Offshore-Windfeld Arcadis Ost 1, das ab dem kommenden Jahr gut 19 Kilometer nordöstlich der Insel Rügen entstehen soll. 

Dass Bad Vilbel sich an dem ambitionierten Vorhaben beteiligt, sorgt bei Minkel für unverhohlenen Stolz. Ohne das Engagement der Stadtwerke, sagt er, hätte es das Windfeld nicht gegeben. Das vergleichsweise kleine Bad Vilbel leiste einen Beitrag, der enorm und in dieser Größenordnung einzigartig sei. Dass die Stadtwerke Millionen-Beträge investieren, werde sich aus seiner Sicht in jedem Fall lohnen. 

In den vergangenen zehn Jahren mischten die Stadtwerke, die zu 100 Prozent der Stadt gehören, über eine Tochtergesellschaft bei der Entwicklung des Windparks mit. Zwischenzeitlich hielt diese sieben Prozent der Anteile. Im vergangenen Jahr wurde das gesamte Projekt aber an ein belgisches Unternehmen verkauft. Durch teure Sicherheitsleistungen, die der Staat einforderte, war das finanzielle Wagnis den Gesellschaftern zu groß geworden. Die Stadtwerke stiegen jedoch – genau wie der Wetterauer Energieversorger Ovag – kurz darauf erneut mit fünf Prozent ein. 

35 Millionen investiert 

Insgesamt 700 Millionen Euro dürfte der Bau der Windanlagen innerhalb des Küstenmeeres kosten. 58 Windräder sollen errichtet werden. Deren Gesamtleistung beträgt 247 Megawatt, mit denen im Jahr über eine Milliarde Kilowattstunden Energie erzeugt werden können. Zur Einordnung: Im Schnitt verbraucht ein Zweipersonenhaushalt jährlich 3500 Kilowattstunden Strom. Arcadis könnte fast 300 000 solcher Haushalte versorgen. 

Mit 35 Millionen Euro beteiligen sich die Stadtwerke an den Baukosten. Ende 2020 soll laut Minkel der sogenannte Financial Close sein, dann wird die Finanzierung festgezurrt. Zuvor wartet ein erneutes Genehmigungsverfahren, bei dem Bundes- und Landesbehörden die Finger im Spiel haben. Bis zu dessen Abschluss haben die Projektentwickler 34 Millionen Euro aufzubringen, auf die Stadtwerke entfällt ein Anteil von 1,8 Millionen. Klaus Minkel zufolge hat der Aufsichtsrat der Stadtwerke diese Summer vor einer Woche bewilligt. 

Warum aber beteiligt sich eine Stadt in der Wetterau überhaupt an einem Windpark in der Ostsee? Das Bauprojekt gilt allen voran für Minkel als kluge Möglichkeit, vorhandenes Kapital für die Stadt arbeiten zu lassen. Bad Vilbel kann darüberhinaus über sein Engagement die eigene Energiebilanz aufbessern. Arcadis Ost 1 ist dabei aber nur ein Puzzlestein. 

Die Stadtwerke beteiligen sich an den Windfeldern Geisberg und Greiner Eck im Odenwald, hinzukommen weitere Windräder bei Kirrweiler in Rheinland-Pfalz. Eine Stadtwerketochter betreibt außerdem im Wertachtal eine Photovoltaikanlagen, an der gerade angebaut wird, um die Leistung um fast die Hälfte zu steigern. 

Derzeit erzeugen die Stadtwerke so indirekt 80 Millionen Kilowattstunden Strom aus erneuerbaren Energien, ab nächstem Jahr werden es laut Minkel 100 Millionen Kilowatt sein: "Womit Bad Vilbel eine einzigartige Spitzenstellung erreicht haben wird." 

Kohlenstoffdioxid gespart 

Nach Angaben des Stadtwerkechefs deckt die Festspielstadt 90 Prozent ihres Energiebedarfs aus erneuerbaren Ressourcen. 2020 sollen es 100 Prozent und mit der Fertigstellung des Windfelds Arcadis, von deren Produktion 50 Millionen Kilowattstunden anteilig Vilbel zugerechnet werden, gar 150 Prozent sein. Die Stadt spare dank Arcadis rund 50 000 Jahrestonnen Kohlenstoffdioxid. Insgesamt soll das Windfeld eine CO2-Ersparnis von einer Million Jahrestonnen bringen. Hinter diesem Zahlenwerk steckt jedoch eine Umrechnung. Denn natürlich fließt nicht Strom, der in Norddeutschland gewonnen wird, in Dortelweil aus der Steckdose. Nutzen können die Vilbeler nur den Strom, den die örtlichen Netzbetreiber einspeisen. 

Das Engagement der Stadtwerke müsse man als Deckungsgeschäft sehen. "Für das, was wir dem Netz entnehmen, führen wir an anderer Stelle dem Netz erneuerbare Energien zu", erklärt Minkel. In der Gesamtbilanz ist so dank Bad Vilbel mehr ressourcenschonender Strom unterwegs. Insgesamt kamen in Deutschland 2018 circa 40 Prozent des Stroms aus regenerativen Quellen. Minkel: "Bad Vilbel liegt meilenweit vor so gut wie allen Städten und Gemeinden." Forderungen an den Magistrat nach "ambitionierterem Klimaschutz", wie die Grünen ihn zuletzt hätten anklingen lassen, hält er für realitätsfern und "unverschämt". Natürlich gebe es noch weitere solcher "sehr ambitionierten Projekte". Über die solle aber erst geredet werden, wenn der Erfolg winke. 

Alexander Gottschalk


Kommentar: Löbliches Engagement, aber keine Ausrede 

Die Energiewende muss kommen. Daran führt kein Weg vorbei, wenn unsere Erde für unsere Kinder und Enkel lebenswert bleiben soll. Was es braucht, sind Mut und Weitsicht. Im Falle des Windfelds Arcadis hat der Magistrat beides unter Beweis gestellt. Wenn ein 35 000-Einwohner-Städtchen wie Bad Vilbel einen solchen Beitrag zur Ressourcenschonung leisten kann, macht das Hoffnung, dass wir vielleicht doch nicht anfangen müssen, literweise Sonnenmilch zu bunkern. 

Fast 37 Millionen Euro – das ist ein großer Batzen, den die Stadtwerke in Bad Vilbels Energiebilanz stecken. Dass die Stadt bereit ist, für Klima- und Naturschutz in die Vollen zu gehen, muss aber auch vor Ort spürbar sein. Das Engagement im hohen Norden befreit die Kommunalpolitiker nicht von ihren häuslichen Pflichten. So löblich das Projekt Arcadis auch sein mag, es darf sich nicht zur Ausrede entwickeln, um Themen wie Flächenversiegelung und Baumschutz nicht weiter intensiv zu diskutieren.

Alexander Gottschalk

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