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Schüler schwänzen für den Klimaschutz

Demonstrationen

Faulheit oder Engagement? Schüler sprechen über die "Fridays for Future"

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Europaweit gehen Schüler und Studierende seit einigen Wochen immer freitags auf die Straße: "Fridays for Future", nennt sich die Bewegung. Ihr Ziel: Streiken, damit Politik und Wirtschaft sich endlich um einen wirklich effektiven Klimaschutz kümmern. Doch nehmen auch Bad Vilbeler Schüler an den Streiks teil? Wir haben am Georg-Büchner-Gymnasium (GBG) nachgefragt.

Die Mitglieder der Schülervertretung sind es leid: Ständig hören oder lesen sie in den Medien von Politikern, die der Fridays-for-Future-Bewegung Faulheit und pure Lust am Schwänzen unterstellen: "Da fühlt man sich als Schüler vor den Kopf gestoßen, wenn man nicht ernst genommen wird", klagt Schulsprecherin Luna Evens.

Am Klimawandel gibt's nichts zu diskutieren

Denn in der Schülerschaft sei man sich im Grunde einig: Am Klimaschutz gibt es nichts zu diskutieren. Der Klimawandel ist real und bedrohlich. Beflügelt vom öffentlichen Engagement der 16-jährigen Schwedin Greta Thunberg hat sich die Bewegung europaweit verselbstständigt.

"Es ist nicht okay, dass alte Leute über unsere Zukunft entscheiden", fast SV-Mitglied Johannes Lendle die Botschaft der Bewegung zusammen. Wie so viele, will auch die Schülervertretung des GBG nicht länger schweigend dabei zusehen, wie Funktionäre fortgeschrittenen Alters etwa an Kohlestrom festhalten wollen.

Fridays For Future: Konservativer Gegenwind

1,5 Grad, um mehr dürfe sich die Erde nicht erwärmen, ist das Ziel der Bewegung. Luna Evans kann es nicht glauben, dass solche Forderungen immer wieder betont werden müssen: "Für viele klingt das so dahergesagt, aber drei Grad haben auch entschieden, dass es eine Eiszeit gibt", blickt sie zurück. Was sie dabei am meisten erstaunt, ist, dass Gegenwind beim Thema Klimaschutz häufig aus der konservativen Ecke käme: "Eigentlich ist Klimaschutz ein konservatives Thema", erklärt sie. "Wenn man bedenkt, welchen negativen Einfluss die Folgen des Klimawandels für die Wirtschaft haben und sieht, dass der Klimawandel weltweit zunehmend zur Fluchtursache wird, dann ist das definitiv nicht nur ein grünes Thema."

Doch gerade von Konservativen höre sie immer wieder gehässige Kommentare: "Es ist absolut schmerzhaft den Unterricht zu verpassen", macht Lendle unmissverständlich deutlich. So kommt es auch, dass trotz großer Solidarität niemand am GBG wirklich streikt: "Wir waren vor zwei Wochen mit 15 Schülern bei der Demonstration in Frankfurt", erzählt Lendle und fügt hinzu: "Allerdings erst nach dem Matheunterricht, den wollten wir nicht verpassen."

Eigentlich sollte die ganze Schule am Streik teilnehmen

"Es ist traurig, dass man auf Bildung verzichten muss, um was zu bewegen", fasst SV-Mitglied Michelle Herget das Dilemma der Bewegung zusammen. Nach Ende der Schulpflicht besucht der Nachwuchs die Schule ohnehin freiwillig. Wer auf seine Bildung verzichtet, schneidet sich damit ins eigene Fleisch, doch ein anderes Druckmittel haben die Schüler nicht: "Wenn Erwachsene bei ihrer Arbeit streiken, dann fehlen Arbeitskräfte und jeder merkt das", betont SV-Mitglied Emma Krassmann und Luna Evans ergänzt: "Uns schmerzt es, wenn wir die Schule verpassen, aber für die breite Öffentlichkeit macht das keinen Unterschied.

Alle sind sich einig: "Es müsste schon die ganze Schule am Streik teilnehmen", nur dann könne das Zeichen stark genug sein. Was wie ein Aufruf klingt, ist jedoch nur ein idealistischer Gedanke: "Wir können als SV nicht einfach zum Streik aufrufen und wollen das auch gar nicht", betont Lendle. Und Krassmann ergänzt: "Wir können ja nicht einfach sagen, das ist jetzt die Meinung der Schule."

Schulleitung zeigt sich gesprächsbereit

Informieren wollen sie die Schule hingegen schon. Der kommissarische Schulleiter des GBG, Carsten Treber, zeigt sich aufgeschlossen. Die Regeln sind eindeutig: "Die Teilnahme an einer Demonstration rechtfertigt nicht das Fernbleiben im Unterricht", zitiert er den Kultusminister Alexander Lorz (CDU). 

An diesen Regeln kann auch Treber nicht rütteln, doch er hat Verständnis für das Engagement seiner Schüler: "Ich könnte mir schulintern andere Möglichkeiten vorstellen, Aktionstage oder Schulhofaktionen etwa", betont er. Gesprächen mit der SV tritt er freudig entgegen: "Es ist sehr wichtig, dass wir miteinander reden."

Die Schüler wollen ernst genommen werden

Eine Einladung, die die SV nur zu gerne annimmt, denn ihr geht es nicht darum, auf die Barrikaden zu gehen, sie wollen ernst genommen werden. "Klimawandel ist im Unterricht viel zu selten ein Thema", betont Lendle. Lediglich im Biologie-Unterricht werde hin und wieder auf Umweltthemen eingegangen, in Politik und vor allem Erdkunde sei aus Sicht der SV noch viel Luft nach oben.

"Es gibt Lehrer, die sprechen das Thema gerne an und es gibt Lehrer, die ziehen das Kern-Curriculum gnadenlos durch", klagt Evans. Interims-Schulleiter Treber sieht die Kritik entspannter: "Das Thema Umweltschutz steht bei den Schülern im Mittelpunkt, aber auch bei den Lehrer." Er sieht sein Personal gut aufgestellt, räumt jedoch ein: "Im Unterricht kommt das Thema vielleicht noch nicht so häufig vor, wie es die Schüler wünschen.

Das Abi soll dafür nicht riskiert werden

Und Treber lässt die Streiks betreffend eine Hintertür offen: "Offiziell sind das unentschuldigte Fehlstunden. Das durchgehen zu lassen, liegt im ermessen der einzelnen Lehrkräfte." Diesen Spielraum wünscht sich auch die SV: "Viele Lehrer sagen, wir sollen uns engagieren, dürfen aber keinen Unterricht verpassen", beschreibt Evans und Krassmann klagt: "Im Fehlzeitenheft ist es einfach kein Grund, dass man sich für etwas eingesetzt hat." 

Die Alternative wäre lügen und behaupten man sei krank gewesen. Das jedoch wollen die Schüler auch nicht. So bleibt es bei einem Dilemma, wie Emma Krassmann betont: "Mir liegt das Thema auch am Herzen, aber ich würde mein Abi nicht dafür riskieren!"

Bei den Erwachsenen sind die Fridays For Future Demos sehr kontrovers diskutiert

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