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Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen: Agrarwissenschaftler Hartmut Spieß wählt aus 500 Zuckermaiskolben die prächtigsten Exemplare aus. Mit ihnen führt der Forscher später die Getreidezüchtung am Dottenfelderhof fort.

Forschungsabteilung am Dottenfelderhof

So wird in Bad Vilbel die Nutzpflanze der Zukunft gezüchtet

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Ob Weizen, Kartoffeln, Tomaten oder Kohl: Die Forschungsabteilung am Dottenfelderhof baut auf ihren Feldern jedes Jahr neue Pflanzensorten an. Einen Großteil davon haben die Ökolandwirte selbst entwickelt. Mit gezielten Züchtungen versuchen sie, die wertvollsten Eigenschaften von Gemüse oder Getreide herauszuarbeiten – auch, um gegen die Folgen des Klimawandels gewappnet zu sein.

Bad Vilbel - Wie ein Heer gelber Soldaten liegen Dutzende Kolben Zuckermais fein säuberlich angeordnet vor Hartmut Spieß. Der 73-Jährige lässt den Blick über die Reihe schweifen, hält Ausschau nach den besten Exemplaren. Diese pickt er aus der 500 Kolben starken Ladung heraus, denn sie werden gebraucht: Für die Getreidezüchtung am Dottenfelderhof in Bad Vilbel.

Die Forschung wird auf dem Öko-hof immer wichtiger. Mit 14 Kollegen arbeitet Agrarwissenschaftler und Doktor Hartmut Spieß daran, die Nutzpflanzen der Zukunft zu entwickeln. Ein aufwendiger und teurer Prozess: Fünfzehn Jahre kann es laut dem Experten dauern und bis zu einer Millionen Euro kosten, bis eine neue Sorte marktreif ist und alle Prüfungen des Bundessortenamtes überstanden hat.

 "Züchtung bedeutet nun mal, das Beste vom Besten auszuwählen", fasst Spieß kurz zusammen. Was das Beste ist, hängt für den Experten aber ganz davon ab, was das Ziel der Züchtung ist. Sprich: Welche Eigenschaften die Pflanze später haben soll. Den Zuckermais der Sorte "Lisanco", ein auf dem Vilbeler Demeterhof entstandenes Produkt, zeichnen etwa hoher Ertrag pro Kolben, guter Geschmack und eine vergleichsweise frühe Reife aus.

Saatgut für alle

2018 wurde die Dotti-Sorte als Erhaltungszucht zugelassen. Die Einstufung in diese Kategorie bedeutet, dass das Getreide für die kommerzielle Landwirtschaft eher uninteressant ist, weil sie im Grunde nur dazu dient, ihre potenziell wertvollen genetischen Eigenschaften zu sichern. Andere Sorten bringen beispielsweise ungewöhnlich stabile Erträge ein oder sind sehr widerstandsfähig.

Der Dottenfelderhof hat "Lisanco" wie einige seiner Sorten zum "Open-Source-Seed" gemacht, als zu einem gemeinnützigen Saatgut. In der Züchtung dürfen es andere Landwirte verwenden, ohne dass eine Lizenzgebühr fällig wird. "Saatgut ist ein Gemeingut wie Luft, Wasser oder Boden. Es gehört allen", ist Spieß überzeugt. Seit die Menschheit vor zehntausend Jahren damit begonnen habe, sei die Pflanzenzucht eine Gemeinschaftsaufgabe. Seit 40 Jahren arbeitet Spieß auf dem Demeter-Hof und ist seit jeher mit der Forschung betraut. In der Saatguthalle am Rande des Gutes hat sich sein Team ein kleines Labor eingerichtet. Auf die Fahne geschrieben haben sie sich dabei vor allem eines: "Biodiversität erzeugen und erhalten."

Der Dottenfelderhof ist einer der wenigen Betriebe in Deutschland, die sich eine Ökozucht leisten. "Das macht es mühsamer, weil wir beispielsweise keinen künstlichen Stickstoffdünger verwenden, wie es im konventionellen Landbau üblich ist, und auf chemische Unkrautvernichter verzichten", erklärt Spieß. Die Forschung ist aber natürlich kein reiner Selbstzweck. Die Ergebnisse sollen bestenfalls auch verkauft werden. Spieß: "Wir versuchen immer Sorten zu schaffen, die für unseren biologisch-dynamisch Landbau optimiert sind."

Per Hand bestäuben

Der Forschungs-Anbau läuft parallel zum Konsumanbau. Von 170 Hektar Land sind auf dem Dottenfelderhof 60 für die Züchtung reserviert. Von jeder Kultur ist eine kleine Genbank im Feld zu finden. Aus der ganzen Welt importieren die Landwirte außerdem neue Sorten, um sie zu testen. Jedes Jahr planen sie genau, welche Sorten sie kreuzen wollen, und auf welchen Äckern sie dafür säen müssen. Bestäubt wird schließlich per Hand, damit die Partner, die zuvor ausgewählt wurden, weil bestimmte Eigenschaft kombiniert werden sollen, auch zueinanderfinden.

2009 hat das Bundessortenamt die erste Dotti-Getreidesorte zugelassen: "Butaro". Seither sind allein fünf weitere Winterweizen – allesamt mit hoher Backfähigkeit – hinzugekommen, außerdem Kartoffeln, Kohl, Tomaten, Roggen, Gerste und vieles mehr. "Wir arbeiten gerade an Lein-dotter", verrät Spieß. Seine Hauptaufgabe sieht er darin, Sorten zu entwickeln, die "zukunftsfähig" sind. Die katastrophalen Ernteausfälle im Dürresommer 2018 haben seiner Meinung nach deutlich gemacht: "Der Klimawandel ist die große Herausforderung."

Eigenschaften, die vor Jahren in der Züchtung noch eine kleinerer Rolle spielten, würden nun immer wichtiger. Die jüngst gezüchtete Kartoffelsorte "Dottenfelder Novira" ist deshalb beispielsweise auf Virenresistenz und Lagerfähigkeit hin optimiert worden. Spieß: "Wir hoffen, dass sie nächstes Jahr zugelassen wird." Auch nachbaufähig sollen alle Dotti-Pflanzen sein. Das heißt: Ihr Saatgut muss immer gesunde Nachkommen hervorbringen, anders als Kreuzungen, die zwar im ersten Jahr übermäßig viel Ertrag bringen, danach aber unbrauchbar weil überzüchtet sind. Diese sogenannten F1-Hybridsorten sind weitverbreitet.

Für den Mais geht es nun wieder raus aufs Feld. Bis Mitte Mai werden die Körner der von Hartmut Spieß und seinem Team aussortierten Prachtexemplare ausgesät. "Saatgut ist die Grundlage unserer Ernährung", sagt Spieß. "Wir brauchen die Züchtungen, damit unsere Enkel genauso eine Vielfalt erleben können wie wir."

von Alexander Gottschalk

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