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Oliver Zimmermann ist in Bad Vilbel aufgewachsen. Klar, dass er da auch mal den Dortelweiler Kollegen begrüßen muss.

Balanceakt in der alten Heimat

Seiltänzer und Hochseilartist Oliver Zimmermann läuft beim Römerbrunnenfest über der Nidda

Nur eine Handvoll Hochseilartisten gibt es in Deutschland. Oliver Zimmermann ist einer von ihnen. Für seinen spektakulären Job ist er auf dem ganzen Kontinent unterwegs. Am Montag macht er Halt in der Stadt, in der er aufgewachsen ist: Bad Vilbel.

Bad Vilbel - Eigentlich müsste er doch bei der bloßen Erinnerung daran zittern. Oder nervös an den Fingernägeln kauen. Oder wenigstes nicht so versonnen lächeln. Aber nein. Entspannter als Oliver Zimmermann könnte man kaum erzählen, wie man mal auf einem 15-Millimeter-Seil über ein Dorf hinwegbalanciert ist. 330 Meter Länge, 50 Meter über dem Boden. "Das war das Höchste, das ich je gelaufen bin", sagt der 49-Jährige.

Mit durchgedrücktem Rücken sitzt Zimmermann in der Cafeteria von Hassia, vor ihm ein stilles Wasser. Der ausgewaschene graue Pulli spannt am drahtigen Körper. Der Mann mit der tiefen, sonoren Stimme kommt gerade von der Arbeit. Am Römerbrunnen ein paar Hundert Meter nördlich hat er die Gegebenheiten für seinen nächsten Auftritt begutachtet. Die Vorbereitungen, erklärt er, machen 70 Prozent seines Jobs aus.

Oliver Zimmermann ist professioneller Seiltänzer und Hochseilartist. Einer von nur ganz wenigen in Deutschland. Ein Foto seines höchsten Laufs über dem oberfränkischen Streitberg hat er sich auf seine Visitenkarte drucken lassen. Er ganz in Weiß, mit einer Balancestange auf dem Seil, darunter nur Grün. Auf der Rückseite der Karte steht eine Bad Vilbeler Adresse. Mitten auf dem Heilsberg. Im Grunde ist das aber irreführend, denn richtig zu Hause ist der Zirkuskünstler in seiner alten Heimatstadt längst nicht mehr.

Ein Weltenbummler

"Zwei Drittel des Jahres bin ich unterwegs", sagt Zimmermann. Überall in Europa ist er schon aufgetreten, war in Jordanien, Kambodscha und in Japan. In der Quellenstadt, wo sein Vater lebt, hat er jedoch seinen festen Wohnsitz gemeldet. Ist er mal nicht auf Tour, verbringt Zimmermann, der selbst Vater einer 15-jährigen Tochter und eines dreijährigen Sohns ist, seine Tage bei seiner Freundin im südfranzösischen Alès. Eine Region mit Gruben und Fabrikhallen, in denen er trainieren könne, wie er sagt.

Nach Bad Vilbel kam der gebürtige Frankfurter als Kind, 1974 war das. Nachdem Abitur an einer Waldorfschule zog es ihn aber schnell hinaus in die weite Welt. Dass er mal auf einem dünnen Seil über Abgründe schreiten würde, hätte er damals aber nie gedacht. Zimmermann: "Als Kind war ich eher ängstlich und nicht wirklich sportlich."

Er freut sich auf seinen Auftritt am Montag: Der Hochseilartist Oliver Zimmermann läuft beim Römerbrunnenfest in acht Metern Höhe über die Nidda

Doch die Schicksalsgöttin meinte es gut mit ihm, und so kam es, dass er als 19-jähriger Bursche beim Trampen von Aachen nach Brüssel im Auto eines professionellen Clowns landete. "Das war eine Begegnung, die mein Leben verändert hat", sagt Zimmermann heute. Das Gespräch mit dem Zirkuskünstler gab dem damals orientierungslosen Jugendlichen ein Ziel: Er wollte Clown werden. Zwei Jahre lang lernte er an der Zirkusschule in Brüssel Jonglieren, Trapez-Sport, Akrobatik und natürlich: Seiltanz.

Darin erkannte er sein Talent. "Angefangen habe ich in zwei Metern Höhe, ohne Stange, mit ein bisschen herumhüpfen", sagt Zimmermann scherzhaft. Dazu müsse man wissen: "Seiltanz und Hochseilartistik sind unterschiedliche Disziplinen." Seine Läufe in schwindelerregenden Höhen, das, was er heute macht, das ist seine wahre Leidenschaft. "Für den Seiltanz braucht man hingegen akrobatische Begabung. Da liege ich im unteren Mittelfeld. Ich wollte immer eine Strecke machen."

Richtig angefangen hat seine Karriere als Hochseilartist in Bad Vilbel. 1998 zur 30-Jahr-Feier des Dottenfelderhofs kam die Idee auf, Oliver Zimmermann könne doch über den Hof balancieren. "Die Hofgemeinschaft ist wie meine zweite Familie", verrät Zimmermann. Also besorgte er sich ein Stahlseil und einen Spann apparat, und bastelte aus einem Rohr und Gewichten eine Stange. "Dann habe ich mich zwei Wochen ins Feld gestellt und trainiert, erst auf zwei, dann auf vier Meter. Das war der Anfang."

Längst hat Oliver Zimmermann sich eine Profi-Ausstattung zugelegt. In der Saison, vor allem also im Sommer, tritt er bis zu 20-mal als Hochseilartist auf. Er ist über Kirchen hinwegbalanciert, an einem Hochofen gelaufen und bei Weltmeisterschaften angetreten. Mit körperlicher Arbeit beispielsweise als Aufbauhelfer hält er sich fit, mindestens zweimal in der Woche geht er schwimmen – für den Rücken.

"Die Angst läuft mit"

"Für meinen Job braucht man Ausdauer, Konzentration und einen guten Gleichgewichtssinn", zählt der Zirkuskünstler auf. Aber was ist mit der Furchtlosigkeit? Zimmermann lehnt sich auf seinem Stuhl zurück. "Die Angst läuft immer mit", sagt er dann. "Man muss sie verarbeiten können, damit sie einen nicht blockiert." Dann, so seine Erfahrung, helfe sie sogar. Falscher Stolz und Selbstüberschätzung sieht er als die größten Gefahren in seinem Beruf. Inzwischen läuft er nur noch gesichert. "Das tut der Kunst keinen Abbruch", sagt Zimmermann. "Ich will dem Publikum einen schönen Moment bereiten. Das geht nicht, wenn es die ganze Zeit Angst hat, weil mir bei einem Sturz der Tod droht."

Mit einem Geschirr wird Zimmermann nun auch beim Römerbrunnenfest am Montag, dem letzten Teil des Quellenfests, auftreten. Hassia hat ihn eingeladen, seine Shows um 13.45 Uhr und 15.45 Uhr gelten neben der Krönung der Quellenkönigin als die Höhepunkte des Fests. Er läuft auf dem Hochseil über die Nidda. 2007 habe er das schon mal gemacht. Nun will er sein Seil diagonal spannen. Zimmermann: "Ich laufe etwa acht Meter über dem Fluss. Das ist eine Höhe, auf der ich mich wohl fühle."

von Alexander Gottschalk

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