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Manch einem Bad Vilbeler mag die neue Stele vor der ehemaligen Firma Lahmeyer beim Vorbeifahren schon aufgefallen sein. Das Unternehmen mit Sitz in Dortelweil hat einen neuen Namen. Es heißt jetzt Tractebel Engineering, benannt nach der belgischen Unternehmensgruppe, der es nun angehört. Mit der neuen Marke kommen auch strategische Veränderungen auf die Ingenieure zu.

Ungewohntes Schild vor Ingenieurberatungsfirma

Warum Lahmeyer plötzlich einen anderen Namen hat 

Die Globalisierung macht auch vor Bad Vilbel nicht halt. Gerade, was international erfolgreiche Ingenieurfirmen angeht. Bei Lahmeyer grüßt seit kurzem ein neues, auffälliges Schild vom Haupteingang. Tractebel ist darauf zu lesen. Was ist da los in Dortelweil? 

Bad Vilbel - Die Stele haben sie natürlich sofort ausgetauscht: Pünktlich zur Umbenennung prangte der neue Name Tractebel in weiß auf kräftigem Blau vor der Friedberger Straße 173. Den großen Bürotrakt am Ende der Dortelweiler Ortsdurchfahrt kennen viele Bad Vilbeler eigentlich als Sitz der Firma Lahmeyer. Seit knapp 21 Jahren ist die Ingenieursgesellschaft in der Quellenstadt ansässig. Nun wird alles noch größer, noch internationaler. 

2014 hat ein teils konkurrierendes Unternehmen aus Belgien die Lahmeyer-Gruppe übernommen, zu der neben dem Hauptquartier in der Wetterau auch andere Dependancen wie Berlin, München oder Doha gehören." Hinter dem Unternehmen steht der globale Energieversorgungskonzern Engie mit Sitz in Paris. Fünf Jahre nach dem Eigentümerwechsel hat die Lahmeyer-Gruppe nun ihre Marke angepasst. 

"Unseren Namen zu Tractebel Engineering zu ändern war der letzte Schritt in einem langjährigen Integrationsprozess", sagt Martin Seeger. Der 54-Jährige ist seit 2016 Geschäftsführer der ehemaligen Lahmeyer-Gruppe. Als solcher freut er sich, jetzt der ganzen Welt offiziell zu signalisieren: "Wir sind ein Kernstück einer großen, starken Unternehmensgruppe." 

Umsatz in Millionenhöhe 

5000 Mitarbeiter in mehr als 30 Ländern hat Tractebel. 2018 erzielte das Unternehmen mit seinen Tochtergesellschaften eigenen Angaben nach einen Umsatz von 675 Millionen Euro. Ein Sechstel davon entfällt auf den Ex-Lahmeyer-Zweig mit seinen rund 900 Mitarbeitern. "Auf dem internationalen Markt sind wir aber immer noch vergleichsweise klein", verrät CEO Seeger. Umso entscheidender ist es aus seiner Sicht, Kräfte zu bündeln. 

Die Teams aus Ingenieuren, Wissenschaftlern und Wirtschaftsexperten beraten die Verantwortlichen bei internationalen Großprojekten. Sie erarbeiten Machbarkeitsstudien oder bereiten Bauarbeiten vor. Noch als Lahmeyer konzipierte die Firma einen der größten Windparks Südkoreas in der Provinz Gangwon-do und begleitete die Entwicklung des Berliner Hauptbahnhofs. Aktuell arbeiten sie an einem staatlichen Bewässerungsprojekt am Lagdo-Stausee in Kamerun und betreuen die Inbetriebnahme eines Solarfeldes in Südafrika. 

Geschäftsführer Martin Seeger will die ehemalige Lahmeyer-Gruppe unter neuem Namen vor allem im Bereich Wasserwirtschaft weiterentwickeln.

Das Kerngeschäft liegt in den Bereichen Energie, Wasser und Infrastruktur. "In unserer Branche verkaufen wir Erfahrung", erklärt Seeger. Tractebel hat sich mit Lahmeyer namhafte Projekte fürs Portfolio hinzugekauft. Die Belgier konnten die eigene Referenzliste um die der Deutschen erweitern. Nach außen soll das Plus an Expertise Kunden beeindrucken, nach innen erleichtert es die Arbeit, weil mehr Fachleute verfügbar sind. Spezialisten, wie die Beratungsfirma sie braucht, sind auf dem Markt heiß umworben. 

Tractebel Engineering muss allerdings ein Spagat gelingen: Einerseits will man das überarbeitete Markenprofil etablieren, andererseits sollen die Lahmeyer-Wurzeln, die 130 Jahre in die Vergangenheit reichen, nicht in Vergessenheit geraten. In der Branche habe Lahmeyer einen guten Namen, sagt Seeger. Ingenieurskunst gilt immer noch als deutsche Paradedisziplin. Im Tractebel-Briefkopf bleibt deshalb ein Hinweis: "With trusted expertise of Lahmeyer International" – zu deutsch: "Mit der vertrauenswürdigen Expertise von Lahmeyer". 

Der Markt wird härter 

In Deutschland bleibt Lahmeyer zunächst unter dem bekannten Namen aktiv. 85 Prozent der Projekte laufen so oder so im Ausland. "Der internationale Wettbewerb ist härter geworden", sagt Geschäftsführer Seeger. Wo die Deutschen quasi früher "Alleinwissende" gewesen seien, gebe es heute – Globalisierung sei dank – starke Mitbewerber. 

Dass die Mutterfirma Tractebel die Vilbeler in eine umfassende Strategie eingebettet habe, sieht er als Vorteil. Die Finanzinvestoren, denen Lahmeyer vor 2014 gehörte, seien mehr an den Geschäftszahlen interessiert gewesen, als an der langfristigen inhaltlichen Ausrichtung des Unternehmens. 

"Wir müssen uns neue Themenfelder suchen und lokaler werden", glaubt der Firmenchef. Vor allem die Energiewende treibe Tractebel um. Aus der Kohleindustrie habe sich das Unternehmen komplett zurückgezogen. "Das ist konsequent. Das muss man sich aber auch erstmal trauen", findet der erfahrene Ingenieur. Zum Ziel hat er sich stattdessen gemacht, die "ausgeprägte Führungsposition" im Bereich Wasserkraft zu halten. 

Überhaupt sieht Seeger in der Kombination von Wasser- und Energieinfrastruktur die größten Potenziale. Auf dem afrikanischen Kontinent sei die Frage nach der Wasserversorgung viel eminenter als in Europa. Im Schatten der großen Politik sieht er sich und sein Unternehmen in der Pflicht, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Seine Maxime: Einen Brunnen zu graben, helfe den Einheimischen nur so lange, bis er ausgetrocknet ist. Ein Wasserkraftwerk könne das ganze Land nach vorne bringen. Die Entwicklung der markentechnisch noch jungen Tractebel Engineering GmbH will der Konzern weiter von Bad Vilbel aus antreiben. 300 Menschen sind hier demnach beschäftigt. Für sein Gebäude in Dortelweil hat das Unternehmen gerade erst einen langfristigen Mietvertrag unterschrieben. Mehrere Büroräume sollen demnächst aufpoliert werden. Ein schönes neues Schild am Eingang hat man ja schon.

Alexander Gottschalk

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