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Vom Zufall, ein Gelnhaarer zu sein

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Von: Judith Seipel

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»Wir wohnen ja fast hier«, sagt eine Frau am Rande der Sitzung im Bürgerhaus Gelnhaar und deutet auf die Küche im hinteren Gebäudeteil, auf die blau-weiß gestrichenen Wände und das große Schild über der Bühne: »800 Jahre Gelnhaar«. Alles selbst gemacht, finanziert aus den Vereinskassen. Sie, ihr Mann, die ganze Familie, alles Vereinsmenschen. Die Frau zuckt mit den Schultern:

»Das kann man uns doch nicht einfach wegnehmen ...«

Man muss in solchen Vereinsstrukturen aufgewachsen sein und leben, um zu verstehen, dass die vorübergehende Nutzung ihres Bürgerhauses als Flüchtlingsunterkunft für die Menschen in Gelnhaar einer Katastrophe gleichkäme. Im Dorf gibt es eigentlich nichts mehr, keinen einzigen Laden, noch nicht mal einen Geldautomaten. »Wir haben einen Zigarettenautomaten«, sagt Ortsvorsteher Martin Hansche lakonisch, »aber wenn ich Streichhölzer haben will, muss ich schon vier Stunden für den Bus nach Ortenberg und zurück einplanen«.

Den Erhalt ihres Bürgerhauses haben sich die Gelnhaarer vor 50 Jahren bei der Gebietsreform schriftlich garantieren lassen. Das Gebäude sei, das räumt auch die Bürgermeisterin ein, das »kulturelle Zentrum« des Dorfes. Sogar die Flippers sollen dort schon gespielt haben. Die Tischtennisabteilung des Turnvereins, die es endlich wieder bis in die Bezirksliga geschafft hat, müsste die Runde quittieren, der Gesangverein Concordia könnte nicht mehr proben, die Gymnastikgruppe nicht mehr turnen. Die gründliche Sanierung des zugigen Kastens, endlich in greifbare Nähe gerückt, würde wieder ausgesetzt. Und wenn es richtig schlecht liefe mit den Flüchtlingen, »dann bleibt uns am Ende nichts anderes übrig, als alles abzubrennen, wenn die wieder raus sind«, lautet der einhellige Tenor.

Ortsvorsteher Hansche, beruflich beim Deutschen Roten Kreuz, kennt sich aus. Er war schon in vielen Gemeinschaftsunterkünften. für Geflüchtete. »Da will man nach vier Wochen noch nicht einmal im Schutzanzug reingehen.« Und er erklärt auch, warum: »Es gibt Kulturen, die wissen, was eine Kloschüssel ist, und es gibt Kulturen, die wissen es nicht.«

Unbestritten haben die Gelnhaarer über die Jahre viel für ihr Bürgerhaus und damit für die Gemeinschaft getan. Einer, der besonders fleißig war, ist dafür sogar mit dem Ehrenamtspreis der Stadt Ortenberg ausgezeichnet worden. Das Dorfleben wäre monotoner und fader, gäbe es nicht die Möglichkeit, an diesem Ort gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen, zu feiern, zu proben und zu siegen. Nicht jedes Dorf hat so eine starke Gemeinschaft, die dem Zerfall trotzt. Darauf kann und darf man sich etwas einbilden.

Nicht aber darauf, in einer stabilen Demokratie zu leben, ein Dach über dem Kopf und einen vollen Kühlschrank zu haben. Dass man weder Bomben und Krieg noch Dürre und Hungersnot, keinen Terror und keine Verfolgung fürchten muss, dass die Kinder in Frieden und Freiheit aufwachsen, das ist Zufall, Schicksal, Fügung, Glück oder wie auch immer man das nennen möchte. Nur eines ist es ganz sicher nicht: eine Leistung.

Am Wochenende haben zivile Organisationen wieder über 250 Migranten aus Seenot gerettet. Wer sein Leben riskiert, um in einem seeuntauglichen Schlauchboot übers Mittelmeer einer ungewissen Zukunft entgegen zu treiben, der folgt der schieren Not, weil er das Pech hatte, auf der »falschen« Seite geboren zu sein.

50, 70 oder 80 Flüchtlinge in einem Dorf mit 1 000 Seelen und kaum Infrastruktur sind eine Herausforderung, vielleicht tatsächlich eine Überforderung. Aber eine Gemeinschaft mit so viel innerer Stärke, die sich seit Jahren gegen den Abstieg stemmt, sollte auch die Kraft haben, den Schulterschluss zu suchen und - frei von Polemik und billigen Parolen - Lösungen zu finden für ein drängendes Problem unserer Zeit. JUDITH SEIPEL

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