1. Startseite
  2. Region
  3. Wetteraukreis

Warum läuten die Glocken?

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Hanna von Prosch

Kommentare

hed_Glocken_Daki_2kl_Fot_4c
Das Geläut der Dankeskirche erklingt in den Tönen B, C, D und F. Eine Läuteordnung bestimmt nicht nur die Dauer des Geläutes, sondern auch, welche Glocke oder Glocken zusammen erklingen. © Hanna von Prosch

Anfang März, mittags um zwölf, läuteten in ganz Europa für sieben Minuten die Glocken. Es war ein Brandläuten; der siebte Tag des Ukraine-Krieges. Es sollte ein Zeichen von Solidarität mit den vom Krieg betroffenen Menschen sein. Wann und welche Glocken sonst geläutet werden, legt die Läuteordnung einer jeden Kirchengemeinde fest. Auch in Bad Nauheim.

Wenn in einer Stadt die Glocken läuten, horcht man auf. In Bad Nauheim hört man sie weit über die Stadt hin mittags um 12 oder abends um 19 Uhr, sonntags zum Gottesdienst oder der Messe und zum Jahreswechsel. Innehalten ist geboten.

Das galt schon im Mittelalter für die Bauern auf dem Feld, wenn die Glocke die Mittagszeit oder den Feierabend verkündete. Wanderer orientierten sich am Glockenschlag der nächstgelegen Kirche, wo sie eine Herberge finden konnten. Wenn das Armsünderglöckchen erklang, wurde ein Todesurteil vollstreckt. Das große Geläut der Brandglocke war das Alarmzeichen für Feuer oder Sturm, und man rief damit alle Hilfskräfte zusammen - man »hing es an die große Glocke«. Nur wer das Glockensignal richtig deuten konnte, wusste, was »die Glocke geschlagen hat«.

Bis heute unterscheidet man weltliches und kirchliches Geläut. Beides ist in der Läuteordnung festgelegt. In Zeiten von elektronischen Alarmsystemen und GPS gelten als weltliches Geläut nur noch die viertelstündlichen Uhrzeitschläge zwischen 8 und 20 Uhr. Zu kirchlichen Anlässen läuten zum Beispiel in der Dankeskirche vor den Gottesdiensten und Andachten zehn Minuten alle Glocken. Eine einzelne Glocke erklingt zum Vaterunser, die große Glocke zur Einsegnung bei der Konfirmation. Während der Pandemie haben sich die evangelische und katholische Kirche in Bad Nauheim auf ein gemeinsames zweiminütiges Geläut um 19 Uhr verständigt.

Doch wie oft horcht man auf und fragt sich, warum läuten denn jetzt die Glocken? Das kann ein Schul- oder Kindergartengottesdienst sein, eine Taufe, Hochzeit oder Beerdigung. Und warum verstummen die Glocken von Gründonnerstag bis Karsamstag in den meisten evangelischen Kirchen? Ihr Schweigen steht für die Trauer und die Grabesruhe, die Karfreitag und Karsamstag charakterisiert. Die Freude über die Auferstehung Jesu tragen die Glocken am Ostersonntag dann mit vollem Geläut in die Welt hinaus.

Vier Glocken in der Dankeskirche

Die Läuteordnung bestimmt nicht nur die Dauer des Geläutes, sondern auch, welche Glocke oder Glocken zusammen erklingen. Ein volles Geläut klingt feierlich und bewegend. Das kommt daher, dass die Glockentöne aufeinander abgestimmt sind und das Geläut zur Kirchenmusik zählt.

In der Bad Nauheimer Dankeskirche hängen im Turm vier Glocken: zwei große und zwei kleinere. Sie sind in den Tönen B, C, D und F gestimmt. Auf dem Glockenmantel ist jeweils ein Bibelvers zu lesen: Große Glocke, Grundton B: »Lobe den Herrn meine Seele.« Glocke in C: »Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin.« Glocke in D: »Es wird des Herrn Stimme über die Stadt rufen.« Glocke in F: »Wachet und betet.«

Der erste Glockensatz wurde beim Bau der Kirche 1906 von der Glockengießerei F.W. Rincker aus Sinn gegossen. Stifter waren der Bad Nauheimer Gerichtsschreiber Heinrich Weiß und seine Ehefrau Elisabeth, ferner Margarethe Ebener aus Dessau und der Kirchenbauverein. 1942 wurden die Glocken auch in Bad Nauheim enteignet und zu Kriegszwecken eingeschmolzen. Erst am 1. Februar 1955 erklangen wieder vier neue, gegossen ebenfalls von der Firma Rincker. Ihre Finanzierung war möglich durch Spenden der Gemeinde und der Töchter von Adam und Elisabeth Kredel sowie der Familie Steuernagel. Traditionell wurden Kirchenglocken von Hand geläutet, was körperliche Schwerstarbeit war. In der Dankeskirche erledigt der Küster das schon lange per Knopfdruck. Übrigens ist das älteste Geläut des Abendlandes das des Kölner Doms.

hed_Glocken_1955__2_3103_4c
1955 werden in der Dankeskirche vier neue Glocken hinaufgezogen. ARCHIVFOTO © Red

Auch interessant

Kommentare