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Warum man in Stornfels gerne bergauf boßelt

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Von: Steffen Frühbis

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cwo_STFboszeln1_040522_4c © Steffen Turban

Wer Boßeln kennt, der weiß, dass man dieses norddeutsche Spiel in ebenem Gelände spielt. Was aber, wenn das fehlt? Kein Problem, dachte man sich in Stornfels: »Dann spielen wir halt bergauf.«

W er denkt, schon alles zu kennen in der Region, der sollte mal in Stornfels vorbeischauen. Im - neulich vom Hessenfernsehen gekürten - »Dollen Dorf der Woche« trifft sich seit 18 Jahren ein gut gelauntes Grüppchen, um dem Boßel-Hobby zu frönen. Allerdings auf eine etwas andere Art, als man meinen könnte.

Allseits bekannte Nachschlagewerke tun sich etwas schwer mit einer genauen Definition, Namensherleitung und Historie des Boßelns. Während die Boßel-Wiege irgendwo in Norddeutschland oder den Niederlanden zu liegen scheint, könnte der ursprüngliche Zweck - wie so oft - im militärischen Bereich zu suchen sein: Mit dicken Kugeln aus Steinen und getrocknetem Schlick sollen die alten Friesen feindliche römische Legionäre zielgenau beworfen und selbstbewusst in die Flucht geschlagen haben.

Wie dem auch gewesen sein mag: Heutzutage ist das Boßeln eine ziemlich friedliche Angelegenheit. Regeln und Regel-Varianten gibt es eine ganze Reihe, die vielleicht bekannteste lautet: Wähle einen - mehr oder weniger langen - ebenen und asphaltierten Weg aus, bilde mindestens zwei Mannschaften, händige jedem Mitspieler eine Kugel aus, und los geht’s. Ziel des Ganzen: Für die ausgewählte Strecke weniger Würfe bis zum Zielpunkt zu benötigen, als das gegnerische Team. Abwechselnd wird dabei immer von jener Stelle aus geworfen, an der die Boßelkugel des vorherigen Werfers der eigenen Mannschaft liegen blieb. »Rollen«, nennen das die Boßel-Profis.

Wer nun die Topografie des idyllisch gelegenen »Stornfelsens« kennt, ahnt die Krux bei der Sache: Alles in und um Stornfels ist - steil. Entweder gehen Wege steil bergauf, oder sie führen steil bergab. »Eben« oder »flach« geht in Stornfels eigentlich gar nicht.

»Flach kann ja sowieso jeder«, ist indessen für Karl-Georg »Charly« Langheinrich klar. Der gutgelaunt-gemütliche Stornfelser entdeckte vor knapp 20 Jahren bei einem Besuch in Nordfriesland sein Faible fürs Boßeln. »Wir kamen von unserer Reise zurück, und mir war klar, dass wir das hier bei uns auch machen müssen!« Gesagt, getan. Die Idee, einen Boßel-Club in Stornfels zu gründen, schlug ein wie eine - Boßelkugel. Seit 2004 trifft sich regelmäßig ein Dutzend begeisterter Kugelroller. Und weil »flach« eben schwierig ist, da oben auf dem alten Vulkankegel, zieht sich der Parcours kurzerhand mehrere Hundert Meter einen asphaltierten Weg den Hang hinauf.

Was leicht und lustig klingt, bedarf durchaus einer gewissen Disziplin, körperlicher Fitness und Logistik. Zuallererst: Die Kugeln. Wer beim Zuschauen den Eindruck hat, es handelt sich um leichte, bunte Bällchen, muss spätestens bei einem Probewurf erkennen: Massive Eisenkugeln gilt es da, mit Kraft und Technik den Berg hinaufzurollen. 4,7 Kilogramm wiegt die Herrenkugel, während eine Damenkugel immerhin 3,6 Kilo auf die Waage bringt. Selbstredend handelt es sich um Produkte aus der Region. Club-Oberhaupt Charly: »Wir haben unsere Eisenbälle in einer Eisengießerei in Friedrichshütte eigens für uns produzieren lassen.«

Der Fänger mit dem »Schaumlöffel«

Apropos »bunt«. Bunt bemalt sollten die Kugeln deshalb sein, weil sie nicht selten, insbesondere bei zu viel Krafteinsatz, in der Böschung am Wegesrand oder gar auf einem Acker zum Liegen kommen. Der »Fänger« - eine Art Schiedsrichter - hat dann die Aufgabe, die Kugel mit einem überdimensionierten Schaumlöffel Marke Eigenbau aus der Vegetation herauszuangeln und wieder am Wegesrand zu platzieren. Ebenfalls tückisch: Bei falscher Wurftechnik macht der Eisenball auf halbem Wege kehrt und rollt zu seinem Werfer zurück. Pech für die eigene Mannschaft.

Und natürlich nicht zu vergessen: Die Mannschafts-Bollerwagen. Liebevoll und in Eigenregie entworfene Trolleys - von einem Autohaus in der Harb professionell lackiert - enthalten alles, was ein Boßel-Team für einen langen und trockenen Sonntagnachmittag benötigt. Verdursten soll schließlich niemand.

Zwar liegt der Altersdurchschnitt der fidelen Truppe nicht gerade niedrig. Wilfried Schad, Grandseigneur der Truppe, ist mit sage und schreibe 88 Jahren noch immer einer der gefürchtetsten Weitwerfer. Doch auch Nachwuchs ist durchaus mit von der Partie. Jung-Talent Sarah beispielsweise ist an jenem Sonntagvormittag mit Freunden vom Hoherodskopf herunter gewandert, um am Nachmittag am Wettbewerb teilzunehmen. Hut ab vor den Bergauf-Boßlern aus Stornfels!

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cwo_STFboszeln2_040522_4c © Steffen Turban
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cwo_STFboszeln_040522_4c © Steffen Turban

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