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Warum Moderatorin Anne Gesthuysen das Schreiben liebt

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»Meine Charaktere sind mir richtig ans Herz gewachsen. Und ich mag die Lesungen, zu denen ich jetzt wieder fahren darf. Wie nach Nidda«, sagt Schriftstellerin und Moderatorin Anne Gesthuysen. © VERLAG

Ein kleiner Kosmos, der die ganze Welt zeigt: das Dorf. Moderatorin Anne Gesthuysen stellt ihren neuen Roman »Wir sind schließlich wer« in Nidda vor.

Ihr vierter Roman spielt wieder am Niederrhein. Im Dorf Alpen. Wieso gerade dort?

Es ist meine Ecke. Genau aus dieser Gegend komme ich, natürlich ist das Dorf - obwohl es das namentlich gibt - fiktiv. Ich bestücke das Personal in meinen Büchern gerne mit meinen Erinnerungen.

Was macht das Dorf zu einem idealen Schauplatz?

Es ist ein begrenzter Ort. Die Menschen darin sind in einer, wie man sagt »Peer Group«. Sie wissen, da gehöre ich hin, und so funktioniert hier das Leben.

Das Leben, das auf dem Dorf in einer gewissen Weise noch in Ordnung ist?

Ja, durchaus. Das Dorf hat eine große soziale Kontrolle. Es gibt Gerüchte, es wird gelästert. Jeder achtet auf den anderen. Und darauf, dass niemand »ausbüxt«. Das Dorf hat aber auch eine große integrierende Funktion. Das habe ich selber erlebt.

Erzählen Sie davon.

Ich sollte 2017 im realen Ort Alpen ein Konzert mit und für Geflüchtete moderieren. Dort lebten ab 2015/15 rund 400 Geflüchtete, was für die Größe des Ortes sehr viel war. Wer bei seiner Ankunft nicht bei drei auf der Mauer war, wurde sofort Teil eines Vereins, »landete« in einem Gesangsverein oder Theatergruppe. Der Zugang zur Kultur und natürlich zur Sprache waren so für die Angekommenen viel leichter. Sie wurden schnell integriert. Das war toll zu erleben.

In Ihrem Roman bleiben die Dorfbewohner dennoch skeptisch gegenüber dem Fremden. Wieso?

Weil es bei manchen Menschen im Kopf eben so bleibt. Da ist es egal, ob ein neuer Dorfbewohner aus dem Nachbarort hinzugezogen ist oder von weit her kommt. Im Buch spielt die Religion verstärkend mit hinein.

Wegen Pastorin Anna?

Ja, und um die Haltung der Bewohner zu erklären. Anna ist ja nicht aus tiefer Gläubigkeit Pastorin geworden, sondern weil sie erkannt hat, dass sie mit Schicksalsschlägen so gut umgehen kann und das an andere Menschen weiter geben möchte.

Auf den Titel Romans »Wir sind schließlich wer« bezieht sich die Mutter. Wie kamen Sie auf diesen Titel?

Es ist ein Satz, den ich in meiner Kindheit immer wieder gehört habe. Allerdings nicht von meinen Eltern. Die waren beide Bauern aus eher ärmeren Verhältnissen. Aber »Wir sind schließlich wer« hörte ich von anderen und auch über andere. Das schien mir passend für diese Romanfamilie.

Anna und Maria stehen im Mittelpunkt. Ungleiche Schwestern. eine ist widerstandsfähig, die andere zerbricht an Ihrem Schicksal.

Daran wollte ich zeigen, wie unterschiedlich man sich in Familien entwickelten an. Mit dem vermeintlich gleichen Genpool und der gleichen Erziehung. Anna ist resilient. Kaum etwas schafft es, sie umzuhauen. Sie zieht aus allem noch etwas Positives. Sie wächst an negativen Erfahrungen und an ihrem Schicksal. Ihre Schwester kann das nicht.

Warum ist das so?

Der Vater hat Anna immer gestärkt. Sie ermutigt und gesagt: Du schaffst das. Die Mutter hingegen hat Maria, ihrem Prinzesschen, alles abgenommen.

Maria ist diejenige, die sich mit dem Adel der Familie gut identifiziert, Anna lehnt das ab. Warum fand der Adel Einzug ins Buch?

Daran kann man einen gewissen Dünkel gut darstellen. Man heiratet im Adel nicht nach unten. Das erwarten sogar manche Akademikerfamilien. Jede Gruppe hat ihren Dünkel. Maria verkörpert den Adel perfekt, Anna hasst das alles und möchte so ganz anders werden und sein.

Das merkt man besonders am Verhältnis zur Mutter. Trotz aller Abgrenzung bleibt Anna in der Familie in ihrer (kindlichen) Rolle.

Das kennen wir doch alle. So funktioniert das in Familien eben. Wir bleiben immer Kinder. Jeder nimmt in der Familie eine bestimmte Rolle ein, und die bleibt. Manchmal ist das auch gut so.

Wann zum Beispiel?

Wie mit meinem älteren Bruder. Der hat schon viele Kämpfe mit den Eltern für mich ausgefochten. Und er kümmert sich um vieles. Das kann für mich sehr bequem sein.

Bei den Protagonistinnen spürt man die Eifersucht, dann aber wieder eine starke Verbundenheit.

Anna hasst zwar alles, was Maria scheinbar verkörpert, dennoch ist sie immer für die Schwester da. Blut ist dicker als Wasser. Da ist wirklich etwas dran.

Wer immer alles anders machen möchte, als die Familie, ist derjenige eigentlich noch selbstbestimmt?

Das zeigt sich an Anna sehr gut. Eigentlich nicht. Sie macht immer alles anders als ihre Eltern. Sie fühlt sich fast gezwungen, es anders zu machen, und das hemmt sie in wirklich freien Entscheidungen.

Im Roman passieren Schicksalsschläge. Dennoch klingt zwischen den Zeilen viel Humor durch. Warum war Ihnen das wichtig?

Humor hat mir in schwierigen Momenten meines Lebens immer geholfen. In den schlimmsten Lagen fand ich dennoch irgendwo etwas zum Lachen.

Liegt das an Ihrer niederrheinischen Natur?

Ich werde tatsächlich oft gefragt, was den typischen Niederrheiner ausmacht. Mein Ehemann Frank Plasberg hat es mir treffend gesagt. »Ihr Niederrheiner seid immer etwas schwarzhumorig.« Da ist wohl was dran.

Sie sind von Haus aus Journalistin. Haben lange das ARD-Morgenmagazin moderiert. Vermissen Sie diese Arbeit?

Nicht die Arbeitszeiten. Die sind nicht familienkompatibel und mit meinem elfjährigen Sohn nicht vereinbar. Derzeit moderiere ich die »Aktuelle Stunde« im WDR. Einige Sendungen im Monat, aber nicht mehr täglich.

Damit Sie sich mehr aufs Schreiben konzentrieren können?

Unter anderem. Ich liebe das Schreiben. Meine Charaktere sind mir richtig ans Herz gewachsen. Und ich mag die Lesungen, zu denen ich jetzt wieder fahren darf. Wie nach Nidda.

Wie sehr Ihnen die Charaktere am Herzen liegen, merkt man an Ottilie Oymann. Sie kam bereits in »Mädelsabend« vor.

Ich wollte und will Tante Ottilie nicht aufgeben. Sie habe ich besonders liebgewonnen.

Soll es demnach einen fünften Roman geben?

Möglich. Vielleicht erlebt Tante Ottilie noch ein gewagtes Abenteuer und Sie erleben das Dorf Alpen noch von einer ganz andren Seite.

Infos zur Person: Mit Familie in Köln

Anne Gesthuysen wurde 1969 am unteren Niederrhein geboren. Nach dem Abitur in Xanten studierte sie Journalistik und Romanistik. In den 90er-Jahren arbeitete sie bei Radio France. Als Reporterin hat sie für WDR, ZDF und VOX gearbeitet, schließlich auch als Moderatorin. Ab 2002 moderierte sie das ARD-Morgenmagazin. Sie lebt mit ihrem Mann, Moderator Frank Plasberg (bekannt unter anderem durch die Sendung »Hart aber fair«), ihrem Sohn und dem Goldendoodle Freddy in Köln. (koe)

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