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Was ein Vorlesepate alles können sollte

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Von: Rebecca Fulle

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Maike Roos ist ehrenamtlich als Vorlesepatin tätig. Dabei kann sie Einrichtungen wie Kindergärten, Grundschulen und Seniorenheime besuchen und Geschichten vorlesen. © Rebecca Fulle

Vorlesen und dabei eine Bindung zu den Zuhörern aufbauen - das ist der Wunsch von Maike Roos aus Schwalheim. Die 59-Jährige ist nun Vorlesepatin geworden. Was braucht es dafür?

Sechs Kinder sitzen in einem Kreis, in ihrer Mitte eine Vorlese-Patin. Sie liest aus einem Kinderbuch vor, verstellt die Stimmen, senkt die Stimme bei spannenden Passagen. Die Kinder hören ihr gebannt zu. So sieht es aus, wenn ein Vorlesepate in den Kindergarten kommt.

Geschichten lebendig machen

Das Freiwilligenzentrum Bad Nauheim hat im Juni eine Einführungsveranstaltung für anstrebende Vorlese-Paten angeboten. Die 59-jährige Maike Roos aus Schwalheim ist eine der Teilnehmerinnen gewesen. Sie ist durch einen Artikel in der Zeitung auf das Seminar aufmerksam geworden. Von ihrer Mutter, die im Pflegeheim wohnt, kennt sie das Ehrenamt des Vorlesepaten auch schon. »Dort kam jemand vorbei und hat vorgelesen.« Ihre Mutter hätte sich dabei aber laut Roos nicht auf Augenhöhe behandelt gefühlt. Das wolle Maike Roos nun besser machen.

Die Ansichten der 59-Jährigen haben sich im Seminar des Freiwilligenzentrums geändert: »Ich dachte, man kann einfach eine Passage aus einem Buch vorlesen. Bei dem Seminar war aber der Tipp, dass man in sich geschlossene Geschichten vorliest.« Was sie überrascht habe, sei die Bedeutung von einer guten Vorbereitung zum Vorlesen. »Es ist wesentlich, dass man nicht mit einem Buch da rein geht und sagt ›Ach, da lese ich mal was draus vor‹, sondern dass man sich damit auseinandersetzt«, sagt sie. » Lebendige Gestalten für die Kleineren kreieren, sie einbeziehen, Fragen stellen, Reaktionen hervorrufen«, zählt Roos auf.

Freude am Lesen und auf die Zuhörer reagieren

Für die 59-Jährige ist Lesen schon immer ein Thema. »Ich selbst bin eine Leseratte von Kind auf«, sagt Roos. Sie hat auch schon im Kindergarten ausgeholfen und dort vorgelesen. Seit 2016 arbeitet sie mit Geflüchteten und gibt Sprachkurse. »Da lernt man seine eigene Sprache nochmal ganz anders kennen - und die Bedeutung von einem Buch.« Roos wünscht sich, mit dem Vorlesen den Anreiz zu schaffen, dass ein Kind ein Buch selbst in die Hand nimmt und liest. »Als geübte Leserin merke ich, dass man zu einem Buch eine Pforte öffnen kann - oder auch nicht«, sagt sie.

Für das Ehrenamt des Vorlesepaten brauche man viel Freude am Lesen, ebenso ein gewisses Reaktionsvermögen auf die Zuhörer, gerade bei Kindern. »Ich glaube, man muss mit seiner Stimme mehr transportieren als nur das geschriebene Wort. Es geht darum, Bilder zu zeichnen.«

Mit dem Vorlesen verbindet Roos die Konzentration auf das Geschriebene. »Alles, was sonst im Kopf los ist, kommt zur Ruhe.« Für Kinder sieht Roos Bücher als Medium, um Themen zu besprechen. Bücher über Patchwork-Familien, über gleichgeschlechtliche Familien. »Das Buch ist ein neutrales Transportmittel ohne Wertung. Es spricht für sich.«

Welches Buch für welches Alter?

Für kleine Kinder wählt Roos Bücher mit vielen Bildern aus, bei denen viel entdeckt werden kann. »Da kann man zu jeder Sache noch Geschichten erzählen«, sagt sie. Auch interaktive Bücher eigneten sich gut. »Kinder möchten neue Sachen lernen. Bei unbekannten Wörtern fragen sie nach«, sagt sie. Bei den älteren Kindern entscheidet sie sich häufig für das Buch »Märchen aus aller Welt«. Dort seien schöne Geschichten dabei, zum Beispiel gehe es in einer darum, wie das Nilpferd zu seinem Namen kam. »Die Geschichten musste ich nach Altersgruppen sortieren. Toll finde ich, dass bei dem Buch ganz viel Kultur nebenbei transportiert wird«, sagt Roos. Bei den älteren Kindern sei auch das Thema Konzen tration von Bedeutung. »Sich länger auf ein Thema zu konzentrieren is t nicht mehr so einfach.« Daher achtet Roos darauf, dass die vorgelesenen Geschichten nicht zu lang sind.

Beim Vorlesen für Senioren ist sich Roos noch unsicher, welche Literatur am besten geeignet ist. »Ich könnte mir vorstellen, etwas von Goethe oder so herauszusuchen und mit geeignetem Pathos vorlesen.« Sie hat vor, das bei ihrer Mutter auszutesten.

Wann ist eine Vorlese-Runde besonders?

Eine Vorlese-Runde wird für Maike Roos zu einem besonderen Erlebnis, wenn es eine Rückmeldung gibt. »Es ist toll, wenn die Zuhörer eine Bindung zum Vorleser aufbauen.« Bei Senioren ist es für Roos bereits ein Erfolg, wenn die Menschen das Angebot wahrnehmen.

Bisher war Roos nur auf eine r Veranstaltung als Lese-Patin im Einsatz. Fü r die Zukunft kann sie sich vorstellen, sowohl im Kindergarten als auch in einer Pflegeeinricht ung vorzulesen, auch mit Blick auf ihre Mutter. Nach den Sommerferien werde das wieder möglich sein, vermutet sie. D a die 59-Jährige nur dienstags bis donnerstags arbeitet, könnte sie montags und freitags in verschiedenen Einrichtungen vorlesen. Roos freut sich auf das Vorlesen: »Man bekommt so viel zurück von den Kindern und Senioren.«

INFO: Geschlechterspezifische Literatur

Auch in der Literatur ist Geschlechterspezifik ein Thema - Bücher für Jungen und Bücher für Mädchen. Diese kennzeichnen sich meist entweder durch gruselige Buchcover und Abenteuer-Geschichten für die Jungen oder durch rosa Glitzer-Buchcover und Prinzessinnengeschichten für Mädchen. Für Maike Roos, Vorlesepatin aus Schwalheim, ist geschlechterspezifische Literatur auch ein Thema. »Mittlerweile ist einiges besser geworden, die Bücher sind gemischter geworden«, sagt sie. Als ihre Tochter noch kleiner war, seien ihr häufig unbeholfene Mädchen-Rollen und mutige Jungen-Rollen aufgefallen. »Ja, es gab auch Bibi Blocksberg oder die Hexe Lilly, die standen aber dann meistens alleine da«, sagt Roos. »Der Junge in einer Geschichte war am Ende dann häufig doch ein wenig mutiger oder hatte die Nase vorn«, sagt die Bad Nauheimerin.

Nichtsdestotrotz gebe es ihrer Meinung nach heutzutage immer noch genügend Stereotype über Mädchen und Jungen in der Literatur. »Ich versuche, solche Bücher zu umgehen«, sagt sie. »Beim Vorlesen kriegt ein Mädchen im Buch keine typische hohe Mädchenstimme von mir. Einen Jungen hingegen spreche ich beim Vorlesen dann auch mal mit einer höheren Stimme.« Damit möchte sie dem Muster entgegenwirken.

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