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Wechsel zwischen Glück und Leid

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Von: Marc Stephan

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Gerhard Roos liest aus seinem Buch »Milch und Honig: Nachkriegsleben«, das in Bingenheim spielt, wo er seine Kindheit verbrachte. © Marc Stephan

Echzell (arc). Das Leben ist im Fluss. Das war es schon immer und wird es immer bleiben. Manche Dinge aber bleiben und geben den Menschen Halt. So könnte man den roten Faden in Gerhard Roos’ Buch »Milch und Honig: Nachkriegsleben« interpretieren. Zu den Dingen, die Halt geben, gehören immer wieder andere Menschen, und so wurde auch die Lesung in der Bingenheimer Kirche schnell zu einem Wiedersehen alter Freunde und Bekannter.

Wiedersehen mit Schulfreunden

Der Autor selbst hat zehn Jahre seiner Kindheit in Bingenheim verbracht, und so gab es vor und nach der Lesung ein großes Hallo mit ehemaligen Schulfreunden und befreundeten Familien, denn Gerhard Roos lebt schon lange nicht mehr in der Wetterau. Trotzdem nannte er viele Anwesende spontan beim Namen, und man erinnerte sich an gemeinsame Zeiten. Roos betonte mehrfach seine Freude darüber, wie voll die Kirche geworden war und es ihn rühre, wieder dort zu stehen, wo sein Großvater und Vater als Pfarrer gewirkt hatten. Nach seinem Großvater Rudolph Zentgraf ist heute eine kleine Straße im Dorf benannt.

Den Anstoß für das Buch habe letztlich Josef Tiefenbach vom Verein »Bingenheimer Geschichte« gegeben. Dieser habe immer mal nach Details aus der Nachkriegszeit gefragt und nach den Familien, die damals in Bingenheim lebten. Als Roos die Daten dann ohnehin zusammen hatte, gab dies den letzten Anreiz, die Geschichte in Romanform zu Papier zu bringen. Nachdem das Buch nun erschienen war, luden ihn der Verein »Bingenheimer Geschichte« und die evangelische Kirchengemeinde zur Lesung und dem Wiedersehen mit alten Freunden ein.

Sein Buch beschreibt das Leben der einfachen Menschen auf dem Land nach dem Zweiten Weltkrieg; hierzu holt Roos aber viel weiter aus. So greift der Autor eine Familiengeschichte bereits im 19. Jahrhundert auf, als ein Bingenheimer Handwerker von seiner Walz eine Roma aus Böhmen mitbringt und sie seinen Eltern sogleich als Ehefrau vorstellt. Die Eltern stört die Herkunft der Schwiegertochter wenig. Im Dorf selbst wird sie endgültig in die Gemeinschaft aufgenommen, als sie bei der Geburt dem Neugeborenen das Leben rettet. Fortan wird sie die alternde Hebamme des Dorfes begleiten und ihren Platz einnehmen.

Auch ihre Tochter wird den Beruf der Hebamme ergreifen, später aber tödlich verunglücken. So ist das Finden von Glück und Liebe und der Verlust derselben ein fester Bestandteil des Buches. Stets sind es die Menschen, welche die Schicksalsschläge durch Gemeinschaft überstehen, die ihr Leben aber neu ausrichten müssen.

So erzählt Roos auch die Geschichte eines Arztes, der am Ende des Krieges als Aushilfsfunker in einen Panzer gesetzt wird, weil sein Vorgesetzter glaubt, er könne auf diesem Wege sicherer in die Heimat kommen. Schließlich werden alle Fahrzeuge des Zuges zerstört bis auf den Tiger-Panzer mit dem Arzt als Funker. Schließlich lässt sich die Panzerbesatzung gefangen nehmen, als sie erfährt, dass der Krieg schon zu Ende ist.

Grausamkeit und Menschlichkeit

Dem Leser eröffnet Roos damit einen Einblick in die Grausamkeit des Krieges, das Leid der Kriegsgefangenen, aber auch der Menschlichkeit des amerikanischen Arztes, der seinen deutschen Kollegen als Assistenzarzt mit einigen Vorzügen in ein Krankenhaus für Kriegsgefangene holt. Von Grafenwöhr findet der Arzt schließlich über Franken und Gießen nach Reichelsheim, wo er dem dortigen Arzt zur Hand geht, dessen Sohn sich noch in Gefangenschaft befindet.

So webt Roos viele einzelne Fäden zu einem bunten Teppich des Nachkriegslebens in der Wetterau, stets im Wechsel zwischen Glück und Schicksalsschlägen, doch nie ein Leben, in dem Milch und Honig fließen.

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