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Wege aus Sinnkrise und Burn-out im Kloster Engelthal

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Was tun, wenn einen der Job überfordert oder einfach keinen Sinn mehr ergibt? Guido Ernst Hannig hat dies selbst erlebt und hilft nun Betroffenen, Wege aus dieser Lage zu finden. © DPA Deutsche Presseagentur

Burn-out und Sinnkrise: Viele Menschen finden sich im Laufe ihres Lebens in dieser Situation wieder, auch Guido Ernst Hannig. Er überwand sie und hilft nun als Coach und Autor Betroffenen.

M itten im Leben stehend, ständig auf der Überholspur und unter Erfolgsdruck holt immer mehr Menschen der Burn-out ein. Sie stellen sich die Frage nach dem Sinn, nach Umorientierung und Neubeginn. Ganz ähnlich erging es auch dem heutigen Autor und Coach Guido Ernst Hannig, Jahrgang 1963, aus Bad Vilbel. Heute bietet er Auszeitkurse im Kloster Engelthal an. Diese Zeitung sprach mit dem ehemaligen Banker über seine persönlichen Erfahrungen, seinen Weg, seine Kurse und sein neues Buch.

Herr Hannig, berichten Sie uns zunächst ein wenig von Ihrem beruflichen Werdegang.

Ich bin von Haus aus Betriebswirt und war Senior-Referent einer Bank. Dort war ich zuständig für Teile der internationalen Rechnungslegung. Ich war inhaltlich ganz anders unterwegs als heute. Und doch schaue ich mit viel Dankbarkeit auf diese Zeit zurück. Dieser Weg hat mich - den gebürtigen Kölner - nicht nur in die Wetterau geführt. Was die Berufstätigen heute bewegt, kann ich durch diese Praxis gut nachvollziehen.

Wie kam es zur grundlegenden Neuorientierung? In Ihrem Buch »Der Auszeit-Kompass. 7 Tage raus« berichten Sie von Ihrem Burn-out und einer Sinnkrise - welche Konsequenzen zogen Sie?

Mein Wendepunkt fand in der Lebensmitte statt. Fragen nach dem Lebenssinn beschäftigten mich schon in meiner Studienzeit. Die Berufswahl erfolgte zwar weitgehend kopfgesteuert. Leidenschaft entdeckten Freunde bei mir aber mehr in meinem Hang zur Philosophie. Die Seele klopfte mit Fragen an: Ist dieser Job das, was ich bis zum Ende meines Berufslebens tun will? Ist das der Auftrag, den ich hier auf Erden erfüllen soll? Ich sehnte mich nach persönlicher Freiheit, und so reduzierte ich die Arbeitszeit. Ich begann ein Studium der Theologie. Das Pilgern auf dem Jakobsweg sollte Anstoß werden, aus der inneren Sackgasse rauszukommen. Es folgten Ausbildungen in Coaching und Seelsorge. Intuitiv spürte ich: Ein Beruf ist sinnhaft, wenn auch das Herz zum Ausdruck kommt.

Von Work-Life-Balance ist allerorten die Rede. In Ihrem Buch machen Sie einen Dreiklang daraus »Work-Life-Sense«, Sie nehmen zu »Arbeit« und »Leben« noch den »Sinn« hinzu. Warum ist es so wichtig, den wahren und wichtigen Wünschen sowie bisher vielleicht ungenutzten Potenzialen auf die Spur zu kommen?

Ausgangspunkt für die Neuorientierung sind für mich Sinn und Berufung. So entwickelte ich eine Sinnfindungsmethode, die das persönliche und fachliche Potenzial zum Vorschein bringt. Der wichtigste Ausgangspunkt für den Weg zum sinnerfüllten Arbeitsleben ist zunächst die Klärung der eigenen Berufung. Das Finden der Berufung erzeugt im Menschen ein liebendes Gefühl zu sich selbst und gegenüber dem Leben. Liebe ist somit nicht nur etwas für unser Privates, sie spendet Sinn und findet Ausdruck in der Berufung. Diese sorgt für Klarheit und Orientierung.

Sprechen Sie in diesem Zusammenhang auch von der Bestimmung jedes einzelnen Menschen?

Das ist eine Glaubensfrage. Ich persönlich glaube daran, dass jeder Mensch auf einzigartige Weise auserwählt ist, den göttlichen Kern zu entfalten. Deshalb nenne ich diesen Ansatz »Work-Life-Sense«. Es handelt sich um einen Weg des »Sowohl-als-auch«, bei dem es gleichermaßen um das Business und die Seele geht.

Sie sind als Coach tätig: Welche Alters- und Berufsgruppen nehmen Ihren Rat in Anspruch und in welchen Situationen?

Viele Menschen sind unzufrieden mit ihrem Beruf und wünschen sich mehr Erfüllung und Sinn in einer Arbeit, die ihren Talenten und Antrieben entspricht. Das kann schon nach dem Studium auftreten oder erst vor dem Ruhestand. Ein Berufungsworkshop kann in der Midlife-Crisis anstehen. Nicht selten begegnen mir Kursteilnehmer, die einen Burn-out bewältigen mussten. Die Ursachen dafür sind vielschichtig und können bei einigen Menschen in chronischer Überbelastung liegen. Bei anderen ist das Feuer für die Arbeit erloschen. Dann ist auch eine Auszeit sinnvoll.

Die optimale Auszeit, die Sie in Ihrem Buch beschreiben, verläuft über sieben Tage. Lässt sich der Zeitraum komprimieren?

Ich unterscheide zwischen einer Auszeitwoche und dem Auszeitwochenende. Im Buch »Der Auszeit-Kompass« wird die längere Wegstrecke beschrieben. Für alle die, die gerne in einer kleinen Gruppe von vier bis sechs Teilnehmern die Berufungsfrage beantworten wollen, biete ich das Auszeitwochenende an.

In der Wetterau arbeiten Sie mit der Benediktinerinnen-Abtei Engelthal zusammen und bieten vom 24. bis 26. Juni einen Auszeitkurs an. Sind Auszeiten in der Abgeschiedenheit eines Klosters leichter möglich?

Klöstern wohnt bekanntlich eine eigentümliche Kraft inne. Klöster schenken uns Ruhe und Besinnung. Meditations- und Besinnungsräume auf der einen Seite, den Zugang zur Natur auf der anderen Seite. Hier kann man sich auf das Wesentliche konzentrieren. Hinzu kommt die herzliche Atmosphäre, die uns die Ordensfrauen schenken.

Wer keine Zeit hat, an einem Ihrer Kurse teilzunehmen, welche Möglichkeiten bietet die Buchform und das Arbeiten an Ihren tief gehenden Fragen?

Viele haben die Nase voll und träumen vom Aussteigen. Genauer betrachtet wäre ein Sabbatjahr aber nachteilig. Daher schrieb ich das Buch für Berufstätige mit wenig Urlaub, dazu kann man natürlich jederzeit Kloster Engelthal als Einzelgast ansprechen und dort eine Auszeit buchen. Mein Buch ist ein Wegweiser durch eine Auszeitwoche und möchte Menschen einladen, die Magie eines Kraftorts zu suchen, dort innezuhalten und das Herz wieder zu spüren. Das Buch soll helfen, sich ein Stück weit mit der eigenen Lebenssituation zu versöhnen und die Berufung als Quelle der Lebensfreude aufzuschließen. Sollten jemand dann doch Gesprächsbegleitung wünschen, finden sich in Engelthal natürlich Schwestern oder man vereinbart ein Online-Coaching mit mir selbst.

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Guido Ernst Hannig © Ingeborg Schneider

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