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Wegen Dopamin-Behandlung schuldunfähig?

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Das Urteil soll am 7. Juli gesprochen werden. © Imago Sportfotodienst GmbH

Während des dritten Verhandlungstages am Landgericht Gießen ging es um die Frage: War der 59-jährige Angeklagte, der in Altenstadt lebt, zum Zeitpunkt des Raubzugs überhaupt schuldfähig?

Fünf Tankstellen in Ilbenstadt, Altenstadt, Düdelsheim, Ortenberg und Friedberg sowie eine Spielothek in Gedern soll der Angeklagte zwischen dem 9. und 15. Dezember 2021 überfallen haben. Der 59-Jährige, der in Altenstadt lebt, muss sich daher wegen schweren Raubes, Raubversuchs, Erpressung und Körperverletzung vor dem Landgericht Gießen verantworten (diese Zeitung berichtete).

Nachdem er die Überfälle während des zweiten Verhandlungstages in der vergangenen Woche eingeräumt hatte, stand am Montag die Frage im Mittelpunkt, ob er zum Zeitpunkt des Raubzugs schuldfähig war. Denn: Wegen einer Krankheit, wegen der er auch aufhören musste zu arbeiten, wurde ihm das Medikament Dopamin verordnet.

Seit 2020 spielsüchtig

Der Sachverständige Dr. Jens Ulferts schilderte dem Gericht, dass es Glückserlebnisse vermittele sowie für eine längerfristige Motivationssteigerung und Antriebsförderung sorge. Allerdings habe das Medikament auch eine Schattenseite, in 50 Prozent der Fälle führe es zu Impulskontrollstörungen. Mit der Folge, dass Suchtverhalten auftrete, wie etwa Esslust, Kaufrausch oder Spielsucht. In diesen Fällen müsse der behandelnde Arzt das Dopamin absetzen.

Das ist im Fall des Angeklagten, der am zweiten Prozesstag berichtet hatte, dass er seit 2020 spielsüchtig sei, offensichtlich nicht geschehen. Zwei Tage vor dem ersten Überfall, der ihm zur Last gelegt wird, war er noch in ärztlicher Behandlung. Aus dem Arztbrief, der dem Gericht vorliegt, geht hervor, dass der 59-Jährige auf die Frage der Ärztin nach seiner Spielsucht geantwortet haben soll, diese im Griff zu haben.

Dabei war es kurz zuvor zu einem heftigen Streit in der Familie gekommen, weil er die Urlaubskasse geplündert hatte, um wieder Geld fürs Spielen zu haben. »Hätte die Ärztin gewusst, wie es um den Angeklagten zu diesem Zeitpunkt stand, hätte sie das Dopamin sofort abgesetzt und die Überfälle wären wahrscheinlich nicht passiert«, sagte der medizinische Sachverständige. Weil man seiner Ansicht nach beim Angeklagten zur Tatzeit wegen des Dopamins von einer verminderten Steuerungsfähigkeit ausgehen muss, empfahl er dem Gericht, dem 59-Jährigen eine verminderte Schuldfähigkeit zuzubilligen.

Staatsanwältin Dr. Julia Vorländer sah das ähnlich. Jedoch müsse man dem Angeklagten ankreiden, dass er von seiner Spielsucht wusste und trotzdem zwei Tage vor dem ersten Überfall die Ärztin im Hinblick auf die Schwere seiner Spielsucht belogen habe, sagte sie. Außerdem müssten die Folgen, die die Opfer davongetragen hätten, beim Strafmaß berücksichtigt werden. Eines der Opfer sagte am Montag aus, dass es von dem Überfall immer noch träume und seine Frau im Schlaf sogar deswegen geschlagen habe. Seither schliefen sie in getrennten Schlafzimmern. Andere Opfer hatten berichtet, dass sie keinen Nachtdienst an der Tankstelle mehr übernähmen oder ihren Job deswegen ganz gekündigt hätten. Deshalb forderte die Staatsanwältin vier Jahre und zehn Monate Haft.

Urteil wird am 7. Juli gesprochen

Verteidiger Dr. Ulrich Endres betonte dagegen die Besonderheit dieses Verfahrens. »Ein bis dahin unbescholtener Mann wird krank, wird daraufhin medikamentös behandelt und gelangt durch das Medikament zu einer Spielsucht, die ihn schließlich straffällig macht. Da kann der Angeklagte doch nichts dafür«, sagte er. Weil der 59-Jährige die Straftaten vollumfänglich eingestanden und zudem nicht nur ehrliche Reue gezeigt, sondern sich bei all seinen Opfern im Laufe des Prozesses auch entschuldigt habe, bat Endres um eine möglichst geringe Strafe. »Möglicherweise sogar eine Bewährungsstrafe, da von dem Angeklagten nach dem Absetzen des Dopamins keine Gefahr mehr ausgeht«, sagte der Verteidiger. Allerhöchstens dürften es jedoch nur drei Jahre Haft sein.

Das Urteil soll am 7. Juli verkündet werden. VON JÜRGEN W. NIEHOFF

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