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Weihnachtsbaum für 2,50 Mark: Eichelsachsen 1959 jetzt komplett online

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Von: Corinna Willführ

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Alles im Kasten? Bei der Kontrolle der Aufnahmen zum Weihnachtsbaum 1959: (v. l.) Karin Zinnel, Anna Pfeffer, Klaus Emrich und Ernst-Ludwig Appel. © Corinna Willführ

Das Wirtschaftswunder war voll im Gange. Wie war das aber damals auf dem Land? Die Video-Reihe »Eichelsachsen erleben« zum Jahr 1959 zeigt Eindrücke dieser Zeit und ist jetzt komplett online verfügbar.

Das Jahr 1959: Konrad Adenauer war Bundeskanzler und Eintracht Frankfurt Deutscher Meister. Der US-Präsident hieß Dwight D. Eisenhower, in Kuba kam Fidel Castro an die Macht. Nachrichten, die die Welt bewegten.

Und was war für die Menschen in einem Dorf wie Eichelsachsen wichtig? Das, was der Dorfdiener im Auftrag der Bürgermeisterei verkündete - per Bekanntmachung, zu einer Zeit, als es kein Internet, Handy oder DAB-Radio gab.

Ein Jahr lang hat das Team von »Eichelsachsen informativ« Nachrichten, wie sie damals vom Ortsdiener verkündet wurden, in Bilder und Texte zu Szenen gefasst und daraus fünf rund sechsminütige Videos gedreht. Auf dass das Leben in ihrem Dorf im World-Wide-Web einen unvergänglichen Platz hat.

Bekanntmachung bei Nieselwetter

Schotten. Ernst-Ludwig Appel schellt die Messingglocke schwungvoll mit der Hand. Ihr Signal ist weithin zu hören. Auch seine mit kräftiger Stimme vorgetragene Ankündigung: »Bekanntmachung«.

Fünf Meldungen aus der Bürgermeisterei trägt der 82-Jährige bei Nieselwetter und gerade mal fünf Grad vor. So wie fast auf den Tag genau am 25. November 1959 Julius Schütz, der letzte Ortsdiener von Eichelsachsen.

»Bitte noch mal«, ruft Klaus Emrich dem Senior zu. »Sorry, man würde das Auto hören, das gerade vorbeigefahren ist.« Klaus Emrich ist der Mann hinter der Handy-Kamera und vor dieser der Regisseur. 40 bis 50 Einzelsequenzen hält er mit seinem iPhone zur Dokumentation des Dorflebens in seinem Heimatort 1959 fest.

Die Bekanntmachungen des Ortsdieners und die Dialoge, die Anna Pfeffer und Karin Zinnel als Zeitzeuginnen Gerda und Anna, erläuternd ergänzen.

Eine Geduldsarbeit, die, wenn alles geklappt hat, viral geht. Auf Youtube. »Ich habe es eingestellt«, meldet Mitstreiter Bernd Schröder, der beim aktuellen Dreh nicht dabei sein konnte.

Doch was gab es denn nun am 25. November 1959 zu vermelden? Zum einen: Die Anträge auf Hausbrandhilfe sind bis zum nächsten Tag zwischen 11 und 12 Uhr auf der Bürgermeisterei abzugeben. Zum anderen, dass es am 27. November eine von der Volksschule Eichelsachsen veranstaltete Schiller-Feier gab - zum 200. Geburtstag des Dichters im Gasthaus Schröder. »Eintritt: 50 Pfennig«.

Und schließlich als Punkt fünf: »Wer einen Weihnachtsbaum haben will, muss den bis morgen Abend bei mir bestellen. Ausgegeben werden sie am 21. Dezember im Lagerhof. Preis 2,50 DM. Kleingeld ist mitzubringen.«

Wasserknappheit auch 1959 Thema

Alle Mitteilungen, die Ernst-Ludwig Appel vorträgt, sind Original-Texte. Entnommen einem Büchlein mit den Aufzeichnungen von Julius Schütz.

Als Erläuterungen zu diesen sprechen Anna Pfeffer und Karin Zinnel, die beiden Dorffrauen - »damals selbst noch im jugendlichen Alter« - erläuternde Texte aus eigener Feder. In Mundart. Oder rezitieren zum 200. Geburtstag von Schiller Zeilen aus seinem Monumentalgedicht »Die Glocke« - wie sie sie noch in der Schule lernen mussten.

Mitnichten sind es indes »angestaubte« Themen vergangener Zeit, die in den fünf Videos des Teams zur Sprache kommen. So geht es etwa in Folge vier um die Wasserknappheit, die im Sommer 1959 herrschte.

Oder im dritten Beitrag um die Müllentsorgung. Vom Otsdiener verkündet, hieß es damals »Konserven, also Büchsen nicht in den Eichelbach zu werfen.«

Klaus Emrich: »In unseren kleinen Filmen erzählen wir Geschichten aus der Geschichte von Eichelsachsen.« Einst wären diese von Mund zu Mund weitergegeben worden.

Doch diese Zeit ist vorbei. Um sie für spätere Generationen nachvollziehbar zu machen, müssen sie ins Internet.

»1959 waren der Ernst-Ludwig und die Anna Jugendliche, die Karin noch jünger«, sagt Klaus Emrich. »Wenn sie heute nicht von dieser Zeit erzählen, geht dieses Wissen verloren. Deshalb haben wir die Videos gedreht. Nicht zuletzt um auch die Mundart als Gut unserer Heimat zu erhalten.«

Die Videos findet man auf Youtube unter »Eichelsachsen informativ«.

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