Flüchtlingssituation im Wetteraukreis

Weg weisen in ein neues Leben

Im vergangenen Jahr ist Deutschland von dem großen Flüchtlingszustrom überrascht worden. Das stellte neben Bund und Land auch die Landkreise und Kommunen vor eine große Aufgabe. In der Frankfurter Neuen Presse spricht der Wetterauer Sozialdezernent, Erster Kreisbeigeordneter Helmut Betschel (Grüne), mit Ingrid Zöllner über Probleme und Herausforderungen, die sich daraus ergeben.

Herr Betschel, wie viele Flüchtlinge leben zurzeit im Wetteraukreis?

HELMUT BETSCHEL: Wir haben vergangenes Jahr 2506 Flüchtlinge aufgenommen. Im ersten Quartal dieses Jahres waren es 874, es folgten im zweiten Quartal rund 100, so dass wir derzeit auf einem Stand von rund 3500 Personen sind.

Der Zustrom der Flüchtlinge hat also abgenommen?

BETSCHEL: Die Zahl ist niedriger als ursprünglich geschätzt. Uns wurden fürs erste Quartal 1030 Flüchtlinge gemeldet. Es kamen 874. Für den Kreis und die Städte ist das ein Atemholen, weil wir die vergangenen sechs Monate auf Hochtouren gearbeitet haben. Wir mussten dafür sorgen, dass 3500 Menschen untergebracht werden. 2015 hat der Wetteraukreis das gemeinsam mit den Städten und Gemeinden auf den Weg gebracht. Wir haben rund 900 Plätze bei Betreibern oder in eigenen Häusern, der Rest wird in den Kommunen bereitgestellt.

Wie viele Immobilien hat denn der Wetteraukreis?

BETSCHEL: Wir haben in Altenstadt, Friedberg, Bad Nauheim und in Echzell mehrere Immobilien. In Dorn-Assenheim haben wir schon in den 90er-Jahren Wohnungen von der Flüchtlingshilfe gebaut. Wir hatten Anfang der 90er-Jahre eine Flüchtlingswelle aus Bosnien, als sich die Flüchtlingshilfe gründete. Damals gehörten eigene Immobilien zum Konzept, um von Privaten unabhängiger zu sein.

Hat man von den Erfahrungen von damals profitieren können?

BETSCHEL: Die jetzige Flüchtlingswelle kam in kürzerer Zeit. Das war eine Herausforderung, die deutlich größer war als das, was wir in den 90er-Jahren erlebt haben.

Das stellte ja nicht nur den Wetteraukreis vor das Probleme. Haben Sie den Kommunen zur Seite gestanden?

BETSCHEL: Wir hatten ihnen 2014 mitgeteilt, dass sie von uns Zuweisungen bekommen. Darauf mussten sich die Städte und Gemeinden einstellen.

Wie viele Mitarbeiter des Wetteraukreise kümmern sich derzeit um die Flüchtlinge?

BETSCHEL: Wir haben die Zahlen hochgerechnet, wie viele Flüchtlinge wir mit unserem Personal stemmen können, und gemerkt, dass es nicht reicht. Daher haben wir für einen Teil der Kommunen Leistungen ausgeschrieben. Das Deutsche Rote Kreuz hat die Sozialarbeit nun in einigen Gemeinden übernommen, drei Kommunen verfügen derzeit über eine eigene Sozialarbeit, die vom Wetteraukreis bezahlt wird.

Musste der Wetteraukreis personell aufstocken?

BETSCHEL: Der Wetteraukreis hat fünf Sozialarbeiter in Friedberg und Büdingen für die Flüchtlingsbetreuung. Unser Personal wurde 2015 nicht erhöht, in 2014 haben wir einen zusätzlichen Sozialarbeiter eingestellt. Ein freier Träger kann beim Personal deutlich schneller handeln. Meines Wissens nach beschäftigt das Rote Kreuz zehn Sozialarbeiter. Diese müssen mindestens einmal in der Woche vor Ort präsent sein.

Ist die Zahl der Helfer ausreichend?

BETSCHEL: Ich gehe davon aus, dass wir – aufgrund der zurückgehenden Zahlen – mehr als gut aufgestellt sind.

Welche Hilfe bietet der Kreis an?

BETSCHEL: Wir übernehmen die Erstversorgung und die Krisenintervention mit unseren Sozialarbeitern. Die Flüchtlinge, die von der hessischen Erstaufnahme kommen, werden bei uns mindestens zwei Wochen versorgt. Unsere Sozialarbeiter stellen den Kontakt zur Ausländerbehörde her. Mit ihrer Hilfe wird ein Geldkonto eingerichtet, so dass die Flüchtlinge beim Umzug in eine Kommune schon über Geld statt Gutscheine verfügen. Das war vorher ein enormer Verwaltungsaufwand. Ein Problem war, dass 80 Prozent der Flüchtlinge keinen Antrag gestellt oder Dokumente hatte. Die EU hat ein Geldwäschegesetz erlassen, das verbietet, ohne gültige Ausweisdokumente ein Konto zu eröffnen. Es ist uns gelungen, mit der Sparkasse eine Vereinbarung zu treffen, damit wir handlungsfähig blieben.

Wie läuft die Zusammenarbeit der Sozialarbeiter mit den ehrenamtlichen Helfern?

BETSCHEL: Da hat sich etwas entwickelt, worauf wir als Wetteraukreis stolz sein können. Anfangs gab es Kritik. Diese ist gewichen, weil man sich kennengelernt, Kontakte geknüpft hat und die Helfer gesehen haben, dass jeder alle Hebel in Bewegung setzt. Wir hatten Probleme, die wir bewältigt haben.

Was waren das für welche?

BETSCHEL: Als an einem Dienstag 150 Leute ankamen, hätten wir die Aufnahme nie mit unseren Sozialarbeitern allein geschafft. Das ganze Haus hat geholfen, Namen und Daten aufzunehmen. Es war klar: Bevor nicht alle aufgenommen sind, geht keiner nach Hause. Oktober, November und Dezember waren hart, weil es so viele auf einmal waren.

Es stellt sich ja die Frage, wie viele von den Flüchtlingen tatsächlich anerkannt werden.

BETSCHEL: Das ist richtig. Die Syrer haben eine hohe Anerkennungsquote, da muss man sich nun Gedanken machen, wie Integration gelingen kann. Es ist kein Wunschkonzert, das müssen Flüchtlinge und Helfer einsehen. Es gibt im Raum Vogelsberg leerstehende Wohnungen und Häuser. Aber viele wollen lieber nach Bad Vilbel, Karben oder Friedberg.

Apropos Haus: Es gab eine Flüchtlingsfamilie in Karben, die per Sitzstreik auf der Straße ein Haus forderte. Wie ging es da weiter?

BETSCHEL: Denen wurde deutlich gesagt, dass ihnen kein Haus zusteht. Ich sage den Flüchtlingen immer: ,Ihr seid in einem sicheren Land, das ist doch das Wichtigste.‘ Wenn die Leute mit der Vorstellung herkommen, hier bekommt jeder ein kostenloses Haus zur Verfügung gestellt, haben sie die Möglichkeit, den Sachverhalt für sich zu korrigieren. Das muss man den Einzelnen klar sagen. Wir geben Flüchtlingen Asyl, weil ihr Leben bedroht war.

Ihre Sozialarbeiter versuchen das also im Gespräch zu klären?

BETSCHEL: Ja, sie machen klar, was die Flüchtlinge zu erwarten haben und was wir von ihnen erwarten. Dann müssen die Leute entscheiden, ob es das ist, was sie wollen. Klar, es ist erstmal nicht schön, auf acht Quadratmetern zu wohnen, aber sie sind in Sicherheit.

Wie sieht es mit psychologischer Betreuung aus? Wenn die Helfer merken, dass Traumata vorhanden sind, wie wird damit umgegangen?

BETSCHEL: Von der Diakonie der evangelischen Kirche gibt es ein Angebot für die Helfer, damit diese psychologisch die Thematik vor Ort angehen können. Psychologische Betreuung können wir nicht leisten. Gibt es tiefsitzende Erlebnisse, müssen die unter den Flüchtlingen verarbeitet werden. Das funktioniert gut.

Mit welchen Problemen werden Ihre Mitarbeiter sonst noch konfrontiert?

BETSCHEL: Es gibt Rassismus unter den Flüchtlingen. Wir machen klar, dass wir das in Deutschland nicht akzeptieren und keine Gewalt dulden. Ich habe mir die Kriminalstatistik im Wetteraukreis aus 2015 angesehen. Interessant ist, dass die gewalttätigen Auseinandersetzungen zu über 90 Prozent unter Flüchtlingen stattfanden.

Woran liegt das?

BETSCHEL: Es kann daran liegen, dass laut Bundesregierung Flüchtlinge aus bestimmten Ländern bleiben dürfen, andere abgelehnt werden. Es kann sein, dass es zu Missgunst kommt, das wissen wir nicht. Bekannt ist, dass es zwischen Flüchtlingen unterschiedlicher Gruppen Auseinandersetzungen gegeben hat.

Mit welchen Konsequenzen müssen sie rechnen?

BETSCHEL: Wir haben sie aus Unterkünften rausgenommen und Wechsel vollzogen. In einem Fall ist eine Person in U-Haft gekommen. Die Enge in den Unterkünften ist ein Problem, da kommt es manchmal zum Lagerkoller. Wir müssen die Bedingungen weiter verbessern. Die Leute brauchen mehr Raum, damit sie ihre Privatsphäre entwickeln können.

Wie kann der Kreis die Kommunen bei der Suche nach Wohnungen für anerkannte Asylbewerber unterstützen? Der Kreis hat eigene Immobilien, die aber besetzt sind.

BETSCHEL: Ja, die sind alle besetzt. Anerkannte Flüchtlinge müssen eigentlich aus den derzeitigen Unterkünften raus. Perspektivisch, wenn keine oder nur eine geringe Anzahl an Flüchtlingen kommen, ist daran gedacht, dass wir unsere Unterkunft in Friedberg anders nutzen. Wenn die Flüchtlingswelle abebbt und wir das Gebäude dafür nicht mehr benötigen, könnte dort, wo sich jetzt drei Flüchtlinge ein Zimmer mit Toilette und Dusche teilen, nur einer wohnen. Das würde den Wohnungsmarkt entlasten. Flüchtlinge, deren Verfahren nicht entschieden ist, haben nur einen Anspruch auf acht Quadratmeter. Anerkannte Flüchtlinge haben Anspruch auf mehr Wohnraum. Wir sind gefordert, das zu entzerren.

Sehen Sie den Wetteraukreis da gut aufgestellt?

BETSCHEL: Ja, zumindest in der Akutversorgung. Momentan läuft es. Die Integration müssen wir aber jetzt angehen.

Das heißt, der Wetteraukreis, das DRK und die ehrenamtlichen Helfer begleiten die Flüchtlinge, bis sie sozusagen in Deutschland angekommen sind?

BETSCHEL: Ja, genau. Das Schönste wäre, wenn die Gesellschaft sie begleiten würde. Wenn wir als Nachbarn den Menschen die Hand reichen. Das gelingt bei 

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