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Wenn die Sprache der Musik verbindet

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Die Sorge um die Heimat in Musik ausgedrückt: Als Ensemble singen die Akteurinnen »Ein Lied für die Ukraine«. FOTOS: MARESCH © Elfriede Maresch

Es war ein Appell für den Frieden und der Abend verbreitete das Gefühl der Gemeinschaft über Landesgrenzen hinweg. Ukrainische Künstler musizierten in Bad Salzhausen.

Bad Salzhausen (em). Es war ein Friedenskonzert und zugleich ein anspruchsvolles Musizieren der Generationen, was da im Parksaal geboten wurde. Heidelore Ocken-Wilisch, Niddas ehemalige Kulturmanagerin, hatte den Kontakt zu Vitalina Pucci (Lich) hergestellt. Diese hatte geflüchtete ukrainische Künstlerinnen und Künstler vom Teenager- bis zum Seniorenalter für ein Benefizprogramm zugunsten des Vereins »Nidda hilft!« e. V. gewonnen. Zum Kauf von Musikinstrumenten sollen den Ausführenden wieder Geld zufließen. »Sie haben alles zurückgelassen, Verwandte, Freunde und künstlerische Vernetzung, aber ihnen und uns ist geblieben, was alle verbindet: Die Sprache der Musik!«, fasste Ocken-Wilisch prägnant zusammen.

Pucci führte zusammen mit dem Sänger und Gitarristen Sven Görtz, mit dem sie im Verein »Künst-Lich« zusammenarbeitet, durch das Programm - bewusst zweisprachig. So lernten die Zuhörenden den Klang der ukrainischen Sprache kennen und bekamen mit Instrumentalmusik, Gesang, Tanz und Lyrik einen Blick auf die Kunstlandschaft Ukraine.

Die junge Anastasiia Kostohryz (Bratsche) spielte mit der Pianistin Eleonora Akchurina eine barocke Chaconne von Tommaso Vitali. Schön zu hören war der weiche, warme Klang der Bratsche, beeindruckend das präzise Zusammenspiel beim variationsreichen Werk. Zweisprachig trugen Pucci und Görtz das schmerzliche »Requiem« des Lyrikers Dmytro Lazutkin vor.

Eine Virtuosin des Ausdruckstanzes ist Nelli Syupyur, die mit »Requiem« und »Save Mariupol« zwei ernste Choreografien brachte, die blau-gelbe Ukraine-Flagge in den Mittelpunkt gerückt, für die Geflüchteten offensichtlich ein wichtiges Symbol. Syupyur hat wesentlich das Genre des ukrainischen Flamencos entwickelt.

Fast schon Tanztheater war eine weitere Choreografie in diesem Stil, die sie mit Leidenschaft und Lebenslust darstellte und die an Bizets »Carmen« erinnerte.

16 Jahre alt ist der Saxofonist Daniil Pereplesnin, der mit seiner Mutter Diana Skoropad (Klavier) Chopins Walzer cis-moll spielte und die melancholischen wie die liedhaften Passagen einfühlsam wiedergab. 1930 geboren ist die Lyrikerin Lina Kostenko. Ergreifend schildert ihr Gedicht »Mein erster Vers entstand im Schützengraben« die Schrecken des Kindes bei den deutschen Angriffen im Zweiten Weltkrieg. Leichter ist ihr Gedicht »Die Flügel«, eine Parabel auf Fantasie, Liebe, Solidarität. Syupyur hatte dazu einen Tanz entwickelt.

Auf den Zusammenbruch des Sowjetreichs und auf den ersten Präsidenten der frei gewordenen Tschechoslowakei bezieht sich das Lied »Ahoi Václav Havel« von Sven Görtz. Er begleitete die ebenso nachdenkliche wie respektvolle Würdigung des Dissidenten, Künstlers und Menschenrechtlers mit Gitarre und Blues Harp. Viel Beifall holte er sich auch für Bob Dylans »Masters of War« und traf überzeugend den schrägen, gedehnten illusionslosen Ton des Originals. »Stoppt den Krieg« sang die zwölfjährige Yaroslava Yamnenko vor, am Klavier begleitet von Skoropad.

»Oj u vischnewomu sadu« - ein ukrainisches Volkslied sang Yana Tarasenko. Feierlich getragen erklang die Chorhymne »Gebet für die Ukraine«, zu der sich mehrere der Akteurinnen auf der Bühne zusammenfanden.

Es folgte das Duo Kostohryz und Akchurina mit einer Melodie von Boris Ljatoschynski, laut Pucci der klassischen Moderne zuzuordnen. Metaphern prägen Kostschenkos Gedicht »Noch gestern glaubte ich, einem hohen Turm zu gleichen«, das in Bilder von Verletzlichkeit, Grausamkeit, Zerstörung übergeht und doch hoffnungsvoll endet: »…die höchste Kunst ist, von Neuem zu beginnen.«

Eleonora Akchurina und Vitalina Pucci sind Mutter und Tochter. Sie spielten vierhändig am Klavier Oxana Kruts »Jüdische Fantasie« mit Zitaten bekannter Lieder, erst verhalten, dann mit mitreißendem Temperament.

Schließlich kamen alle Künstler auf die Bühne. »Ein Lied für die Ukraine«, getextet von Nadya Galkowska, vertont von Diana Skoropenko, erklang, wieder auf die Symbolfarben »…das Gold der Ähren und das Blau des klaren Himmels…« bezogen.

Ocken-Wilisch dankte allen Mitwirkenden, Sigrid Feisel von »Nidda hilft!«, der Stadt und dem Kulturmanagement. Sie bat um eine besondere Hilfe: »Bei Weitem nicht alle Künstler konnten ihre Instrumente mitnehmen. Wer ein Musikinstrument, insbesondere ein digitales Klavier, nicht mehr braucht und dies spendet, hilft ihnen weiter.«

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Warmer Bratschenklang, einfühlsame Klavierbegleitung - Zusammenspiel zweier Generationen: Eleonora Akchurina und Anastasia Kostohryz. © Elfriede Maresch

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