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Wie ein Saal voller Seelenspiegel im Ortenberger Schloss

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Im ehemaligen, umgebauten Stall statt in einer Galerie, aber ungleich stimmungsvoller präsentieren sich die Kunstwerke im Hanauer Bau des Ortenberger Schlosses den Besucherinnen und Besuchern noch bis Sonntag. FOTOS: MARESCH © Elfriede Maresch

Im Hanauer Bau des Ortenberger Schlosses zeigt die Ausstellung »Familien-Fest« das Ergebnis einer ungewöhnlichen Kooperation sehbehinderter Jugendlicher mit dem Ortenberger Klaus Busch.

E ine produktive Zusammenarbeit, die sich in pfiffig-nachdenklichen Thesen zu Kunst niederschlug, so lässt sich das »Familien-Fest am Sommerabend« beschreiben, das im Hanauer Bau des Ortenberger den Start der Kunstschau mit Werken Friedberger Blindenschüler und des Ortenbergers Klaus Busch bildete: Es gab keine strenge Trennung von Drinnen und Draußen, die Besucher wanderten hin und her oder saßen im Gespräch zusammen. Im Gartenhof begrüßte Caroline Fürstin zu Stolberg Besucherinnen und Besucher und freute sich, dass nach langer Pause wieder eine Ausstellung zeigen zu können, die bis zum 19. Juni zwischen 15 Uhr und 18 Uhr zu sehen ist.

Stimmungsvoller Ausstellungsraum

Fürst Alexander machte die Geschichte des Nebengebäudes deutlich: Im Kern in der Renaissance begonnen, war es gemeinsamer Besitz der in Ortenberg ansässigen Familien, der Stolberger und Hanauer Grafen, gehörte nach deren Aussterben um 1750 allein dem Haus Stolberg und bekam beim großen Schlossumbau 1805 seine heutige klassizistische Prägung. Der große Stall, nun eine weiß gestrichene Halle mit kleinen Bogengewölben und metallenen Stützsäulen, bildete in seiner Optik von generationenlanger Benutzung einen viel stimmungsvolleren Rahmen als eine glatte Galerie

Kann ein Mosaik aus farbig bemalten Steinen »Zündfunke« für Zusammenarbeit zweier Generationen sein? Offensichtlich schon. Klaus Busch, künstlerisch interessierter und tätiger Ruheständler, war im September 2021 von der Arbeit der Kunst-AG und ihrer Lehrerin Gutta Döring fasziniert. Diese nahmen an der Veranstaltung »Kunst in Kirchen« teil und zeigten ihre Werke in der Stadener Kirche. »Das interaktive Mosaik mit den bemalten Steinen hat dieser großen, klassizistischen Kirche in den eher stumpfen Farbtönen Braun und Gelb ein selbstbewusstes leuchtendes ›Hier bin ich« entgegengesetzt«, erinnerte sich Busch. Mit einem Schlag wurden seine eher vagen Ausstellungspläne konkret. Er nahm Kontakt mit Döring und der Arbeitsgruppe auf, eine Zusammenarbeit begann - ebenfalls drinnen und draußen, denn das Gestalten von Alltagsobjekten mit Sprühfarben fand auf dem Hof der Johann Peter-Schäfer-Schule statt, das Arbeiten mit Farbe, Pinsel und Walzen, die Gespräche über Kunst aber innen.

Artur, Mark und Amira aus der Arbeitsgruppe waren nun zur Ausstellungseröffnung gekommen, die anderen Mitwirkenden Daniel, Noah, Havin und John waren als Internatsschüler zu den entfernten Familien gefahren. Ihre Ideen waren mit eingeflossen in die Thesen zu Kunst, die Busch und die Jugendlichen nun vortrugen, jeder einzelne Gedanke mit einem Glockenton von Amira abgesetzt. An Spontanität fehlte es nicht: »Kunst fängt erst an, wenn die Finger dreckig sind« oder »Kunst ist sehr schön, macht aber auch viel Arbeit«. Dazwischen »Kunst ist das, was der Seele Ausdruck verleiht« oder »Trauen Sie Ihren Einfällen und Fantasien, sie sind wahr«. Busch hatte noch vielen zu danken: der leider erkrankten Gutta Döring, Lehrkräften und Helfern aus dem Ortenberger Freundeskreis, Arturs Mutter Anke Bunke als Elternbeirätin und Projektbegleiterin und den Gastgebern Alexander und Caroline zu Stolberg. Unterstützung kam vom Kulturkreis Altes Rathaus und der Johann Peter-Schäfer-Schule.

Ein Glück bringender Drache

Das Mosaik durfte nicht fehlen, hatte im großen Raum genug Platz und Wirkung. Daneben hingen bemalte Kartons der Jugendlichen, zu einer Kette aufgereiht, die sich im Luftzug leicht bewegte - ein Glück bringender Drache? Busch steuerte Farbskizzen, kleine fantasievolle Tierplastiken und Kohlezeichnungen bei, die er bewusst nicht mit Sprühlack fixiert: »Ein Zugeständnis an Vergänglichkeit!« Da waren »gläserne Menschen«, deren innere Organe der Arzt sichtbar machte, skurrile Tierwesen, bizarre Gewächse - Bäume oder grafische Metaphern? Dann wieder Bilder, besprühte Kartons der Jugendlichen, die mit der Dynamik der Farbe gespielt hatten. Auch unscheinbare 40er Jahre Fotos, schwarz-weiß, kleinformatig, mit gewelltem Rand, inspirieren Busch zu größeren Kohlezeichnungen, die aus dem Zeichnerischen heraus zu plötzlichen Wahrnehmungen führen. So das Bild eines schmalen Jugendlichen, ein wenig verloren vor einer Baracke: »Das Foto zeigt meinen Vater als 15-Jährigen im Wehrertüchtigungslager im Odenwald!« Und dann kommt Buschs Schlüsselerfahrung: »Manchmal übernimmt der zeichnerische Prozess die Führung, manchmal ich selbst und mein bewusster Wille!«

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Ein Arbeitsteam aus zwei Generationen: Mark, Artur und Amira als Teil der Kunst-AG der Peter-Schäfer-Schule in Friedberg und der Ortenberger Klaus Busch stellen eine faszinierende Werkschau vor. © Elfriede Maresch

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