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Wie man Weihnachten im Kloster Engelthal bei Altenstadt feiert

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Dezenter Schmuck in der Abteikirche, hier die Krippe mit der Heiligen Familie, weist auch im Kloster Engelthal auf die Advents- und Weihnachtszeit hin. © Ingeborg Schneider

Advent und Weihnachten im Kloster - wie sieht das aus? Schwester Caterina Görgen vom Kloster Engelthal bei Altenstadt beschreibt das Fest im Konvent.

W ie begeht man Adventszeit und Weihnachtsfest im Kloster? Gibt es Unterschiede zur normalen Liturgie und dem Ordensleben? Beschenkt man sich gegenseitig und wie sieht es mit dem Kontakt zur eigenen Familie aus? Eine Nachfrage bei Schwester Caterina Görgen aus dem Kloster Engelthal bei Altenstadt.

Advent ist für viele auch zu Pandemiezeiten geprägt von Hektik, Konsum und dem Sich-Überbieten bei der Geschenkauswahl. Im Kloster Engelthal verbringt man die vorweihnachtliche Zeit sicher viel näher am ursprünglichen Sinn des Worts »Advent«, das ja »Ankunft« bedeutet und einst eine Zeit der Stille und des Fastens war, ähnlich der Fasten- und Passionszeit vor Ostern. Was prägt den Advent im Konvent?

Zunächst schenkt uns der Advent einen »Neubeginn«: Liturgisch wird das neue Kirchenjahr eröffnet. Damit beginnt auch eine Zeit der Erwartung, der Vorbereitung auf Weihnachten, wo wir die Ankunft Gottes in unserer Welt, in unserem Leben feiern. Wie in den meisten Religionen gehen großen Festen - so auch im Christentum - Zeiten der Vorbereitung voraus, die sich durch Zeiten der »Konzentration auf das Wesentliche« auszeichnen. Dazu gehören Zeiten der Stille, des Gebets, des Fastens, damit sich alle Sinne öffnen für das Eigentliche. Der Advent ist in unserem Konvent vor allem geprägt durch die besonderen Texte, Gesänge und Gebete, die unseren Stundengebeten und Eucharistiefeiern ihre besondere Atmosphäre schenken. Es sind Texte und Gesänge der Sehnsucht, Erwartung und Hoffnung, die hauptsächlich der Bibel, hier besonders auch dem Ersten Testament, entstammen. Immer wieder macht es betroffen und erfüllt mit Staunen, wie aktuell diese uralten Texte sind. Sie handeln von der Sehnsucht nach Frieden, Gerechtigkeit und Heil in Zeiten von Kriegen, Konflikten, Flucht, Vertreibung, sozialer Ungerechtigkeit und menschlichem Elend. Ebenso sprechen sie von der unbedingten Zusage Gottes, dass es immer wieder Frieden, Gerechtigkeit und Heil gibt und geben wird. In unseren Gottesdiensten und Gebeten bringen wir diese Sehnsucht, Not, und Hoffnung von uns Menschen vor Gott. Ja, und es gibt auch die Elemente des persönlichen und gemeinsamen Fastens im Advent. Jeder Freitag ist gemeinsamer Fasttag, bei der es eine meist bescheidene sättigende Mittagsmahlzeit gibt. Zu Frühstück, Abendessen und über Tag kann jede Schwester nach persönlichen Möglichkeiten fasten. Das kann sie unabhängig davon während der gesamten Adventszeit tun. Zugegeben, es fällt nicht immer leicht, aber es ist jedes Jahr neu die Erfahrung: Je intensiver diese Vorbereitungszeit in ihrer gewissen Askese, umso tiefer und lebendiger ist die Freude beim Feiern des Weihnachtsfests - in der festlichen Liturgie und natürlich auch beim Festmahl. Dieses Fasten und Vorbereiten auf das Eigentliche zeigt sich auch in der sparsamen Verwendung adventlich-vorweihnachtlichen Schmucks. In der Kirche steht ein einfacher Adventskranz, an dem Sonntag für Sonntag eine weitere Kerze entzündet wird. Auch in Haus und Gästehaus gibt es nur einfachen Adventsschmuck. Erst in den letzten Tagen vor Weihnachten werden Weihnachtsbäume in Kirche, Gästehaus und Konventzimmer aufgestellt und am 23. Dezember geschmückt. Sie stammen vom Klostergelände. Wir ziehen sie selbst, und sie werden immer wieder nachgepflanzt.

Hat Ihr Ordensgründer, der heilige Benedikt von Nursia, für das Weihnachtsfest spezielle Riten und Traditionen festgelegt, oder ähneln sich Gottesdienste und Stundengebete an diesen Tagen in den Ordensgemeinschaften?

Nein, der heilige Benedikt hat keine speziellen Riten und Traditionen festgelegt. Gemeinsam ist den Ordensgemeinschaften der alte und immer neue Schatz an Texten aus Bibel und Psalmen in der Stundengebets- und Gottesdienstliturgie, durch die die Adventszeit geprägt wird.

In der Pandemie ist das Angebot Ihres Gästehauses natürlich stark eingeschränkt. Gibt es dennoch Gäste, die gerade im Advent die Stille suchen - und vielleicht auch das »zur Besinnung kommen« anstelle der viel strapazierten »Besinnlichkeit«?

Ja, es sind viele, die diese andere Art der »Besinnung« suchen - und das beschränkt sich nicht nur auf die Adventszeit! Gerade Gäste, die auf diese Weise in ihrem Leben innehalten wollen und nach einer Vertiefung ihres Lebens und Glaubens suchen, lädt unser Haus ganzjährig ein, ob als Einzelaufenthalt oder durch Teilnahme an unseren besonderen »Stille-«, Exerzitien oder anderen Kursangebote.

Für viele ist der Heilige Abend gleichbedeutend mit dem Weihnachtsfest. Tatsächlich ist er die »Vigil zum Hochfest der Geburt des Herrn«. Wie begehen Sie diesen Abend und die beiden Feiertage?

Der 24. Dezember ist in der Tat der letzte Tag der Adventszeit, der dem Weihnachtsfest unmittelbar vorausgeht. Er zeichnet sich aus durch die liturgischen Texte in Stundengebet und morgendlicher Eucharistiefeier. Da heißt es etwa im Eröffnungsgesang des Gregorianischen Chorals, ausgehend von einem biblischen Text: »Heute sollt ihr wissen, dass der Herr kommt, und morgen werdet ihr schauen seine Herrlichkeit.« Wenn dieser Gesang erklingt, nimmt man bereits einen ersten Eindruck dieses Festes wahr - auch wenn es zunächst noch ein adventlicher »Fasttag« ist… Tagsüber gibt es letzte Vorbereitungen in Haus und Kirche - und in Nicht-Pandemiezeiten auch im Gästehaus. Leider müssen wir bereits zum zweiten Mal an Weihnachten und Neujahr ohne Gäste feiern. Die gehören seit Jahrzehnten eigentlich unverzichtbar zu Kloster-Weihnacht und -Jahreswechsel. Das Stundengebet der 1. Vesper von Weihnachten am Nachmittag des 24. Dezember führt mit seinen Gesängen, Texten und der Ansprache einer Schwester wieder näher an das Festgeheimnis heran. Daran schließt sich ein fleischloses Fasten-Abendessen an. Nach den letzten Hausarbeiten ziehen wir Schwestern uns spätestens ab 19 Uhr in Stille in unsere Zimmer zurück. Diese Zeit gehört der Ruhe und Vorbereitung auf die Feier der Heiligen Nacht. Nach einer kleinen Stärkung für die nächtliche Feier beginnt in diesem Jahr um 21.30 Uhr in der Kirche die festliche Vigil, bestehend aus Gesängen, Psalmengebeten, Lesungen der Bibel und Kirchenväter-Texten. Ihr folgt nach mehr als einer Stunde die erste Eucharistiefeier des Weihnachtsfests, die »Mitternachtsmesse«. Hier feiern wir lobend und dankend mit Gesang, Orgel- und Glockenklängen das Geheimnis der Menschwerdung Gottes. Weit nach Mitternacht freuen wir uns dann, wenn wir aus der Kirche kommen, auf eine erneute kleine Stärkung im festlich geschmückten Speisesaal. Am Platz einer jeden Schwester steht ein mit Weihnachtgebäck und Süßigkeiten gefüllter Teller. Noch bleiben wir alle im nächtlichen Schweigen, und jede Schwester freut sich nun auf die Nachtruhe. Den Weihnachtstag beginnen wir um 8 Uhr mit dem gesungenen Morgenlob in der Kirche. Anschließend treffen wir uns gemeinsam im Speisesaal. Dort wartet, nachdem wir uns alle zum Weihnachtsfest beglückwünscht haben, ein reichhaltiges Frühstück. Vor dem Hintergrund der Fastenzeit und einer liturgisch »durchfeierten« Nacht ist das dann ein richtiges Glücksgefühl! Auch der erste Weihnachtstag bleibt geprägt von spezifischen liturgischen Texten in den festlichen Stundengebeten und Gottesdiensten - und den festlichen Mahlzeiten. Es ist etwas Wunderschönes, ein Festgeheimnis so »leibhaftig«, »mit allen Sinnen« erfahren zu dürfen. Um 10 Uhr erklingt in der Eröffnung der Tagesmesse das berühmte gregorianische »Puer natus est« - »Ein Kind ist uns geboren«. Es drückt jenseits aller Krippen-Idylle dieses Paradox aus, dass Gott im kleinen, hilflosen Kind in die Welt tritt, dass er unsichtbar-sichtbar, unbegreiflich-begreifbar, unvorstellbar und doch mit einem Angesicht in einer historischen Stunde unserer Weltzeit unser aller Leben teilt, bis in die letzte Stunde eines jeden Menschenlebens. Und dass er uns einen Weg eröffnet, bei dem nicht der Tod das letzte Wort hat, sondern das Leben. So wie Jesus später sagte: »Ich bin gekommen, dass sie das Leben haben und es in Fülle haben«. Das ist das eigentliche Geschenk von Weihnachten! Und dass wir damit auch einander zum Geschenk werden können, in aller Begrenztheit und Unvollkommenheit, aber auch in der Kostbarkeit, die wir füreinander sein können. Das ist mit keinem Geld und Gut der Welt zu erwerben. Abends sitzen wir nach einem festlichen Abendessen gemütlich zusammen, erzählen, tauschen uns aus und singen Weihnachtslieder, bis um 20 Uhr die Glocken zum Nachtgebet rufen. Auch am Zweiten Weihnachtstag setzt sich das Feiern mit allen Sinnen fort. Aber bereits in der Liturgie dieses Tages, an dem man des heiligen Märtyrers Stephanus gedenkt, werden sowohl die Realität, in die Jesus hineingeboren wird, als auch die Realität, in der sich die ersten Christen befanden und mit ihnen viele Menschen bis in heutige Zeit leben müssen, deutlich: angefochten, benachteiligt, verfolgt, ermordet. Und doch kann der heilige Stephanus in seinem Sterben »den Himmel offen sehen«. Die weihnachtliche Botschaft der Engel an die Hirten auf dem Feld findet hier eine weitere Fortsetzung. Insgesamt feiern wir das weihnachtliche Festgeheimnis in besonderer Weise über eine ganze Woche. In dieser Woche gibt es viel gemeinsame abendliche Freizeit, in der wir miteinander auch gerne Filme ansehen und uns darüber austauschen. Die gesamte liturgische Weihnachtszeit endet zum Fest der Taufe Jesu am 9. Januar.

Werden die Gottesdienste öffentlich sein?

In Nicht-Pandemiezeiten sind alle Gottesdienste und Gebetszeiten öffentlich. Leider können wir aktuell keine öffentlichen Gottesdienste anbieten. Die noch begrenzten Plätze in unserer Kirche sind den jeweiligen Gästen während ihres Aufenthalts vorbehalten. Aber außerhalb unserer Gottesdienstzeiten ist die Kirche - wie auch vor der Pandemie - tagsüber bis in die Abendstunden immer geöffnet. Für viele war und ist unsere offene Kirche zu einem wichtigen Zufluchts- und Hoffnungsort geworden, besonders in diesen bedrängenden Zeiten.

Zwei vielleicht eher triviale Fragen: Beschenken sich die Schwestern untereinander? Vermisst man die eigene Familie an Heiligabend nicht besonders?

Ein direktes Beschenken untereinander haben wir nicht. Eher teilen wir das, was uns allen oder einzelnen Schwestern von Familie und Freunden geschenkt wurde. Auch teilen wir mit Menschen, die einsam oder bedürftig sind. Ja, sofern die engsten Familienangehörigen noch leben, wünscht man sich schon manchmal, dass man zusammen feiern kann. Dennoch wächst man mit den Jahren in der Klostergemeinschaft »familiär« zusammen. Und manchmal kommen auch Angehörige als Weihnachtsgäste zu uns, und das ist dann ein besonderes Geschenk.

Gemäß der biblischen Sichtweise befinden wir uns heute ja in einem »Zweiten Advent«, nämlich in Erwartung der Wiederkunft Christi. Worauf wartet Ihre klösterliche Gemeinschaft in der heutigen Zeit und wie bereitet sie sich darauf vor?

Die Erwartung des »Zweiten Advent« ist nicht nur eine Frage für meine klösterliche Gemeinschaft als Ganzes, sondern auch eine, mit der sich jede einzelne Schwester auseinandersetzt. Angesichts der aktuellen Situation in unserer Welt gibt es viele teils abenteuerliche Verschwörungs- und Endzeitmythen. Unser Planet ist in höchstem Maße gefährdet, nicht zuletzt durch Atomwaffenarsenale, die Zerstörung unserer Ökosysteme, die zunehmende Erosion sozialer Strukturen in der Gesellschaft durch politisch und religiös orientierte Fundamentalismen. Wir versuchen uns in Auseinandersetzung mit dieser Realität an unserem Lebensort nach unseren Möglichkeiten tatkräftig einzusetzen. Dabei leitet uns die Zuversicht, dass letztlich im Paradox des Gotteskinds in der Krippe, dieses Jesus von Nazareth, der am Kreuz endet, alle Begriffe von Macht, Herrschaft und Gewalt umgekehrt worden sind und in Demut, Dienst und Liebe verwandelt werden. In dieser Wirklichkeit Gottes ist unsere individuelle und gemeinsame Zukunft durch alle Zerstörung und Todesbedrohung hindurch letztlich aufgehoben und geborgen.

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Schwester Caterina Görgen © Ingeborg Schneider

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