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»Wir haben keine Wespenplage«

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Ernst Brockmann © Red

In diesem Jahr gibt es zwar deutlich mehr Wespen als sonst. Von einer Wespenplage will Ernst Brockmann aber nicht sprechen. Der NABU-Experte aus Ober-Bessingen erklärt im Interview, ob der schlechte Ruf der Wespen gerechtfertigt ist, was man tun kann, wenn einem Wespen die Kaffeetafel vermiesen, und warum Pusten und Wegschlagen eher schlechte Ideen sind.

Herr Brockmann, viele Menschen haben den Eindruck, dass in diesem Jahr viel mehr Wespen als sonst unterwegs sind. Stimmen Sie dem zu?

Ja, es sind deutlich mehr als sonst. Aber das, was wir hier haben, ist keine Wespenplage. In meiner Jugend etwa war der Alltag mit Wespen ein ganz anderer als heute, es gab viel mehr von ihnen. Aber es stimmt: Für viele Insektenarten ist 2022 einfach ein gutes Jahr.

Woran liegt das?

Das hat mit dem Wetter zu tun. Wenn man wie früher bis in den Mai hinein auch noch Bodenfröste hat, dann sterben viele Insekten beim Überwintern. Dieses Jahr hatten wir ab März direkt Frühling, es gab einfach keine Kälte mehr. Folglich haben Wespen, die sonst aufgrund der Kälte gestorben wären, überlebt. Die Tiere sind praktisch aus dem Winterschlaf aufgewacht und es gab keine Kälte und Nässe mehr, die sie in der Vermehrung gebremst hätten. Das zeigt sich jetzt.

Über die Aufgabe von Bienen in unserem Ökosystem weiß jeder Bescheid. Welche Aufgabe erfüllen Wespen?

Eine Wespe fängt am Tag bis zu zehn Fliegen. Sie sind in erster Linie Jäger und halten uns so eine Menge Fliegen vom Hals, mit denen wir sonst zu tun hätten. Wespen sind bis auf die momentane Zeit durchaus angenehme Zeitgenossen.

Welche Wespenarten gibt es in Deutschland?

Es sind vor allem zwei Wespenarten in Deutschland, die Probleme machen: die gemeine Wespe und die deutsche Wespe. Beide bauen versteckte Nester und sind streitsüchtig. Wenn Sie sich mit denen anlegen, kriegen Sie Ärger. Der Umgang mit ihnen ist deshalb nicht einfach. Außer diesen beiden lästigen Wespenarten gibt es noch eine Reihe weiterer Arten, die aber dem Menschen aus dem Weg gehen und nur, wenn sie ihr Nest verteidigen müssen, uns gegenüber aggressiv auftreten. Diese Arten bauen in der Regel freihängende, sichtbare Nester und die sollte man einfach in Ruhe lassen. Dazu gehört auch die Hornisse, unsere größte Wespe.

Wann ist Hochzeit für Wespen?

Das Problem mit den Wespen tritt immer im August auf, also dann, wenn Obst anfängt zu gären. Deswegen fliegen sie auch den Pflaumenkuchen an - nicht wegen der Süße, sondern wegen des Alkohols.

Was kann ich tun, wenn mich Wespen plagen?

Man kann eine Ablenkfütterung betreiben. Also zum Beispiel einen Eimer mit Obstabfällen in die Ecke stellen. Die Wespen werden dann zum Eimer fliegen und nicht zu Ihnen kommen. Eine Möglichkeit ist auch, eine Flasche Apfelsaft in die Sonne zu hängen. Die Tiere fliegen dann da rein, kommen aber nicht mehr raus.

Was ist mit Pusten oder Wegschlagen?

Nein, das lassen Sie schön sein. Pusten macht die Tiere nur noch aggressiver und das Wegschlagen ebenso. Wenn, dann sollte man versuchen, sie langsam mit einer Zeitung oder Ähnlichem wegzuführen. Wespen merken auch, wenn man Angst hat, weswegen Ruhe und Gelassenheit am besten sind, wenn die Tiere einen belästigen.

Und wenn ich ein Wespennest habe?

Es gibt Menschen, die versuchen, Wespennester auszuräuchern. Mit etwas Glück gehen dabei nur die Wespen drauf, mit Pech vielleicht Ihr Haus. Davor warne ich dringend, das ist verdammt gefährlich. Im Zweifel müssen Sie einen Kammerjäger rufen oder abwarten, bis es wieder kühl wird. Dann regelt sich das von selbst.

Sind die Wespen dieses Jahr aggressiver?

Je wärmer es ist, desto aktiver sind sie einfach. Aktiv bedeutet aber nicht aggressiver, sie sind einfach nur etwas schneller und hektischer unterwegs. Wenn es draußen kälter ist, haben Sie aber definitiv weniger Probleme.

Was sollte man tun, wenn man gestochen wird?

Es gibt wirklich viele Hausmittel dafür. Was ich aber jedem empfehlen kann, ist, die Stichwunde so schnell wie möglich zu kühlen. Dann ist die Schwellung nicht so stark.

Anders als Bienen haben Wespen allgemein einen schlechten Ruf. Ist der gerechtfertigt?

Nein. Wespen erfüllen genauso wie Bienen eine wichtige Funktion im Ökosystem. Bienen haben beispielsweise auch ein deutlich gefährlicheres Gift als Wespen. Das Wespengift verursacht einfach nur mehr Schmerzen. Sie sind auch generell mehr auf Streit aus, als es Bienen sind. Ihren Ruf rechtfertigt das aber nicht.

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Es gibt vor allem zwei Wespenarten in Deutschland, die Probleme machen: die gemeine Wespe und die deutsche Wespe (Foto). Beide seien aber bis auf die momentane Zeit »durchaus angenehme Zeitgenossen«, sagt Experte Ernst Brockmann. © Red

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