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»Wir helfen uns gegenseitig«

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Clown Ichmael und seine Bewegungswerkstatt begeistern die Kinder. © Elfriede Maresch

Ein »Internationaler Begegnungstag« bei 33 Grad - kann das gutgehen? Ja, wenn man den Ort so glücklich wählt wie der Integrationsbeirat der Stadt Gedern.

Aus der ganzen Großgemeinde Gedern sind Besucher zum »Internationalen Begegnungstag« gekommen, zu dem der Integrationsbeirat der Stadt in den Schlosspark eingeladen hatte: Menschen, die Flüchtlinge aus der Ukraine aufgenommen haben, Menschen, die vor dem Krieg in der Ukraine geflüchtet sind, sowie Geflüchtete aus vielen Ländern der Welt.

»In Gedern leben Menschen aus 23 Nationen, darunter 70 Geflüchtete aus aller Welt. Seit März sind noch 60 Geflüchtete aus der Ukraine dazugekommen«, schilderte Salvatore Foglia, Vorsitzender des Integrationsbeirats. »Unser Ziel ist, dass sie mit ihren Sorgen und Nöten nicht alleine sind, dass sich Neubürger und Einheimische näher kennenlernen und in der Ortsgemeinschaft zusammenwachsen.«

Sorge um Verwandte

Bis September sollen einmal im Monat solche Treffen stattfinden. Diese werden vom Wetteraukreis mit Mitteln aus dem Programm »Demokratie leben!« des Bundesfamilienministeriums gefördert und vom Land Hessen kofinanziert.

Foglias Frau Tatiana, vor zehn Jahren als Spätaussiedlerin nach Gedern gekommen, wechselte im Gespräch souverän zwischen Deutsch und Russisch, sie ist für die Neuankömmlinge aus der Ukraine ein Glücksfall bei der Verständigung. Auch wenn Ukrainisch und Russisch nicht deckungsgleich sind, haben die Ukrainer in der Schule und der Universität Russisch gesprochen.

Im Gespräch wurden die Last des Krieges und der Flucht sowie die Bereitschaft zum Neuanfang deutlich. Hanna Romanieva aus Mykolajiw suchte mit ihrem Mann und den zwei Jungen während der Kampfhandlungen erst zehn Tage lang in einem Keller Schutz und floh dann mit anderen in einem völlig überbesetzten Auto. Mit ihrer Familie hat sie in Gedern bei Ute Landmann Unterkunft gefunden. Sie ist froh, dass die Flucht geglückt ist, sorgt sich aber um den zurückgebliebenen Schwiegervater und Nachbarn, die im Dauerbombardement leben. Romanieva ist Physiklehrerin, sie arbeitet jetzt im Schlosshotel und in der Schule bei Deutschkursen für ukrainische Kinder. Sie war bei Bekannten in Frankfurt zu Besuch, beneidet diese aber nicht: »Ich lebe lieber auf dem Land. Nur mit den Fahrten zur Ausländerbehörde oder zu Ärzten ist es schwierig. Der Bus fährt zu selten.«

Im ländlichen Raum fühlt sich auch die Familie Ahmad Osso wohler, die vor sieben Jahren nach Ober-Seemen kam und das Treffen mit ihren vier Kindern im Kindergarten- und Schulalter besuchte. »Die Menschen in Ober-Seemen sind freundlich, wir helfen uns gegenseitig in der Nachbarschaft«, sagte der Vater, der als Zimmerer in einem Handwerksbetrieb arbeitet. Seitdem die Jüngste einen Kindergartenplatz hat, besucht die Mutter den Deutsch- und den Integrationskurs in Büdingen.

In Sorge um die Angehörigen zu Hause ist auch Shukri Abdifara aus Somalia, die mit ihrer Familie seit acht Jahren in Gedern lebt. Sie macht den B2-Deutschkurs in Büdingen und würde gern aus dem Übersetzen zwischen ihrer Muttersprache und Deutsch einen Beruf machen.

Kritik am ÖPNV

Die Kinder waren fasziniert von Clown Ichmaels Bewegungswerkstatt: Sie balancierten Drehteller auf Stäbchen, probierten Ball- und Flowerstick-Jonglage und auf der Seilanlage das Einmaleins des Balancierens. Ichmael, der seit zehn Jahren die Kulturscheune Pohlheim betreibt, hat ein Händchen dafür, Kindern einen lockeren und anregenden Rahmen zu bieten.

Elisabeth Schick und Salvatore Foglia diskutierten die Situation Geflüchteter in Gedern. »Wünschenswert wäre ein ÖPNV-Ausbau, auch in flexiblen Formen, etwa mit Sammel-Kleinbussen. Termine bei der Ausländerbehörde in Friedberg sind per ÖPNV sehr umständlich. Ideal wären stundenweise Sprechzeiten dieses Amtes in Büdingen«, waren sich beide einig. Schick hat noch eine weitere Sorge: »Mit dem regelhaften Wechsel zum Jobcenter wird die Beratung von Ukraine-Flüchtlingen durch den Kreis nicht mehr refinanziert, sondern soll dort stattfinden. Bei vielen Alltagsanliegen sind sie jetzt auf die Hilfe Ehrenamtlicher angewiesen, die aber nur begrenzt zur Verfügung stehen. Ein Neuanfang in einem anderen Land, vor allem nach so traumatischen Erfahrungen, braucht Unterstützung. Es ist nur schwer zu vermitteln, warum das jetzt nicht mehr im gewohnten Umfang geht.« VON ELFRIEDE MARESCH

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