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Wissenswertes zur Oberhessischen Orgelkunst

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Dr. Krystian Skoczowski aus Schwickartshausen ist Kirchenmusiker und Publizist. © Elfriede Maresch

Die Organisation war nicht ganz einfach, doch die Konzertreihe um Instrumente aus vier Jahrhunderten gelang.

Die drei Organisatoren sind Marina Sagorski, Propsteikantorin der evangelischen Propstei Oberhessen, Thomas Wilhelm, Orgelsachbeauftragter der EKHN, und Dr. Krystian Skoczowski, Kirchenmusiker unter anderem mit dem Schwerpunkt Denkmalschutz und Publizist aus Schwickartshausen. Das Publikum war und ist begeisterungsfähig, nutzt in der Pause beim unverzichtbaren »Orgeltropfen« den Direktkontakt mit den Musizierenden. Ganz verschiedene Zuhörer sind dabei: langjährige Orgelmusik-Freunde, Profimusiker, Musikpädagogen, aber auch Gemeindeglieder aus Freude an Musik, aus verständlichem Lokalstolz auf die Orgel und den Kirchenraum. »Auf die Gastfreundlichkeit der Kirchengemeinden ist Verlass«, berichtet Skoczowski. Das freut die Organisatoren, denn sie sind sich der Vorurteile gegen Orgelmusik - »elitär«, »nur für eine ganz spezielle Zielgruppe« - wohl bewusst. So war Thomas Wilhelm gebeten, 50 Besucher in der Ilbenstädter Basilika mit der dortigen Orgel vertraut zu machen, einem 1735 gebauten Instrument aus der Orgelwerkstatt Onimus. Spätere Veränderungen daran waren nicht immer günstig. In aufwendiger Zusammenarbeit zwischen Wilhelm und dem Geschäftsführer der Licher Orgelbaufirma Förster und Nicolaus, Martin Müller, wurde das Instrument wieder mustergültig in den Originalzustand zurückgeführt. Wilhelm schlug Kompositionen aus der Erbauungszeit der Orgel vor, aber das wollten die Zuhörer nicht: »Bloß nichts Schweres, Verstaubtes - bitte was Flottes, was man gern hört!« Warum Wilhelm so verstohlen lächelte? Er ist mit Musik vieler Epochen vertraut, kündigte einen »Tanz auf den Tasten« an und brachte melodiöse Kompositionen in unterschiedlichen Rhythmen und Tempi, ein anmutiges Spiel der Stimmen, dem sich die Zuhörer nicht entziehen konnten. Nach ihrem begeisterten Beifall erfuhren sie: Es waren sehr wohl Kompositionen um die Erbauungszeit der Orgel, höfische Tänze des Barock und Rokoko.

Gibt es eine oberhessische Orgellandschaft, etwa vergleichbar mit der hoch geschätzten norddeutschen Orgellandschaft? Mit einigen Einschränkungen würde Krystian Skoczowski zustimmen. Er hat seine Doktorarbeit über die Orgelbauerfamilie Zick geschrieben, die in mehreren Generationen im 18. und 19. Jahrhundert von Heegheim bis Nieder-Florstadt Orgelbau betrieb. Skoczowski: »Oberhessen war damals eine arme Region. Es wurden eher klein ausgelegte Instrumente gebaut, aber handwerklich gut gemacht und erhaltenswert.«

Wechselvolle Geschichte einer oberhessischen Orgel: In der evangelischen Kirche in Schwickartshausen machte die Organistin Karola Zühlke 2001 eine verblüffende Entdeckung. In einer Abstellkammer fand sie einen Original-Spieltisch und Teile der alten pneumatischen Förster und Nicolaus-Orgel von 1913. Wegen Verschleiß hatte man diese um 1970 kurzerhand ausgemustert. Zühlke ahnte, dass es ein wertvolleres Instrument war als das inzwischen genutzte Orgelpositiv und konnte den Kirchenvorstand überzeugen.

Nicolaus-Orgel wurde restauriert

Geld für eine grundlegende Restaurierung der alten Orgel in der Erbauerwerkstatt wurde bereitgestellt, das Ergebnis überzeugte absolut. Skoczowski, der kürzlich mit Katharina Hardegen und Elvira Janocha (Barockviolinen) im Rahmen des Orgelsommers dort spielte, betont: »Um 1900 war eine große Zeit des deutschen Orgelbaus mit hoher Qualität der Materialien, der handwerklichen Verarbeitung. Davon zeugt die romantisch gestimmte Schwickartshäuser Orgel mit ihrem warmen, ausdrucksvollen Klang.« Als Orgel-Solostücke wählte Skoczowski eine barocke Toccata von Georg Muffat, dann ein ernstes dunkles Präludium in G-Moll von Georg Böhm in der Art eines Trauermarsches. Die beiden Geigerinnen, deren Barockviolinen einen Halbton tiefer gestimmt sind, begleitete er auf der Niddaer Truhenorgel mit obertönigem, an ein Cembalo erinnernden Klang. Mit Elvira Janocha spielte er eine Telemann-Sonate, mit beiden Interpretinnen weitere Trio-Sonaten, eine Bergamaska auf gleichbleibendem Bass. Vielleicht am eindrucksvollsten: die Pavane »Lacrymae« von Jan Shop, ein elegisches Lied unerfüllter Liebe, inspiriert durch eine Lautenkomposition von John Dowland.

Gern weist Krystian Skoczowski darauf hin, dass 2017 deutscher Orgelbau und deutsche Orgelmusik von der Unesco in die Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurden: »Das spricht doch für sich.«

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Krystian Skoczowski zeigt eine pneumatische ›Tasche«, ein ebenso zuverlässiges wie empfindliches Bauteil des Orgelbaus um 1900. © Elfriede Maresch

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