Erdhügel und planierter Acker zeugen von archäologischen Grabungen, wo künftig ein neues Wohngebiet steht.
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Erdhügel und planierter Acker zeugen von archäologischen Grabungen, wo künftig ein neues Wohngebiet steht.

Erste Besiedelung

Archäologen entdecken am Rand von Ober-Wöllstadt Relikte aus der Steinzeit

Scherben, Knochenreste, zerbrochene Mahlsteine und Bodenverfärbungen entdeckten Archäologen im künftigen Baugebiet Am Bildstock. Das sind deutliche Hinweise darauf, dass es schon vor 6500 Jahren Wöllstädter gab.

Monatelang verbrachten bis zu zehn Ausgräber im vergangenen Sommer und Herbst ihre Tage auf dem Acker. Im künftigen Neubaugebiet Am Bildstock nördlich von Ober-Wöllstadt schabten sie mit einem Bagger die oberste Schicht des Ackers ab, der bald für neue Wohnhäuser geopfert wird. Bereits in wenigen Zentimetern Tiefe fanden die Archäologen Beweise, dass auf diesen vier Hektar schon vor langer Zeit Menschen wohnten.

Gleich links des nach Friedberg führenden Betonweges tauchten die Schatten der Pfostenlöcher zweier Langhäuser aus der Jungsteinzeit auf, berichtet Kreisarchäologe Jörg Lindenthal. Die Ober-Wöllstädter Häuser waren etwa 20 Meter lang, schmal und hatten im Inneren zwei tragende Querbalken-Riegel. Die Häuser bestanden dort wohl nacheinander. Um 4500 vor Christus ließen die ersten sesshaften Bauern ihre wohl gemeinsam mit dem Vieh genutzten Häuser verfallen, sobald die im Boden steckenden Balkenfüße verrottet waren: Man baute nebenan einfach ein neues Haus.

Graben als Grenze

Dieser Typ war mit der Schmalseite stets in der vorherrschenden Windrichtung nach Nordwest ausgerichtet, sagt Jörg Lindenthal. Die Siedler der Rössener Kultur lebten einige Jahrhunderte nach den Bandkeramikern, von denen man schon vor Jahrzehnten eine Siedlung an der Wetter bei Bruchenbrücken ausgegraben hatte. Schräg durch das Hanggrundstück am Ober-Wöllstädter Bildstock zog sich ein Graben durch das Gelände, der vielleicht einmal die Siedlung der jungsteinzeitlichen Wöllstädter abgegrenzt hat. Am Bildstock wurden keine der für die Jungsteinzeit typischen Gräber gefunden, in denen man die Toten in Hockstellung beigesetzt hatte.

Doch ein Stück hangabwärts legten die Ausgräber einen mehr als 20 Gräber umfassenden Friedhof aus der Hallstattzeit um 650 vor Christus frei. „Da lagen die Vorgänger der Kelten“, vermutet der Kreisarchäologe. Von den Knochen sind nur noch kleine Teile erhalten. „Manchmal waren noch ein bis zwei Töpfe für Essensbeigaben dabei“, sagt Lindenthal. Auch ein Brandgrab wurde entdeckt. Wo genau die Verstorbenen lebten, bleibt unklar, denn die Ausgräber durften nur das Areal des Neubaugebiets untersuchen. Wie lange diese Siedlungsperiode dauerte und woher die Bewohner kamen, könnte man durch eine Analyse der gefundenen Zähne erforschen. Doch diese Methode sei jetzt noch zu teuer, so Lindenthal.

Ein Stück weiter östlich in Richtung des heutigen Friedhofs stieß der Ausgräber-Trupp auf Spuren einer Siedlung aus der keltischen Eisenzeit – also kurz vor Ankunft der Römer. Diese Früh-Wöllstädter legten Vorratsgruben an, in denen sie ihr Getreide bunkerten. Von den Häusern blieben nur wenige Spuren, denn diese Kultur baute die Häuser auf liegende Balken, die nicht stark in den Boden eingriffen. „Wir wissen nicht genau, wie die Häuser ausgesehen haben“, sagt Jörg Lindenthal. Übrig blieben nur ein paar Scherben, Bodenverfärbungen und Gewandnadeln. Diese Siedler lebten eher in Weilern, also Gehöften einzelner Familienverbände und waren womöglich schon weg, als ein Römer um 100 nach Christus wenige Meter entfernt seine Villa rustica baute. Deren Reste tauchten vor wenigen Jahren bei anderen Sondierungen auf.

Mit Vorbauten

Die wahrscheinlich einem pensionierten Berufssoldaten gehörende Villa hatte eine Front nach Süden und links und rechts Vorbauten, dazwischen eine Loggia. Auf dem großen Hof stand eine gut zwölf Meter hohe Jupitersäule, deren Rest heute im Foyer der Römerhalle zu besichtigen ist. In der fruchtbaren Wetterau lebten zu allen Zeiten Menschen, weiß der Kreisarchäologe aus vielen Ausgrabungen. Permanente Siedlungen, die viele Generationen überdauerten, gab es aber wohl ab der Römerzeit und danach ab dem frühen Mittelalter.

Im Sommer 2017 fanden die Ausgräber im künftigen Bad Nauheimer Neubaugebiet am Friedhof am Ortsrand Richtung Ockstadt die Reste eines alemannischen Dorfes, das nach dem Abzug der Römer um 260 nach Christus gebaut worden sein muss. Diese aus dem Elbe- und Saale-Raum gekommenen Germanen nutzten nicht die verwaisten Steinbauten der Römer, sondern lebten nebenan, wahrscheinlich in Holzhäusern mit Lehm verkleideten Flechtwerkwänden. Im Bad Nauheimer Grabungsgebiet lag neben dem Alemannendorf auch eine Villa rustica mit Brunnen, Getreidespeicher und Nebengebäuden.

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