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Frau sucht nach ihrem Vater: Kiste im Keller bringt entscheidenden Hinweis

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Von: Sabrina Dämon

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Ein alter Brief löst das Rätsel um den Vater einer Frau aus Offenbach. (Symbolfoto)
Ein alter Brief löst das Rätsel um den Vater einer Frau aus Offenbach. (Symbolfoto) © Imago

Die Informationen sind vage. Anita Kremer aus Offenbach weiß bloß: In den 1940er-Jahren hat ihr Vater kurz in Nieder-Wöllstadt gewohnt. Doch dann lüftet sich das Geheimnis.

Wöllstadt/Offenbach – Die erste Spur führte ins Nichts. Anita Kremer ging von Hof zu Hof: Ob sich jemand an ihren Vater erinnern könne? Horst Göttinger war sein Name. Als Bub hat er für einige Zeit bei einer Familie in Nieder-Wöllstadt gewohnt.

Es war zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Horst Göttinger, geboren 1932, lebte mit seiner Mutter in Offenbach. Der Vater war im Krieg. Doch die Mutter schickte den Sohn fort. Hinaus aus der Stadt - wie es viele Eltern taten und zum Teil auch auf Anordnung der Nazis mussten. Auf dem Land fielen weniger Bomben, dort waren die Kinder sicherer, hieß es damals.

Der Junge aus Offenbach kam nach Nieder-Wöllstadt - das wird er Jahrzehnte später seiner Tochter Anita erzählen. Und dass er bei Bauern gewesen ist, ganz in der Nähe der Kirche. Mehr wusste Anita Kremer nicht über die kurze Episode in der Kindheit des Vaters. Auch nicht, wo genau Nieder-Wöllstadt liegt. Sie lebt in Offenbach. Und hätte sie nicht selbst vor einigen Jahren Kontakt in die Wetterauer Gemeinde bekommen, sie wäre der Geschichte ihres verstorbenen Vaters wohl nie nachgegangen.

Frau sucht Vater aus Wöllstadt: Zufall bringt sie auf die Spur

Doch der Zufall oder das Schicksal brachte sie mit einem Mann zusammen, der in Wöllstadt lebt. Die beiden sind seit Jahren ein Paar, Anita Kremer pendelt zwischen Offenbach und Wöllstadt. Über ihren Partner lernte sie den gebürtigen Wöllstädter Horst Schweitzer kennen - und an einem Abend auf der Terrasse im Tennis-Club begann das Projekt Familienforschung. »Ich erzählte damals, mein Vater war als Kind in Nieder-Wöllstadt bei Bauern.«

Horst Schweitzer beginnt zu recherchieren. »Ich habe nach Landwirten gesucht, sie ausgefragt, in Stammbüchern geguckt. Aber nichts rausgekriegt.« Er fragt den Gemeindearchivar, ob es Namenslisten gibt von den Kindern, die während des Kriegs in Wöllstadt gewesen sind - »die Ausgebombten, wie man früher gesagt hat«. Es gibt keine Listen. »Es war ein bisschen wie Kripo-Arbeit«, erzählt Horst Schweitzer. »Aber wir sind die ganze Zeit der falschen Fährte gefolgt.« Es scheint aussichtslos. Keiner kann sich an den Jungen aus Offenbach erinnern.

Frau sucht Vater aus Wöllstadt: Hinweis in einer Kiste im Keller

Doch dann findet Anita Kremer einen Hinweis. Sie sucht etwas im Keller ihrer Mutter und öffnet eine Kiste. Darin liegt ein Bündel mit vergilbten Briefen. Auf jedem steht »Feldpostbrief«. Der oberste ist an ihren Vater adressiert, verfasst von dessen Vater. Die Adresszeile:

Horst Göttinger

Nieder-Wöllstadt (Hessen)

bei Familie Ziegenhain

15.12.44

Mein lieber Horstl!

Eben erhielt ich von Mutti 2 Briefe. Sie schrieb mir von den schrecklichen Angriffen bei Euch.

(...)

Halte Dich nur tapfer und passe gut auf, daß Dir bei den Angriffen nichts passiert. Grüße Familie Ziegenhain und Familie ? recht herzlich von mir und bleibe auch Du mir recht, recht herzlichst gegrüßt und geküßt mein Junge von Deinem Papa.

Damit haben Anita Kremer und Horst Schweitzer den entscheidenden Hinweis: Horst Göttinger war bei Familie Ziegenhain. Nur, sagt Horst Schweitzer: »In Wöllstadt gibt es viele Ziegenhains.« Allerdings keine Landwirte mit diesem Namen. Er fragt erneut herum. Über eine Bekannte von ihm, eine Nachbarin einer Frau Ziegenhain, spricht er schließlich die Richtige an: Die Frau, deren Mann und Schwiegereltern nicht mehr leben, weiß aus deren Erzählungen: Es gab während des Krieges einen Jungen, der bei der Familie untergekommen war. Und: Es gibt ein Foto von ihren Schwiegereltern, auf denen Personen zu sehen sind, die sie nicht kennt.

Frau sucht Vater aus Wöllstadt: Rätsel um Bauern-Episode gelöst

Anita Kremer erkennt sie sofort: Ihr Vater als junger Mann, seine Eltern, ihre Mutter und deren Bruder. Aufgenommen worden ist es etwa in den 50ern. Horst Göttinger und seine Frau müssen damals einen Ausflug gemacht haben - zu der Familie, bei der er als Kind eine Weile gewohnt hat.

Im Gespräch mit Frau Ziegenhain konnte sich letztlich auch klären, warum Horst Göttinger von einem Nieder-Wöllstädter Bauern erzählt hat: Die Ziegenhains hatten zwar keinen landwirtschaftlichen Hof, waren aber regelmäßig bei einer Bauern-Familie im Ort zum Arbeiten. Daher, vermutet Anita Kremer, hat ihr Vater von Bauern gesprochen. »Für ein Stadtkind war es ein Erlebnis, auf einem Bauernhof zu sein.« Und deswegen ist im Feldpostbrief von einer weiteren Familie die Rede.

Von den Ziegenhains, die Anita Kremers Vater kennengelernt haben, lebt niemand mehr. Doch kürzlich, vor Weihnachten, als sich die Geschichte auflöste, konnte Anita Kremer das Haus besuchen, in dem ihr Vater vor fast 80 Jahren gewohnt hatte. »Es war das schönste Weihnachtsgeschenk.« (Sabrina Dämon)

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