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Wetterauer Physiotherapie-Praxis schließt: Robert Boller hat Athleten auf der ganzen Welt betreut

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Von: Sabrina Dämon

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Nach 35 Jahren Selbstständigkeit hat sich Physiotherapeut Robert Boller dazu entschieden, seine Praxis zu schließen. Einerseits eine schwierige Entscheidung, andererseits, sagt Boller, ist es nun an der Zeit für den Ruhestand.
Nach 35 Jahren Selbstständigkeit hat sich Physiotherapeut Robert Boller dazu entschieden, seine Praxis zu schließen. Einerseits eine schwierige Entscheidung, andererseits, sagt Boller, ist es nun an der Zeit für den Ruhestand. © Nicole Merz

Robert Boller hat in den vergangenen 35 Jahren Selbstständigkeit eine Menge erlebt: Als Physiotherapeut hat er Zehnkämpfer bei internationalen Wettbewerben betreut. Nun, mit 65 Jahren, geht er in den Ruhestand.

Es waren anstrengende Jahre. Donnerstags in Frankfurt in den Flieger, abends Ankunft in den USA, Samstag und Sonntag Wettkämpfe. Am Montag dann der Rückflug. Und Dienstag wieder in der Praxis arbeiten. Robert Boller lacht: »Ich war noch ein junger Kerl.« Und einer, der schon damals viel Freude an seiner abwechslungsreichen Arbeit als Physiotherapeut hatte. Neben dem Praxisbetrieb in Nieder-Wöllstadt ist er als Betreuer von Athleten durch die Welt gereist. Nun, mit 65 Jahren, hat er sich entschieden, in den Ruhestand zu gehen und seine Praxis zu schließen.

Es war an der Zeit, aufzuhören, sagt Boller. »Aber es sind schon einige Tränen geflossen.« Elf Mitarbeiter waren in der Praxis beschäftigt, acht davon als Therapeuten. Für sie alle sei es jedoch nicht schwierig gewesen, etwas Neues zu finden: »Sie sind mit Kusshand empfangen worden«, eine Kollegin mache sich nun in Karben selbstständig.

Zum Ende seien einige Faktoren zusammengekommen, die Boller die Entscheidung erleichtert hätten. Einerseits sein Alter. Andererseits aber auch die Entwicklungen der vergangenen Jahre, wie er sagt. »Früher haben wir behandelt, abgerechnet und waren fertig. Heute ist es viel bürokratischer, ein Wust an Unterlagen. Dabei geht die Menschlichkeit verloren.« Dann kam die Corona-Pandemie und der damit einhergehende Organisationsaufwand. »Das hat mir die Entscheidung leichter gemacht.«

Seit Dezember ist die Praxis offiziell geschlossen. Die Räume, verteilt auf 180 Quadratmeter und zwei Etagen, sind, abgesehen von einigen Behandlungsbänken und Fitnessgeräten im Keller, leer.

Vor 21 Jahren hat Boller das Praxishaus im Nieder-Wöllstädter Burgweg gebaut. Angefangen hat er jedoch schon früher, in den 80ern. Obwohl er als junger Mann eigentlich einen ganz anderen Weg gewählt hatte. Nach der Schule, in den 70ern, begann er eine Ausbildung als Feinmechaniker. Doch durch den Zivildienst änderte er seinen Berufswunsch: »Ich kam als Rettungssanitäter in den medizinischen Bereich. Das war mein Ding.«

In einem Jahr auf drei Kontinenten

Ende der 70er wurde Boller Masseur, wenig später begann er, die Fußballer des KSV Klein-Karben zu betreuen. So lernte er Thorsten Dauth kennen, Tormann beim KSV und Zehnkämpfer.

Boller begleitete ihn auf Wettkämpfe und begann gleichzeitig seine Arbeit als Betreuer von Leistungssportlern. Auf diesem Weg kam er in Kontakt mit Claus Marek, dem damaligen Bundestrainer der Zehnkämpfer, der ein neues medizinisches Team aufstellte. Für den Nieder-Wöllstädter begann damit die Zeit des Unterwegsseins. Immer häufiger fuhr Boller mit dem Team auf Wettkämpfe - und machte sich 1986 mit seiner Frau selbstständig. Sie übernahm die Verwaltung, er die Therapie. Im Laufe der Jahre machte Boller nebenher noch die Ausbildung zum Physiotherapeut.

Die Arbeit war stets zweigeteilt - zum einen zu Hause, in der Praxis, zum anderen unterwegs auf Wettkämpfen. Meistens ging es donnerstags los, erzählt Boller - zum Beispiel nach Götzis in Österreich, »die Hauptstadt des Mehrkampfs«, zur Olympiaqualifikation. Oder, ein besonderes Erlebnis, weil es Bollers erster internationaler Wettkampf gewesen ist: die internationalen Meisterschaften im Mehrkampf 1990 in Neubrandenburg. Der Höhepunkt in jedem Jahr sei der vierwöchige Aufenthalt im Trainingslager in Südafrika gewesen.

Es waren viele Orte, die Boller in den vergangenen Jahren gesehen hat. Die Weltmeisterschaft 2009 in Berlin, die Europameisterschaft in Barcelona, zeitweise war er als leitender Physiotherapeut des deutschen U23-Teams tätig. »Im letzten Jahr war ich auf drei Kontinenten und in fünf Ländern«, erzählt er.

Dass all das geklappt habe, er so viel beruflich reisen konnte, habe er seinem Team zu verdanken. »Während ich weg war, ist hier alles weitergelaufen. Meine Mitarbeiter haben den Laden geschmissen, ich konnte mich 100 Prozent auf sie verlassen.«

Die gute Beziehung über all die Jahre macht den Abschied schwer. Auch von seinen Patienten habe er schon oft zu hören bekommen, wie schade es sei, dass er aufhöre.

Nein, sagt Boller, die Entscheidung haben er und seine Frau - »die Managerin im Hintergrund« - sich nicht leicht gemacht. »Aber wenn man 35 Jahre so gearbeitet hat, muss man irgendwann loslassen.«

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