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Wohl kein bandenmäßiger Handel

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Gießen/Büdingen (jwn). Sind die Drogendelikte, für die sich drei Heranwachsende derzeit vor der Jugendstrafkammer am Gießener Landgericht verantworten müssen, doch nicht als gewerbs- und bandenmäßiger Handel anzusehen? Das Gericht deutete am Ende des zweiten Verhandlungstags derartige Überlegungen an.

Nachdem der erste Verhandlungstag der Verlesung der Anklage gegen einen zur Tatzeit 20-Jährigen, seinen zwei Jahre jüngeren Freund und dessen damalige Freundin wegen Drogenhandels in Büdingen und Umgebung zwischen August 2020 und Juli 2021 diente, standen am zweiten Tag die persönlichen Daten der drei Angeklagten und deren einzelne Straftaten im Mittelpunkt der Befragung. Alle drei durchlebten eine eher schwierige Jugend mit zerrütteten Elternhäusern und abgebrochenen Schul- und Lehrlingsausbildungen. So besuchte etwa der 20-Jährige zunächst die Limesschule in Altenstadt, brach sie nach der neunten Klasse aber ab und wechselte auf die Berufsschule Büdingen. Doch auch diese brach er vorzeitig ab. Am Ende gelang ihm aber noch ein qualifizierter Hauptschulabschluss, der ihm eine Lehre im Bereich Lagerwesen ermöglichte. Diese schloss er zwar ab, hörte dann jedoch auf zu arbeiten. »Ich wollte eine andere, interessantere Tätigkeit anfangen.« Seine Eltern trennten sich während seiner Jugend. Seitdem gibt es keinen Kontakt mehr zum Vater.

Zum Großteil Eigenkonsum

Zu den Drogen kam er bereits im Alter von 14 Jahren. Erst wenig, dann immer mehr und zum Schluss regelmäßig. »Aber nur Hasch oder Gras. Heroin habe ich mal eine kurze Zeit genommen, dann aber wieder aufgehört«, erzählt er. Da er zurzeit in Untersuchungshaft sitzt, ist er mittlerweile sauber. Mehrfach betont er auf Nachfrage des Gerichts, dass er den Drogenhandel nur betrieben habe, um seinen eigenen Bedarf an Drogen zu decken. »Mehr als die Hälfte der gekauften Drogen habe ich selbst konsumiert. Vom Rest hätte ich jedoch nie leben können, denn ich brauchte das Geld ja wieder für den Kauf«, gestand er offen seinen Handel ein.

Den zweiten Angeklagten kannte er von der Schule und war mit ihm schon länger befreundet. Auch die Ehe von dessen Eltern ging in die Brüche, als er noch recht jung war. Sechs Brüder und zwei Stiefgeschwister hat dieser, die mit einer Ausnahme aber alle noch auf die Schule gehen. Auch der jüngere Angeklagte tat sich in der Schule schwer und hat keinen Abschluss. Über ein Praktikum fand er zu seinem Beruf, der Altenpflege. Aber auch da sei ihm kein Ausbildungsabschluss gelungen. Wie auch sein Freund, rauchte er den ersten Joint mit 13 Jahren. Zum Schluss benötigte er zwischen sieben und zehn Gramm Haschisch oder Marihuana pro Tag. »Deshalb habe ich beim Drogenhandel geholfen, um an den Stoff für mich zu kommen«, berichtet der jüngere Angeklagte. Rund 1500 Euro habe er als Altenpfleger monatlich verdient. Und dieses Geld sei komplett für die Drogen draufgegangen. Darüber hinaus habe er sogar rund 30 000 Euro Schulden. »Und das alles wegen dieser verdammten Drogen«, und dieser verzweifelte Ausruf schien von Herzen zu kommen. Selbst gedealt, also verkauft, habe er nur in ganz wenigen Fällen und dann höchsten ein oder zwei Gramm. Und das nur, wenn er dringend Geld brauchte.

Tatvorwürfe offen eingeräumt

Am Drogenhandel, den er für seinen Freund ausführte, indem er Drogenpakete von Dritten abholte und für ihn verschickte, ist auch seine Beziehung zur dritten Angeklagten, einer damals ebenfalls 18-Jährigen gescheitert. Sie hatte ihm das Ultimatum gestellt, entweder die Drogen oder sie. Der damals 18-Jährige entschied sich für die Drogen.

Auch die Angeklagte hat keine abgeschlossene Schul- oder eine Berufsausbildung. »Ich würde furchtbar gern eine Ausbildung zur Bürokauffrau machen und habe dafür schon über 250 Bewerbungen abgeschickt, aber immer vergebens«, sagt sie. Drogen nahm sie nie und war auch am Handel nicht beteiligt. Ihre Tatbeteiligung bestand lediglich darin, die beiden Angeklagten drei- oder viermal zu deren Geschäftspartner nach Neu-Isenburg gefahren und ihre Adresse für die Paketzustellung zur Verfügung gestellt zu haben. Weil alle drei unumwunden ihre Taten offen einräumten, die beiden Männer ihren Eigenverbrauch als Triebfeder angaben und der jungen Frau allenfalls fahrlässiges Verhalten vorgeworfen werden kann, scheint der Vorwurf zumindest im Hinblick auf das bandenmäßige Auftreten der drei unwahrscheinlich. Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt.

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