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Wohnmobil-Boom: Ist die Wetterau eine Servicewüste?

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Von: Bernd Klühs

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Pferde gleich nebenan: Manche Wohnmobil-Touristen lieben naturnahe Plätze, andere wollen ihr Fahrzeug gerne innenstadtnah abstellen und verlangen einen gewissen Komfort. Der wird nach Ansicht vieler Camper in der Wetterau nur unzureichend geboten. SYMBOLFOTO: IMAGO © Imago Sportfotodienst GmbH

Immer mehr Deutsche entscheiden sich für einen Urlaub mit dem Wohnmobil. Für die zahlungskräftigen Touristen fehlt in der Wetterau häufig die Infrastruktur. Verantwortliche geloben Besserung.

In der Wetterau gibt es laut einer Tourismus-Broschüre 30 Standorte für Wohnmobile mit über 100 Stellplätzen. Klingt nicht schlecht. Bei genauerem Hinsehen zeigen sich aber deutliche Defizite, vor allem im Westkreis. Dort gibt es kaum einen Stellplatz, der die komplette Infrastruktur - Strom, Wasserver- und -entsorgung, Sanitäreinrichtungen - zu bieten hat. Für das zahlungskräftige Camper-Klientel ist der mangelhafte Service ein No-Go.

In Pandemie-Zeiten melden sich viele Wohnmobil-Fans mit Leserbriefen zu Wort. Sie sind sich alle einig: Das Angebot in der Wetterau ist unzureichend. Da ist zum Beispiel die Frau aus Bad Nauheim, die Freunde von der Mosel zu Gast hatte. Sie reisten per Wohnmobil an, hatten im Internet Stellplätze mit Service gesucht, wurden aber weder in Bad Nauheim noch Friedberg fündig. Was Wohnmobile angeht, glichen diese Kommunen einer »Wüste«. Der Standort Usa-Wellenbad sei zudem schmutzig und ungepflegt.

Ein Mann aus Friedberg schrieb von einem »wirtschaftlich fahrlässigen Verhalten«. Wohnmobil-Touristen gäben viel Geld aus, seien ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Den Standort am Schwimmbad bezeichnete der Friedberger, der seit vier Jahrzehnten mit dem Wohnmobil reist, als »Tiefpunkt«. Insgesamt sei das Angebot im Kreis »dürftig bis inakzeptabel«.

Defizit in Bad Nauheim

Ein Leser aus Butzbach hatte sich vor zwei Jahren mit dem Landrat unterhalten, passiert sei seitdem nicht viel. Unter Campern seien anspruchsvolle Menschen, die viel Geld für ihr Fahrzeug zahlten. Tatsächlich kann ein Luxus-Modell mehrere hunderttausend Euro kosten. Diese Touristen erwarteten gewissen Komfort auf innenstadtnahen Stellplätzen. An Standorten mit Infrastruktur verdoppele sich die Verweildauer.

Bad Nauheims Erster Stadtrat Peter Krank, Vorstandsvorsitzender des Zweckverbands Usa-Wellenbad, kann die deftige Kritik nicht komplett nachvollziehen, räumt aber Defizite ein. Die Kurstadt, die das touristische Zugpferd der Wetterau ist, habe Nachholbedarf. Auf dem Schwimmbad-Parkplatz könnten zwar 20 bis 25 Wohnmobile stehen, die fehlende Infrastruktur sei aber ein Problem. »Dieses Defizit gibt es schon länger. Seit etlichen Jahren taucht das Thema immer wieder auf, seit dem Wohnmobil-Boom häufiger.« So hatte der Kernstadt-Ortsbeirat 2018 gebeten, Infrastruktur für die Wohnmobil-Stellplätze zu schaffen.

Der Vorstandsvorsitzende kündigt eine baldige Verbesserung an. Erster Schritt sei die Bewirtschaftung des Parkplatzes. »Damit wird das Abstellen großer Lkw ebenso verhindert wie die unangemeldete Nutzung durch Landfahrer.« In Kürze werde mit dem Bau der neuen Kita auf dem Areal begonnen, dann könne die Übergangs-Tagesstätte verschwinden. Parallel, so Krank, werde der Zweckverband Wohnmobil-Infrastruktur schaffen.

Zusätzliche Plätze geplant

2023 rechnet der Erste Stadtrat mit dem Abschluss der Arbeiten. »Das Angebot für Wohnmobile ist bislang ein Provisorium. Das muss verbessert werden«, betont Krank. Friedbergs Bürgermeister weiß er hinter sich: Dirk Antkowiak ist selbst Wohnmobil-Fan.

Die Situation in der Wetterau wird von Cornelia Dörr, Geschäftsführerin der Tourismus-Region Wetterau GmbH, nicht negativ eingeschätzt. Vor allem im Ostkreis existierten genügend Standorte mit Infrastruktur. »Wohnmobil-Touristen sind drei Tage autark. Deshalb ist es nicht notwendig, dass jeder Stellplatz größeren Service bietet«, sagt Dörr. In Florstadt, Wölfersheim, Rockenberg, Reichelsheim, Münzenberg und Butzbach sei gerade eine Initiative angelaufen, um weitere Wohnmobil-Stellplätze zu schaffen. Dafür würden Fördermittel in Anspruch genommen.

Die Geschäftsführerin sieht zwei Schwierigkeiten, die solchen Plänen entgegenstehen. Zum einen die Kosten für Wasser-, Kanal- und Stromanschluss, zum anderen der Flächenverbrauch. »Im Westkreis, etwa in Bad Nauheim, sind die Grundstückspreise explodiert. Da tut sich Politik schwer, große Flächen für Wohnmobile bereitzustellen.« Sie plädiert dafür, mit Unternehmen zu kooperieren. Es sei etwa problemlos möglich, auf Discounter-Parkplätzen Raum für Wohnmobile zu schaffen. Solche Angebote gebe es bereits, etwa bei Wohnmobil-Händlern in Friedberg und Hirzenhain. Dörr: »Davon profitieren Touristen, Kommunen und Firmen. Das ist eine Win-win-Situation.«

In acht Gemeinden keine Stellplätze

8 von 25 Wetterauer Kommunen sind weiße Flecken auf der Wohnmobil-Landkarte. In Butzbach, Ober-Mörlen, Rockenberg, Reichelsheim, Wöllstadt, Niddatal, Karben und Kefenrod gibt es überhaupt keine Stellplätze für diese Fahrzeuge - weder mit noch ohne Infrastruktur. Zumindest in Butzbach, Reichelsheim und Rockenberg soll sich das laut Tourismus-Region Wetterau GmbH bald ändern.

In den übrigen Städten und Gemeinden des Kreises gibt es zwar an 30 Standorten deutlich mehr als 100 Stellplätze, allzu oft fehlt aber die nötige Infrastruktur. Das gilt in erster Linie für den Westen und Süden der Wetterau. So existiert in den drei größten Städten Bad Vilbel, Bad Nauheim und Friedberg kein einziger Stellplatz, auf dem Wohnmobil-Touristen über Wasserversorgung, Abwasserentsorgung und Strom verfügen können. Besserung gelobt der Schwimmbad-Zweckverband, der die Stellplätze in der Talaue zwischen Bad Nauheim und Friedberg bis 2023 modernisieren möchte.

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