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Wozu sind Kriege da?

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Setzen im Pferdestall des Büdinger Kulturzentrums ein musikalisches Zeichen für den Frieden: Martin Schnur, Tine Lott, Christiane Burkard und Ulrike Johannsen (v. l.). © Ingeborg Schneider

Mit einem Benefizkonzert hat der Kulturkreis im Büdinger Oberhof anlässlich des Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkrieges sowie unter dem Eindruck von Krieg, Leid und Flucht in der Ukraine ein eindrucksvolles Zeichen für Frieden und Versöhnung, Solidarität und praktisches Engagement gesetzt.

Etwaige Überlegungen, das ein derart nachdenkliches Muttertagskonzert dem heiteren Charakter des Festes widersprechen und deshalb nur wenig Resonanz finden würde, erwiesen sich als unbegründet: Das knapp dreistündige Benefizkonzert des Büdinger Kulturkreises erwies sich als Erfolg auf ganzer Linie. Neben der Schirmherrin Stephanie Becker-Bösch, Erste Beigeordnete des Wetteraukreises, hatten sich Büdingens Erste Stadträtin Katja Euler, der frühere Bürgermeister Erich Spamer, Sozialinitiator Dieter Egner und andere Persönlichkeiten aus Politik und Kultur im Pferdestall eingefunden. »Das war mein tiefgehendstes und zugleich schönstes Muttertagsgeschenk«, resümierten im Anschluss viele Frauen, die allein oder mit ihren Familien das Konzert besucht hatten.

Musik mit neuer Bedeutung

Begrüßt mit Klezmer-Akkordeonmusik von Christiane Burkard (Theater Mimikri), genoss das Publikum im ersten Teil des Abends zunächst das Spiel der Bad Nauheimer Harfenistin Ulrike Johannsen, die ihrer keltischen Harfe virtuose lyrische Klänge entlockte. Unter anderem brachte die Künstlerin den »Valse du printemps égaré«, den »Walzer vom verlorenen Frühling« von Élisa Vellia zu Gehör - ein Stück, das sie sich während des ersten Corona-Frühlings 2020 erarbeitet hat und das nun, im vom Krieg beherrschten Frühling 2022, eine neue Bedeutung erhält, erläuterte Johannsen. Umrahmt von aufrüttelnden Texten von Mascha Kaléko (»Trost«, »Chor der Kriegswaisen«) und Erich Kästner (»Das Märchen von der Vernunft«, »Wenn wir den Krieg gewonnen hätten«), meisterhaft und zum Teil mit beißender Ironie rezitiert durch den Kulturkreis-Vorsitzenden Markus Karger, warnte Stephanie Becker-Bösch nachdrücklich vor einer Eskalation des Geschehens in der Ukraine. Sie lobte die Vorsicht der Entscheider, die eine Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine sowie in andere Krisengebiete aus guten Gründen sorgfältig erwogen hätten. »Wir haben den Frieden in Europa lange für selbstverständlich gehalten und waren stolz darauf. Jetzt erkennen wir, dass wir alles tun müssen, um ihn zu bewahren - denn der Einsatz von Atomwaffen würde unseren Kontinent zerstören und nichts außer unendlichem Leid und ausschließlich Verlierer zurücklassen.«

Tine Lott betonte vor ihrem Auftritt: »Die Kraft der Musik und auch des Lachens sind wichtig, damit wir alle überhaupt eine Chance haben, diese Wahnsinnszeit durchzustehen.« Kraftvoll und mit spürbarem persönlichen Engagement präsentierte sie unter anderem »Lover, lover« von Leonard Cohen, »Forever young« von Audra Mae, ein Lied voller Segenswünsche an kommende Generationen, »Wozu sind Kriege da?« von Udo Lindenberg, »We shall overcome« und »Imagine« von John Lennon. Ein zweisprachiges jiddisches Lied an die Nachtigall untermalte Tine Lott mit Aufnahmen von deren Gesang in den Wäldern um Büdingen und schloss ihre eindrucksvolle Darbietung mit dem unsterblichen »Je ne regrette rien - Ich bereue nichts« von Edith Piaf.

Zu Beginn des zweiten Teils reflektierte Christiane Burkard in Form des Textes »Interview mit mir selbst« von Mascha Kaléko die Situation von Kriegs- und Flüchtlingskindern, die in eine fremde Kultur geworfen werden, bevor Martin Schnur sein Können auf verschiedenen Gitarren, einschließlich der Westerngitarre, unter Beweis stellte. Der Troubadour der Wetterau spannte einen weiten Bogen vom »Lied von der Zufriedenheit« über »Gustav Seip« bis hin zu einer von ihm übersetzten deutschen Version von »Imagine«. Gemeinsam mit Tine Lott verband Schnur das zuvor von Christiane Burkard vorgetragene Kästner-Gedicht »Und als der nächste Krieg begann« überzeugend mit dem Lied »House of the rising sun«.

Den Abschluss gestaltete Martin Schnur bewusst eher heiter, nämlich mit den Mundartliedern »Keltenfürst«, »Elvis« und »Wamma so schwätzt, wei ma hei so schwätzt«. Jedoch war auch diese »fröhliche und praktische Lebenshilfe, die Sie alle gut in die Woche geleiten soll«, so Schnur, nicht ohne Hintersinn, wie die Zeile »Alle wolle alles, was die andern alle hawwe, deshalb hawwe se sich alle in de Woll« bewies. Das vielseitige Konzert schloss mit dem italienischen Partisanenlied »Bella Ciao« aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, vorgetragen von allen beteiligten Künstlern, die anschließend den begeisterten Beifall des Publikums entgegennehmen konnten.

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