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Zahnbürste, Schulranzen und Skihose im Miniformat: Ende der 40er Jahre war Puppe »Renate« der Star

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Von: Coralie Soemer

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Gisela Schwendemann aus Bad Nauheim bekommt 1948 von ihren Großeltern eine Puppe geschenkt. Egal, ob Eis essen, Reisen oder Schwimmen lernen - »Renate« ist fortan immer dabei.

An Weihnachten und zu Geburtstagen war »Renate« der Star«, erzählt Gisela Schwendemann. Von ihrer Mutter gab es für die 42 Zentimeter große Schildkröt-Puppe selbstgenähte Unterwäsche, Schlafanzüge, Mäntel, Mützen, Kleider, Schuhe und sogar eine Skihose.

Auch Giselas Oma aus Ludwigshafen am Rhein war ganz entzückt von der Mini-Kleidung. Sie machte sich nicht an die Stricknadeln, sondern ging zum Shoppen in die Stadt. »Da war meine Großmutter etwas im Kaufrausch«, sagt Gisela Schwendemann.

Renate bekam alles, was aus Sicht der Oma ein junges Mädchen braucht: Eine Mini-Zahnbürste und einen kleinen Schulranzen aus echtem Leder mit Tafel, Kreide und Schwamm. Die Bad Nauheimerin erklärt: »Wir waren zu dieser Zeit die einzigen Enkel.« Auch ihr Opa habe sich größte Mühe gegeben. Für die vielen Kleider der Puppe zimmerte er einen Schrank inklusive winziger Kleiderbügel.

Wurst an der Wäscheleine - Abenteuer im Garten der Großeltern

Im Garten der Großeltern wuchsen Obstbäume, Sträucher und viele Sorten Gemüse. Außerdem gab es Hühner und Hasen. An der Wäscheleine dürften Gäste kurz stutzig geworden sein: Hier hingen keine Kleidungsstücke, sondern Blumen, Kräuter, Tabakpflanzen und sogar eine Wurst. »Musste alles trocknen«, sagt Gisela Schwendemann.

Im Sandkasten lagerte zudem das Wurzelgemüse. Aber auch ohne Schaufel und Sandkuchen gab es genug zu entdecken. Immer im Schlepptau: ein Kuscheltier oder ihre Lieblingspuppe. »Renate war mein ein und alles. Ich brauchte sie dringend, denn dort war alles so aufregend«.

Gemeinsam aßen sie gelbe Pflaumen und kosteten Pfirsiche. Neu war für Gisela auch der »Sparschel«, wie ihn Opa nannte. Zu ihren »donklen Träuble« sagte er hingegen in feinstem Hochdeutsch »schwarze Johannisbeeren«. Kulinarisch hatten ihre Großeltern einiges zu bieten.

Eine der ersten Eismaschinen für den Heimbedarf

Eines Abend verkündete Giselas Opa, er habe eine Eismaschine erstanden und sie würden am nächsten Tag Speiseeis machen. Davon hatte sie zuvor noch nie gehört. Aufgeregt lag Gisela im Bett: »Ohne Renate hätte ich nicht einschlafen können.« Am nächsten Tag kam ihr Opa mit vier langen Eisblöcken auf dem Fahrrad angefahren. Schnell sollten sich alle im Keller einfinden.

Ein Ort mit Geschichte: Einige Jahre zuvor habe ihr Opa dort Flugblätter gegen Hitler gedruckt. Das erzählte Giselas Mutter ihr einmal hinter vorgehaltenen Hand. Anstelle des Druckers nun eine Eismaschine. Abwechselnd wurde am Rad gedreht und das Eis zerkleinert. Als ihre Portion fertig war, lief Gisela nach oben. »Mit Renate auf dem Schoß verspeiste ich diese Köstlichkeit.«

Eine Puppe lernt Schwimmen - mit schwerwiegenden Folgen

Mit dem Wechsel auf das Gymnasium 1952 war das Schlemmen erst einmal vorbei. Bei Giselas Eltern habe es nur noch ein Thema gegeben: Schwimmen lernen. Dazu mussten sie und ihre Zwillingsschwester Trockenübungen auf dem Teppich im Wohnzimmer durchführen. Die Schülerin wollte auch Puppe Renate das Schwimmen beibringen und ließ sie große Kreise ziehen.

Heute stellt die Rentnerin nüchtern fest: »Dies ist ihr nicht bekommen.« Damals wurden Krokodilstränen geweint: »Beide Beine kugelten sich aus, fassungslos, Tränen, Puppenklinik.« Renate erholte sich aber bald wieder.. Mit geschickten Handgriffen wurde sie wieder eingerenkt.

Opas knallroter Kaufladen geht an rumänische Waisenkinder

Das handwerkliche Talent kommt wohl vom Opa. Einmal schenkte er Gisela und ihrer Schwester zu Weihnachten einen selbstgebauten Kaufladen. Der knallrote Lack begeisterte nicht nur die Mädchen, sondern später auch Giselas Söhne. Er durfte zum Verkauf von Blumen, Steinen und Co. sogar mit in den Garten genommen werden.

Als die Jungs älter wurden, bekam Giselas Nichte den Kaufladen. »Und weil er noch so schön war, gab ihn meine Schwester, nach Rücksprache, in ein Waisenhaus nach Rumänien.« Die Bad Nauheimerin findet: »Ein richtig gutes Ende.«

Info: Warum Kinder mit Puppen spielen

»Das spielende Kleinkind kann sehr wohl zwischen Fantasie und Realität unterscheiden. Allerdings hat für das Kind Fantasie und Realität das gleiche Gewicht«, schreibt Gabriele Pohl, Erziehungswissenschaftlerin und Psychotherapeutin. Kleinkinder seien nicht in der Lage wie Erwachsene Erlebnisse im Voraus oder Nachhinein zu durchdenken.

Das Puppenspiel ermögliche ihnen, Situationen nachzuempfinden und aus einer gewissen Distanz zu betrachten. In der Nachahmung ihrer Eltern lernten die Kinder Fürsorge, Verantwortung und Empathie. Je älter das Kind werde, desto weiter entferne es sich im Spiel von der Puppe. Aus dem Mitspieler wird der Regisseur, erklärt die 70-Jährige.

Puppen, die auf Knopfdruck weinen oder sprechen, hält die Pädagogin für ungeeignet. Sie ließen dem Kind keinen Raum für Fantasie. Hingegen sollten auch Jungen mit Puppen und nicht nur mit Kuscheltieren spielen. Gabriele Pohl: «Schließlich werden sie später ja auch nicht Väter von Schlappohrhasen und Zottelbären.«

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