Die Krise der Awo in Wiesbaden und in Frankfurt zieht weitere Kreise. Jetzt werden weitere Rück- und Austritte bekannt. (Symbolbild)
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Die Krise der Awo in Wiesbaden und in Frankfurt zieht weitere Kreise. Jetzt werden weitere Rück- und Austritte bekannt. (Symbolbild)

Rücktritte und Austritte

Awo Wiesbaden steht vor Scherbenhaufen

Die Awo-Affäre verschärft sich. Die engen Verflechtungen zwischen den Verbänden in Wiesbaden und Frankfurt haben ernste Konsequenzen. 

Wiesbaden – Ihr Rentnerleben hat sich Elke Wansner gewiss anders vorgestellt. Die 67-Jährige ist ehrenamtlich stellvertretende Kreisvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Wiesbaden. Im Zuge der Affäre um hohe Gehälter, teure Dienstwagen sowie Beraterverträge und undurchsichtige personelle wie finanzielle Verflechtungen mit der Awo in Frankfurt, die seit Wochen in der Krise steckt, haben sich inzwischen der Kreisvorsitzende, der andere Stellvertreter und einige hauptamtliche Funktionäre des Sozialverbands in der hessischen Landeshauptstadt zurückgezogen.

Die Last für das Zusammenkehren des Scherbenhaufens ruht jetzt weitgehend auf den Schultern der ehemaligen SPD-Stadtverordneten und Informatik-Expertin. "Ich bin rund um die Uhr im Einsatz", berichtet Wansner am Mittwoch auf einer gut zwei Stunden dauernden Pressekonferenz, in der sie redlich bemüht ist, die Wogen zu glätten.

"Ich tue das nicht für mich, sondern für die Mitarbeiter und die ehrenamtlichen Helfer", begründet die Rentnerin ihren Einsatz. Die in den sozialen Einrichtungen des Verbands Tätigen werden ständig auf die Vorwürfe angesprochen und sind verunsichert, auch Austritte aus der Arbeiterwohlfahrt hat es laut Wansner schon gegeben.

Awo Wiesbaden: Vorsitzender findet Vorwürfe berechtigt

Schwer getroffen hat die Verantwortlichen vor allem der Rücktritt des Kreisvorsitzenden Wolfgang Stasche nach 20 Jahren an der Spitze der Awo Wiesbaden am Wochenende. Dabei bezeichnete der 78-Jährige die Vorwürfe nämlich als "größtenteils berechtigt" und bedauerte, gegenüber der hauptamtlichen Geschäftsführung zu vertrauensselig gewesen zu sein.

Die mächtigste Geschäftsführerin der Awo Wiesbaden war bis vor wenigen Wochen Hannelore Richter, die Ehefrau des Frankfurter Awo-Geschäftsführers Jürgen Richter, der wiederum gleichzeitig stellvertretender Kreisvorsitzender in Wiesbaden war. Dieses Amt lässt der in Frankfurt nicht nur wegen der Berichte über eine ungewöhnlich hohe Bezahlung und einen Dienstwagen für die Ehefrau von Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) als Kita-Leiterin unter Beschuss stehende Richter zurzeit ruhen. Seine Frau wiederum war neben ihrer Funktion als Geschäftsführerin in Wiesbaden gleichzeitig "Sonderbeauftragte" der Awo Frankfurt. Dazu hat sie - wie auf der Pressekonferenz bestätigt wurde - sehr viel Zeit in Frankfurt verbracht.

Für 70 Prozent ihres Gehalts soll aber der Frankfurter Kreisverband aufgekommen sein. Nach dem Rückzug Hannelore Richters trat am 1. November ihr Sohn Gereon als dritter Geschäftsführer in die Dienste der Awo Wiesbaden. Auch er lässt aber sein Amt seit einigen Tagen ruhen und hat nach den Worten Wansners am Dienstag seinen endgültigen Rücktritt erklärt. Aufgelöst werden soll nach ihren Angaben auch der gemeinsame Mitarbeiterpool der Kreisverbände Frankfurt und Wiesbaden. Deren enge Verflechtung reiche in die 1920er Jahre zurück, hieß es auf der Pressekonferenz.

Dass die Frau des Frankfurter OB Feldmann zunächst von der Awo Wiesbaden bezahlt wurde, habe aber einen anderen Grund. Die Konzeption für die später von ihr geleitete deutsch-türkische Kita habe sie für den Kreisverband Wiesbaden erstellt. Nachdem diese in Frankfurt eröffnet wurde, habe der dortige Kreisverband die Bezahlung übernommen.

Awo Wiesbaden: Wie hoch waren die Gehälter wirklich?

Berichte über noch sehr viel höhere Gehälter für die Wiesbadener Awo-Geschäftsführer dementierte Wansner erneut. Es sei nicht richtig, dass Frau Richter ein Jahreseinkommen von 344 000 Euro und ihr Stellvertreter Murat Burcu von 254 000 Euro bezogen habe. Wieviel es wirklich war, könne sie aus Datenschutzgründen nicht sagen, betonte Wansner. Der auf der Pressekonferenz anwesende Burcu äußerte, da seien offenbar Kosten für Fortbildung, Seminare und Gesundheitsförderung mit eingerechnet worden.

Die Awo Wiesbaden will nach eigenen Angaben jetzt alle angekündigten Prüfungen ihres Wirtschaftsgebarens unterstützen. Dann hofft sie auch auf Wiederaufnahme der zunächst gestoppten Zahlungen des Bundesverbands. Zuschüsse für dienstliche Nutzungen privater Fahrzeuge seien auch schon gekürzt worden. Wie ernst die Vorwürfe genommen werden, zeigte auch die Anwesenheit des prominenten Medienberaters und ehemaligen VW-Vorstandsmitglieds Klaus Kocks auf dem Awo-Podium bei der Pressekonferenz.

Er ließ durchblicken, dass er sich vergeblich dafür eingesetzt hat, vor der Presse den zurückgetretenen Kreisvorsitzenden Stasche zu attackieren. Wansner hat das abgelehnt. Die Rentnerin wird wahrscheinlich bald wieder etwas mehr Ruhe haben: Im Januar 2020 will die Awo Wiesbaden einen neuen Kreisvorstand wählen.

Die Awo-Kreisverbände aus Frankfurt und Wiesbaden haben in dubioser Weise von der Beratungsgesellschaft Somacon profitiert. Es geht um äußerst lukrative Geschäfte.

Von Gerhard Kneier 

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