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Sven Gerich (rechts) überreicht die Ernennungsurkunde an Nachfolger Gert-Uwe Mende.

Wiesbaden

Sachbezogen und selbstbewusst: Wiesbadens neuer OB Gert-Uwe Mende führt eigenen Stil ein

Wiesbadens neuer OB Gert-Uwe Mende wird ins Amt eingeführt. Sven Gerich wird verabschiedet - und darf sich über Ovationen freuen.

Mit seiner letzten Rede als Wiesbadener Oberbürgermeister bei der offiziellen Einführung seines Nachfolgers Gert-Uwe Mende (SPD) ist es Sven Gerich (SPD) wieder gelungen: Er hat die Herzen der Zuhörer im voll besetzten Stadtverordnetensitzungssaal so bewegt, dass am Ende alle aufstanden und ihm stehend lange und heftig applaudierten. Die Vorwürfe wegen Vorteilsnahme und Bestechlichkeit gegen ihn, wegen derer er auf eine erneute Kandidatur zum OB verzichtet hatte, können seiner Beliebtheit nichts anhaben. 

Der Präsident der Polizei Westhessen, Stefan Müller, der Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD), US-Oberst Noah Clowd, Vertreter der Industrie- und Handelskammer, alle Stadtverordneten und Gäste klatschten dem scheidenden OB zu, nachdem dieser prägnant und emotional auf das Wesentliche in der Politik hingeführt hatte: auf den Zusammenhalt der Stadtgesellschaft. Gerichs Leitsatz, mit dem er seine Amtszeit vor sechs Jahren begonnen hatte.

Sven Gerich ist „Oberbürgermeister der Herzen“

Für den 44-jährigen Gerich mögen die Ovationen ein Triumph gewesen sein. Die Anschuldigungen, Drohungen, das Gerede der letzten Monate und die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft ändern nichts daran, dass Gerich der „Oberbürgermeister der Herzen“ ist, wie er in Sympathiebekundungen auf Facebook genannt wird. Wie ein Orchesterleiter stand Gerich einige Augenblicke vor dem applaudierenden Publikum und sah die Ränge hinauf, dann sammelte er rasch ein paar Dinge ein, räumte seinen Oberbürgermeisterplatz, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, umarmte Mende und setzte sich bis zu dessen Einführungszeremonie neben ihn.

Diese Sympathie Gerich gegenüber wird, das zeigen die Reden der Fraktionsvorsitzenden, auch von politischen Mitstreitern geteilt. CDU-Fraktionschef Bernd Wittkowski sagte, Gerich sei, obwohl er sich so häufig unters Volk gemischt habe, bei Arbeitsterminen gut vorbereitet gewesen. Er bewundere auch Gerichs Eloquenz und trug eine Anekdote von einem Besuch in der nicaraguanischen Partnerstadt Ocotal vor, als Gerich nach dem gemeinschaftlichen Genuss des ortsüblichen Rums noch eine brillante Rede halten konnte. Andere Fraktionschefs lobten, dass er als OB sichtbar und ansprechbar gewesen sei, mit den Menschen fair umgegangen und sich für Flüchtlinge und andere Minderheiten eingesetzt habe.

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Dem neuen OB stahl Gerich dennoch nicht die Show. Sachbezogen und selbstbewusst führte Mende seinen eigenen Stil ein. Er sei zwar ein anderer Typus als Gerich, sagte er und ließ augenzwinkernd durchblicken, dass es von ihm keine Geschichten mit Rum in Nicaragua gebe. Aber Gerichs Haltung einer Gesellschaft in Vielfalt und einem weltoffenen, friedliebenden, toleranten Wiesbaden teile er durchaus. Auch werde er auf die erfolgreiche Arbeit seines Vorgängers aufbauen.

Gert-Uwe Mende will mit allen politischen Kräften zusammenarbeiten

Mende, 56, kündigte an, mit allen politischen Kräften zusammenarbeiten zu wollen, um tragfähige Kompromisse zu erreichen. Fair, verbindlich, achtsam und sachorientiert solle der Umgang untereinander sein, angesichts der aktuellen Verdächtigungen wegen Vetternwirtschaft, in die auch mehrere CDU-Politiker verwickelt sind, und des daraus folgenden Misstrauens könnte dies ein verheißungsvoller Neubeginn für die Landeshauptstadt sein.

Inhaltlich werde er an die aktuellen Themen anknüpfen: bezahlbarer Wohnraum, die Entwicklung des neuen Stadtteils Ostfeld, die Citybahn, mehr Klimaschutz, Teilhabe für sozial Schwache und Fürsorge für die Alten. Er werde zudem das Projekt Sportpark Rheinhöhe umsetzen, Wiesbaden als Kulturstadt fördern und die Fußgängerzone einladender gestalten.

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