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Die Frickhöfer tragen auch den Spitznamen Kochlöffel und Hobbyhistoriker Hubert Hecker hat die passenden Utensilien dafür.

3000 Bürger

Wieso haben die Frickhöfer den Spitznamen Kochlöffel?

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Alle knapp 3000 Bürger der Dornburg-Gemeinde Frickhofen tragen einen Namen: Kochlöffel. Genau genommen ist es ihr Spitzname. Aber wieso heißen die Frickhöfer denn Kochlöffel?

Es sei ein Lehrer gewesen, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts die pädagogikfreien Sommermonate mit dem Schnitzen von Kochlöffeln verbrachte, erzählt Hubert Hecker – ebenfalls Lehrer und mittlerweile im Ruhestand, wie es seinen Anfang nahm, dass auch die Bewohner des Dorfes zu Kochlöffeln wurden. Während seine Schüler bei der Feldarbeit waren, habe er Kochlöffel geschnitzt. Allerdings nicht, weil er Hobbykoch gewesen sei, sondern weil Frickhofen damals tatsächlich eine Händler-Hochburg war, betont Hecker.

Selbst gekaufte oder bezogene Ware anzupreisen, das war das Erfolgsmodell des Dorfes: Mit Textilien, Schirmen und Galanterieware, also modischen Accessoires, und eben mit Kochlöffeln aus Ahorn- und Lindenholz machten sich die Frickhöfer auf den Weg, zunächst in der Region, berichtet Hubert Hecker. Erst im Laufe der folgenden Jahre seien die Händler vom Westerwald nach Belgien und Frankreich ausgeschwärmt. Und nach Sachsen, das damals zu den reichsten Gegenden Deutschlands gezählt habe, sagt Hubert Hecker. Dahin machten sich die Wanderhändler auf. Und diese umherziehenden Verkäufer habe man Kochlöffel genannt.

Eine Knochenarbeit sei das Händlerdasein damals gewesen, erzählt der pensionierte Lehrer Hecker. Zwar sollen die Männer und Frauen aus Frickhofen im 19. Jahrhundert mit ihrer Tätigkeit durchaus reich geworden sein. Das beweisen nach Heckers Einschätzung etwa jene noch vorhandenen 30 Häuser früherer Händler. Zum Beispiel die Villa Schardt, an deren Giebel ein Hirschgeweih prangt, das im 19. Jahrhundert als Luxus-Handelsgut galt, sagt Hecker. Nur war der Preis für den Wohlstand sehr hoch, die körperliche Belastung enorm. Rund einen Zentner habe eine voll gepackte Kiepe gewogen, die per Zug, Fuhrwerk, Sackkarre und eben auf dem Rücken hunderte von Kilometern geschleppt werden musste.

Und zu den körperlichen Strapazen sei Hecker zufolge schließlich noch die nervliche Belastung gekommen. „30 bis 40 mal mussten die Händler an den Haustüren klopfen und ihre Ware anbieten und dabei immer freundlich bleiben“, erzählt Hecker. 30 bis 40 mal sei ihnen vermutlich die Türe vor der Nase zugeschlagen worden, bis sich endlich ein Käufer fand. Das muss man aushalten können. Ebenso wie die monatelange Trennung von den Kindern. Denn während die Eltern auf ihren Handelsrouten unterwegs waren, blieben die Kinder in Frickhofen – untergebracht „bei Witwen oder armen Leuten“, die sich damit ein Kochlöffel-Zubrot verdienten.

Der Spitzname gefiel den Frickhöfern. So viel steht fest. Denn sowohl in der Kirmesfahne als auch etwa an einem Gasthaus im Ort haben sich diese Attribute gehalten. Ob die Kochlöffel-Geheimsprache noch von allen Bürgern beherrscht wird, ist nicht bekannt. Vor jedes Substantiv wurde von den Händlern in früherer Zeit der Vokal „a“ gehängt, damit die „Akrämera“ ungestört miteinander tuscheln und sich austauchen konnten. Auf Kochlöffelisch sozusagen.

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