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Nazim Alemdar steht an der Kasse. Der ?Yok Yok City Kiosk? bietet eine Vielzahl unterschiedlicher Biersorten. Der Laden im Bahnhofsviertel ist absoluter Kult.

Kult

Wie "Yok-Yok"-Betreiber Nazim Alemdar zu zwei Kiosken mit Kunst kam

Der eine Kiosk ist Kult und wild, der andere ist Kunst und gemütlich. Der Mann dazwischen ist fast schon eine Legende. Nazim Alemdar pendelt zwischen Münchner Straße und Fahrgasse, um Kunden in seinen Yok-Yok-Kiosken glücklich zu machen.

Im roten Polo-Shirt und zwei Krücken in der Hand sitzt Nazim Alemdar (60) auf einer grünen Sitzbank vor dunkelblauer Wand. Adam und Eva hängen als modernes Gemälde über ihm. „Ich wurde gestern am Knie operiert. Bänderriss“, sagt der freundliche Mann und räumt sitzend Bierkisten für den Kühlschrank aus. Wo andere eine Arbeitspause einlegen würden, denkt Alemdar gar nicht dran. Er humpelt zwischen Tischchen und Sitzpolstern, Kaffeemaschine und Zigaretten entlang, greift nach der Ware, die Kunden wünschen. Ein bisschen Kult ist der Kunstkiosk Yok-Yok in der Fahrgasse bereits. „Als wir vor genau einem Jahr hier aufgemacht haben, haben die Nachbarn getuschelt. ,Hast Du gesehen, der Türke da hat jetzt Bilder’.“ Alemdar muss lachen.

Erstens sei Kunst nun mal Kunst und nichts ethnisches, zweitens fühle er sich als Frankfurter. „Seit fast 40 Jahren bin ich hier und war von Anfang an im Bahnhofsviertel.“ Zuerst mit einem Reisebüro, dann mit einer Videothek und seit 13 Jahren mit dem legendären Yok-Yok in der Münchner Straße. Nomen ist omen. Yok-Yok ist türkisch und heißt: „Gibt’s nicht gibt’s nicht“. 300 Biersorten, Reiseproviant, Damenstrümpfe, Kunst, Yok-Yok-Wodka mit Wassermelone, Badelatschen und jede Mange Alkohol. Der Laden ist eng und wild, in jedem Winkel liegt Ware.

Die Kunden sind ebenso bunt. Hipster, Banker, Junkies und Touristen drängen sich je nach Tages- und Nachtzeit im und vor dem Laden. „Ich liebe das Viertel, es gibt Unmengen kreative Künstler, Handwerker und Geschäfte. Und Vielfalt. Vielfalt gibt Einheit, ohne eine dominante Gruppe. Ich habe alle Zeiten des Viertels erlebt und die Kriminalitätsfrage kann ich nicht mehr hören. Es passiert nicht mehr, als anderswo.“

Alemdar spricht sanft und nachdenklich. Ursprünglich stammt er aus Ankara, wollte seinen Bruder für zwei Wochen besuchen. „Daraus wurden drei Monate, ein Jahr und für immer und ewig“, sagt der Vater eines Sohnes (30) und einer Tochter (36) grinsend. Sein Lebensmotto hat er auf einem Plakat einer Hilfsorganisation vor 40 Jahren adaptiert: „Es gibt 1000 Probleme und nur eine Antwort: Hilfe“. Das sei doch völlig selbstverständlich, meint er bescheiden und erwähnt nebenbei, dass er eine Palette Wasser zur Obdachlosen-Teestube Jona gebracht hat, als der Vermieter ihr vor dem Umzug das Wasser abgedreht hatte. Und dass er, als es heiß war, Schienenarbeitern ebenfalls Wasser gebracht hat.

Als Geschäftsführer hat er zwei bis drei Leute bei sich arbeiten. „Die anderen packen einfach mit an, wenn es was zu tun gibt. Jeder Kunde ist sofort Teil der Familie. Wer mit anpacken will, packt an. So einfach ist das.“ Nebenbei macht er Projekte für Leukämie, Waisenhäuser in der Türkei, gegen Hungerkatastrophen und mehr. „Eigentlich will jeder helfen, viele wissen nur nicht, wie. Die meisten Menschen sind sehr hilfsbereit.“ Er sieht sich als Brücke zwischen den Projekten und den Spendern. Ansonsten ist er bei vielen Vereinen oder Demos zu finden, während im kleinen Hinterzimmer, das früher mal eine Küche war, wechselnde Kunstausstellungen zum Verweilen einladen.

Er wollte noch mehr, und er mag die Altstadtgegend. Als er erfuhr, dass ein Freund des Sohnes einen Laden in der Fahrgasse gekauft hatte und ihn vermieten wollte, „habe ich mir den Laden fünf Minuten lang angeschaut, in der sechsten Minute gesagt, den miete ich, und in der siebten Minute den Vertrag unterschrieben. Yok-Yok eben. Raum für Kunst und Kiosk.“

Im Oktober 2017 war Eröffnung in edlem und gemütlichem Ambiente mit viel Holz und Kunst. Auch hier sind ganz unterschiedliche Gäste Kunden. Studenten, Anwälte, Künstler und Nachbarn. Es ist ruhiger als in der Münchner Straße und gediegener. „Und ich habe noch mehr Pläne. Mein Traum ist der Austausch von Künstlern aus Deutschland, der Türkei, Polen, Marokko, Israel, den USA und Vietnam. Mal sehen. Gibt’s nicht, gibt’s nicht.“

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