Studie

Zaun oder Flinte: Wie man Nilgänsen am besten beikommt

Seit Mitte 2017 gibt es eine EU-Verordnung, die besagt: Die Nilgans muss weg aus Europa. Wie das in Deutschland umgesetzt werden kann, untersucht gerade die Staatliche Vogelschutzwarte. Ein vorläufiges Ergebnis: Der Zaun im Ostpark ist besser als sein Ruf. Doch manchen gehen die Ideen nicht weit genug.

Die Häme war groß, als Umweltdezernentin Rosemarie Heilig im Ostpark Ende März einen 1,20 Meter hohen Zaun gegen Nilgänse aufstellen ließ. Doch sie war unbegründet. „Früher waren so viele Nilgänse da, jetzt sieht man fast keine mehr“, sagt der Besitzer des Kiosks am Rand der Liegewiese. Denn viele der Vögel lagerten jetzt am Ostufer des Weihers, wo sie und ihr Kot weniger stören, sagt Dagmar Stiefel.

Die Leiterin der Staatlichen Vogelschutzwarte in Fechenheim ist froh, dass das endlich mal jemandem aufgefallen ist. Schließlich könnte der Zaun im Ostpark bald deutschlandweit als Vorbild dienen: Stiefel hat den Auftrag, bis zum Winter einen bundesweiten Nilgans-Managementplan zu entwickeln. Nur dafür wurde der Zaun überhaupt aufgestellt. Grundlage für diesen Plan ist EU-Verordnung 1143. Sie besagt, dass die EU-Staaten eingewanderte Tiere, die das heimische Ökosystem schädigen, so schnell wie möglich „beseitigen“ sollen. Seit vergangenem Sommer steht auch die Nilgans auf der Abschussliste.

So richtig verstehen kann Stiefel das nicht. Sie verweist auf zwei Studien der Vogelschutzwarte, die die Auswirkungen von Nilgänsen auf den Bruterfolg heimischer Wasservögel unter anderem im Ostpark untersucht haben. Denn Nilgänse gelten als recht aggressiv. Das Ergebnis: Zumindest in ihrer jetzigen Zahl hat die Nilgans keinen negativen Einfluss. Im Gegenteil: „Dadurch, dass sie vorne die Verteidigung macht, können die anderen Vogelarten im Hintergrund in Ruhe brüten“, sagt Stiefel.

Jäger Axel Seidemann, der im Brentanobad für die Vergrämung der Tiere zuständig ist, sieht das anders. Seine Referenz ist die Zahl der geschossenen Stockenten. Und die habe in den vergangenen Jahren sehr deutlich abgenommen – weil die Nilgans die Stockenten verdrängt habe, so dass gar nichts mehr zum Abschießen dagewesen sei, sagt Seidemann. Deshalb plädiert er fürs Handeln: „Wir können die Hände in den Schoß legen und sagen: Die sind halt da. Oder wir sagen, wir wollen die Natur bewahren, wie sie mal war.“ Dann müssten Kommunen aggressiver vorgehen und mehr Abschussgenehmigungen erteilen – und mögliche Anfeindungen in Kauf nehmen.

Das Brentanobad hat diese Genehmigung zwar bereits seit vergangener Woche. Doch zum Einsatz wurde Seidemann noch nicht gerufen. „Wir haben in den vergangenen Tagen so gut wie keine Gänse mehr gesehen“, sagt Frank Müller, Geschäftsführer der Bäderbetriebe. Es werde aber täglich überprüft, ob sie zurückgekehrt seien.

Zaun oder Flinte? Tatsächlich kann man mit EU-Verordnung 1143 beides begründen: „Maßnahmen zur sofortigen Beseitigung“ sogenannter „invasiver Arten“, seien „unabdingbar“, steht in Artikel 19. Dort steht aber auch: Ist das nicht mehr möglich oder zu teuer, weil schon zu viele Tiere da sind, reichen „Eindämmungs- und Bekämpfungsmaßnahmen“.

Ein Zaun, der Nilgänsen die Sicht auf ihr Fluchtgewässer versperrt, so dass sie sich unwohl fühlen und sich einen schöneren Platz suchen, ist nur eine dieser Maßnahmen, die Stiefel prüft. Das Gras so hoch wachsen zu lassen, dass ein Fuchs unbemerkt bliebe, eine andere. Denn auch dann fühlen sich Nilgänse unwohl. Eine dritte Möglichkeit besteht darin, Nahrungsknappheit herzustellen. Mehrmals pro Woche prüfe ein Mitarbeiter der Vogelschutzwarte seit Ende März, wie erfolgreich die einzelnen Maßnahmen im Ostpark jeweils sind. Denn auch Nilgänse seien

Gewohnheitstiere

, sagt Stiefel. „Die brauchen eine Weile, um sich umzustellen. Aber der Mensch will manchmal nicht warten.“

Im September aber wollen Stiefel und ihr Team fertig sein und den Managementplan öffentlich ausgelegen. Vermutlich wird der Zaun, über den sich so viel Häme ergoss, dann allen 16 Bundesländern als Maßnahme zum Nilgans-Management empfohlen werden. Und während Axel Seidemann diese Empfehlungen als relativ wirkungslos abtun wird, wird Dagmar Stiefel endlich zufrieden sein.

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