+

Historisch

"Die Zeil leiht da, wie gottverlorn" - Die Geschichte des Wäldchestags

  • schließen

Seit über 200 Jahren feiern die Frankfurter ihren Wäldchestag. Bis in die 90er Jahre auch ziemlich konsequent. Dann ging in der Frankfurter Innenstadt nichts mehr. Die Geschäfte waren geschlossen, die Zeil verwaist. Denn die Bürger waren in ihrem Wäldchen.

Seit über 200 Jahren feiern die Frankfurter ihren Wäldchestag. Bis in die 90er Jahre auch ziemlich konsequent. Dann ging in der Frankfurter Innenstadt nichts mehr. Die Geschäfte waren geschlossen, die Zeil verwaist. Denn die Bürger waren in ihrem Wäldchen.

Mittlerweile müssen die meisten Frankfurter "schaffe gehen". Warum ist das so? Und wieso gibt's den Wäldchestag überhaupt? Wir sagen es euch.

Wie der Wäldchestag seinen Anfang nahm, ist unklar. Einige glauben, der Feiertag geht auf den Kühtanz zurück: Rund um Pfingsten trieben Mägde und Knechte das Vieh der Frankfurter Bürger zur Sommermast in den Stadtwald. Nach der anstrengenden Arbeit trafen sie sich dann zu einem gemeinsamen Picknick. Von dieser alten Tradition stammt übrigens sehr wahrscheinlich der Name der Pfingstweidstraße am Frankfurter Zoo. Dieses Treffen war wohl so illuster, dass sich mit den Jahrzehnten zu diesem inoffiziellen Beisammensein immer mehr Frankfurter einfanden. Der Wäldchestag war geboren. 

Glaubt man städtischen Historikern, ist der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau an dem Brauch Schuld. Der propagierte nämlich in der Epoche der Aufklärung die Hinwendung des Menschen zu seiner ursprünglichen Natur. Von vielen wurde das als eine grundsätzliche Hinwendung zur Natur verstanden. Und so strebte der gebildete Frankfurter nach der „Echtheit des einfachen Volkes“ und wollte eben jene Natürlichkeit regelmäßig mit einem einfachen Picknick im Frankfurter Stadtwald zelebrieren. Zeitlich kommt’s hin: Die Epoche der Aufklärung ging von 1765 bis 1785. Der erste offizielle Wäldchestag soll um 1790 gewesen sein. Heutzutage dürfte die Sache mit der Natur bei den meisten Besuchern nicht mehr so sehr im Vordergrund stehen. 

Während des Ersten und Zweiten Weltkrieges gab es keinen Wäldchestag. Und auch die Hungerjahre 1946 und 47 waren eine harte und entbehrungsreiche Zeit. Wahrscheinlich konnte es den Frankfurtern deshalb mit der Wiederbelebung dieser Tradition nicht schnell genug gehen. 1949 zogen die Frankfurter schon wieder in ihren Wald – obwohl das der Magistrat verboten hatte. Die Stadt schlug damals alternativ ein kleines Fest auf dem Römerberg vor.  Die Verantwortlichen fürchteten, dass Blindgänger im Wald das Leben der Picknicker gefährden könnten. Das hat die Frankfurter aber nicht geschert. Sie sind in großer Zahl ins Wäldche gezogen und haben ihr geliebtes Picknick veranstaltet. Komme, was wolle. Passiert ist bei der dieser leichtfertigen Aktion zum Glück nichts.

Seit dem Mittelalter präsentierten die Frankfurter Handwerker ihre Zünfte mit großen Umzügen durch die Stadt. Höhepunkt dieser Feierlichkeiten waren die Wahlen der Zunftoberen Anfang Mai. Diese Selbstverwaltung der Handwerker wird seit 1793 offiziell gefeiert und könnte auch der Grundstein für den Wäldchestag gewesen sein. 

Im Jahr 1372 erwarb die Stadt Frankfurt einen Teil des königlichen Forstes Dreieich und machte ihn zu ihrem Stadtwald. Seit dem gab es eine jährliche Holzzuteilung an die Bürger. Man könnte die Überlieferungen dieser Geschichte so lesen, dass der Wäldchestag das abschließende Fest dieser Holzverteilung gewesen ist.

Es könnte auch sein, dass die Frankfurter auch ein bisschen mehr Freizeit wollten. Bekanntermaßen haben die Protestanten weniger Feiertage im Jahr als zum Beispiel ihre katholischen Nachbarn in Mainz. Um wenigstens von der frühsommerlichen Pfingstzeit etwas mehr zu haben, sollen die Frankfurter deshalb den Pfingstdienstag, also den Wäldchestag, eingeführt haben. Belegt ist auch diese Theorie nicht.

Bis in die 90er Jahre gaben viele Frankfurter Unternehmer ihren Angestellten am Pfingstdienstag ab 12 Uhr mittags frei, damit sie zum Wäldchestag gehen konnten. Das ist heute nicht mehr so. Das liegt zum einen an der Globalisierung, viele Frankfurter Unternehmen sind heutzutage international aufgestellt und geben somit nicht viel um lokale Feiertage. Zum anderen hat die Einführung der gesetzlichen Pflegeversicherung im Jahr 1995 viele Unternehmen dazu veranlasst, den Feiertag zu streichen, um damit die gestiegenen Lohnnebenkosten auszugleichen.

Besonders am Anfang des 20. Jahrhunderts war das Oberforsthaus, wo auch heute noch das größte Spektakel am Wäldchestag stattfindet, der Treff der Frankfurter High Society gewesen. Man fuhr mit der Kutsche die Schneise durch den Wald hinauf, stieg am Oberforsthaus aus, flanierte am Oberforsthaus vorbei, um dann auf der anderen Seite vom Wagen wieder abgeholt zu werden.

Es ist überliefert, dass im Jahr 1868, in der ersten Besucherstatistik, rund 25 000 Menschen den Wäldchestag besuchten – bei einer Einwohnerschaft von 90 000 ist das eine beachtliche Summe. Heute besuchen rund 300 000 Menschen das Volksfest. Das ist bei einer Einwohnerzahl von knapp 700 000 eine ähnlich große Menge. Allerdings wird heute der Wäldchestag auch einen Tag länger gefeiert: von Samstag bis Dienstag. Früher ging das Fest erst am Pfingstsonntag los.

Frankfurts Friedrich Stolze soll mit Begeisterung den Wäldchestag begangen haben und widmete ihm dereinst sogar ein Gedicht:  

Hie is derrsch nowel!

Ganz gewiß! 

Er ist net z ubeschreiwe,   

Und weil’s net zu beschreiwe is,   

So laß ich’s liewer bleibe!  

In diesem Sinne: Viel Spaß im Wäldche!

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare