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Demonstration für Pressefreiheit

Kommentar

Kommentar zu 2018: Schweres Jahr für die Pressefreiheit

Chefredakteur Matthias Thieme blickt auf das Medienjahr 2018 zurück. Misstrauen gegen Medienorganisationen wuchs, Falschmeldungen bekamen viel Aufmerksamkeit. Der Lokaljournalismus aber ist unverzichtbar und wertvoll.

Das Jahr 2018 war für die Pressefreiheit kein gutes Jahr. Weltweit sind mindestens 80 Journalisten, Bürgerjournalisten und andere Medienmitarbeiter in direktem Zusammenhang mit ihrer Arbeit getötet worden. 49 davon wurden gezielt ermordet, weil ihre Berichterstattung die kriminellen Interessen bestimmter Gruppen aus den Bereichen von Politik, Wirtschaft und Kirche störte, oder weil sie die Machenschaften mafiöser Gruppen offenlegten, so berichtet die Organisation „Reporter ohne Grenzen“.

Mehr als 60 Journalisten sind weltweit in den Händen von Entführern, und 348 befinden sich nur deshalb in Haft, weil sie ihre Arbeit gemacht haben. Die Türkei bleibt auch in diesem Jahr das Land, in dem weltweit die meisten professionellen Journalisten wegen ihrer Arbeit im Gefängnis sitzen. In China werden viele inhaftierte Journalisten misshandelt und gefoltert. Und Saudi-Arabien demonstrierte in diesem Jahr besonders brutal, wie wenig das Leben eines Journalisten zählt, als am 2. Oktober Jamal Khashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul ermordet wurde.

Falschmeldungen bekamen 2018 viel Aufmerksamkeit

Matthias Thieme

Das Jahr 2018 war aber auch inhaltlich ein bitteres Jahr für den Journalismus. Falschmeldungen in den sozialen Netzwerken haben in diesem Jahr noch mehr Zustimmung erzielt und mehr Verbreitung gefunden als 2017. So hatten die acht erfolgreichsten Falschmeldungen im Jahr 2018 mehr Facebook-Interaktionen als fast alle Artikel der größten Nachrichtenseiten in Deutschland, wie das Internetportal Buzzfeed errechnete.

Die erfolgreichste Falschnachricht auf Facebook war im Jahr 2018 demnach ein Artikel der in Russland registrierten Webseite „Anonymousnews.ru.“ Die Falschnachricht zeigt eine Fotomontage mit Angela Merkel und einem ausländischen Paar mit Säugling, dazu die Überschrift: „Staat zahlt Harem 7500 Euro im Monat: Syrer lebt jetzt mit 2 Ehefrauen und 8 Kindern in Deutschland“. Der falsche Artikel generierte insgesamt 148 000 Facebook-Interaktionen. Weder die reichweitenstarke „Bild“-Zeitung, noch „Spiegel“, „Focus“, „Welt“ oder „Stern“ – hatten in diesem Jahr einen Artikel mit so vielen Interaktionen auf Facebook.

Misstrauen gegen Medienorganisationen

Weltweit sehen sich Medienorganisationen einem wachsenden Misstrauen ausgesetzt. Auch zahlreiche Regierungen wie etwa in Ungarn, in Österreich und in den USA versuchen gezielt, die Glaubwürdigkeit von unbequemen Medienorganisationen zu unterhöhlen  und sogar gänzlich in Frage zu stellen.

Umso schwerer wiegt deshalb der Fall des „Spiegel“-Reporters Claas Relotius, der viele seiner eigenen Artikel fälschte und damit das Misstrauen gegen Medien aktuell noch verstärkt. Seine erfundenen Artikel machten auch schwere Mängel im deutschen Hochglanz-Journalismus sichtbar. Von der mangelhaften Überprüfung von Fakten bis hin zur wiederholten Auszeichnung von dramaturgisch überdrehten Auslands-Reportagen, deren erzählerische Effekte nur mit Fälschungen und Erfindungen zu erreichen waren. Die Realität war dem „Spiegel“-Reporter zu profan, die Erfindung sollte die gewünschte Spannung bringen. Fakten waren Nebensache. Das Ergebnis: Groteske Zerrbilder, Märchengeschichten im Gewand des Journalismus.

Kontakt mit Lesern garantiert Bodenhaftung im Lokaljournalismus

Im Lokaljournalismus gibt es glücklicherweise ein wirksames Korrektiv, das meistens die Bodenhaftung gewährleistet: den direkten Kontakt mit den Lesern und die direkte Überprüfbarkeit der Artikel durch die in den Artikeln Genannten. Die Menschen in den Vereinen, Ortsbeiräten, Rathäusern, Initiativen, Schulen, Kindergärten können genau nachlesen, was Lokaljournalisten über sie schreiben. Sie können ihre Zeitung anrufen und auf Fehler oder auf neue Entwicklungen hinweisen. Oft kommen sie in den Lokalredaktionen auch persönlich vorbei. Viele kennen die Reporter schon länger, und die Reporter leben in der Region, kennen die Gegend und ihre Besonderheit. Aus dieser nahen Verbindung kann hervorragender bodenständiger und anständiger Journalismus entstehen. Weil er nah bei den Menschen und ihren Themen ist. Weil er unabhängig ist, ohne abgehoben zu sein. Und weil er Öffentlichkeit in Regionen schafft, wo es ohne Lokaljournalismus oft gar keine Öffentlichkeit mehr gäbe.

Viele Bürger wollen erfahren, was in ihrem Umfeld geplant und beschlossen wird. Sie wollen mitreden über das, was ihr Leben und ihre Nachbarschaft betrifft. Auch die Politik braucht die Öffentlichkeit, um ihr Handeln vorzubereiten, zur Diskussion zu stellen und gegebenenfalls zu modifizieren, um sich den Bürgern zu erklären. Ohne Lokaljournalisten ist die Herstellung einer solchen Öffentlichkeit in vielen Regionen schwer vorstellbar. Denn im Lokalen gibt es oft kein öffentlich-rechtliches Medienangebot und selten ein Internetangebot, die über Milieugrenzen hinweg so etwas wie eine öffentliche Sphäre schaffen. Deshalb ist der Lokaljournalismus wertvoll und unverzichtbar.

Wir freuen uns auf Anregungen und konstruktive Kritik in 2019

Liebe Leserinnen und Leser, wir werden Sie auch im neuen Jahr weiter mit Nachrichten aus der Welt und Ihrer Heimat versorgen. Für das Jahr 2019 haben wir uns vorgenommen, Ihnen weiterhin aufmerksam zuzuhören. Wir freuen uns auch im neuen Jahr auf Ihre Anregungen, Ihre Verbesserungsvorschläge und Ihre konstruktive Kritik.

Einen guten Start ins neue Jahr wünscht Ihnen im Namen der gesamten Redaktion,

Matthias Thieme.

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