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Emmanuel Macron (l), Präsident von Frankreich, und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), nach der Unterzeichnung des Vertrags während der Unterzeichnungszeremonie des neuen deutsch-französischen Freundschaftsvertrags im Krönungssaal des Rathauses.

Meinung

Kommentar zum Aachen-Vertrag: Mehr Courage, bitte

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Den Zauber hat Frankreichs Präsident gestern bemüht. Und der deutsch-französischen Freundschaft ein „magisches Element“ zugeschrieben.

Berlin - Den Zauber hat Frankreichs Präsident gestern bemüht. Und der deutsch-französischen Freundschaft ein „magisches Element“ zugeschrieben. Ganz anders als Emmanuel Macron das gemeint hat – höchst verheißungsvoll nämlich – aber ist nach einem guten halben Jahrhundert die Wirklichkeit dieser Beziehung: nur ganz selten faszinierend – im Allgemeinen aber ziemlich verhext. Man kann es am Objekt der so bemüht Aufmerksamkeit heischenden Inszenierung von Aachen erkennen: Leise und im Verborgenen ist aus Macrons in zwei fulminanten Reden vorgetragenen großen Ideen für die Zukunft Europas über 16 Monate hin eine Vereinbarung geworden, für die der Begriff „Vertrag“ aufgeblasen wirkt angesichts ihrer Begrenztheit im Konkreten.

Weder der Anspruch noch die Wörterwolken des Kontrakts – wiewohl deutlicher stattlicher als seine Fakten – rechtfertigen das Gezeter der Populisten dies- und jenseits des Rheins. In Frankreich behauptet Marine Le Pen allen Ernstes, Deutschland greife nach dem Elsass und nach Lothringen – weil es gemeinsame Kitas und eine grenzüberfahrende Tram geben soll. En passant: Peinlich genug, dass derlei im Nachfolge-Werk des Élysée-Vertrags steht – und zum Substanziellsten gehört. Und in Berlin erzählt die AfD das alte Märchen von der diebischen Pariser Elster neu, die sich am deutschen Geld fettzufressen gedenke, und giftet ganz allgemein gegen die „Sonderbeziehung“. Und doch hat all das Gekeife durchaus einen positiven Effekt: Es dient zum Beweis, wie wichtig es vier Monate vor der Europawahl gewesen wäre, gemeinsam einen wirklich mitreißenden Entwurf für das, sagen wir, nächste europäische Jahrzehnt vorzulegen. Und nicht allein die Bekräftigung, dass Europa nur in Freundschaft bestehen wird – selbst wenn das nicht oft und dringlich genug gesagt werden kann, so lange sich der Nationalismus so dick tut.

Wohin man mit ihm und all dem Populismus dazu aber kommt – das führen dem Kontinent gerade die um den Brexit streitenden Briten vor. Von Vereinigtem Königreich kann noch weniger die Rede sein als von einem vereinten Europa. Wie das die Demokratie angreift und ramponiert: Den restlichen 27 der EU sollte angst und bange werden.

Was das für Frankreich und Deutschland heißt? Dass beide sich, zum einen, viel intensiver und viel ausdauernder umeinander und um die EU bemühen müssen. Dass keine Kanzlerin einen Präsidenten neun Monate auf Antwort warten lassen darf. Und dass Merkel, Macron & Co. überhaupt das große Glück der Gemeinsamkeit mit allen Unterschieden – nicht trotz! – wieder populär machen müssen. Vor allem bei den Bürgern. Das funktioniert nicht mit einem Bürokraten-Papier. Dazu braucht es außer großen Ideen und wirklichen politischen und gesellschaftlichen Zielen auch jede Menge Courage. On y va ! Na, dann los!

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