Die Geschichte des Zerwürfnisses

„Ach, der Horst. . . “

  • Cornelie Barthelme
    VonCornelie Barthelme
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Seitdem es die beiden Parteien gibt, streiten CDU und CSU – und seit Angela Merkel Kanzlerin ist und Horst Seehofer Ministerpräsident, ist es eher ärger geworden. Das hat Gründe. Und kein einziger heißt: die Flüchtlingskrise.

Der letzte Maitag in der Hauptstadt kann sich wieder einmal nicht entscheiden. Wettermäßig. Der Himmel ist blau, aber nicht knallblau, die Wolken sind weiß, aber nicht krachweiß, und für abends um sechs ist ein Gewitter vorausgesagt, aber nur zu 50 Prozent. Dabei würde ein Gewitter abends um sechs in Berlin der ganzen Republik zuträglich sein. Eventuell.

Um diese Zeit werden Angela Merkel und Horst Seehofer aufeinandertreffen. So wie sich ihr Verhältnis in den zurückliegenden zehn Monaten entwickelt hat, gibt es kein präziseres Wort. Aufeinandertreffen – das beschreibt nur eine Ausgangssituation, aber nicht, was danach geschieht. Es lässt Möglichkeiten zu. Notbremsung im Angesicht des Anderen. Oder volle Kanne drauf. Knall. Explosion. Es ist nicht heraus, was besser wäre. Für Merkel. Für Seehofer. Für die Republik. Sicher ist nur, dass das Beste für jeden der Beteiligten etwas anderes ist.

Am Vormittag haben die professionellen Ausdeuter der Kanzlerin und des CSU-Vorsitzenden noch einmal ihre Auslegungen der Lage vorgebetet. „Es wäre gut, wenn die wöchentliche Kritik aus München verstummt“: Version Michael Grosse-Brömer, CDU, Parlamentarischer Geschäftsführer der Unions-Fraktion. „Manchmal ist es aber auch richtig, dass man Unterschiede etwas deutlicher zum Ausdruck bringt“ – Version Gerda Hasselfeldt, CSU, Chefin der Landesgruppe.

Der Unterschied – man kann auch die Differenz sagen oder die Kluft – ist inzwischen so groß und so tief, dass er die ganze Union zu verschlingen droht. Solche Untergangsszenarien jedenfalls malen Unionisten, CDU, CSU, egal, sobald man verspricht, keine Namen zu nennen. Und sie sagen dann auch, dass es so aber auf gar keinen Fall weitergehen könne mit der Kanzlerin und dem Ober-Bayern. Als Antwort aber auf die Frage: Wie denn dann anders? – zucken sie bloß mit den Schultern. Manche sagen dazu: „Ach, der Horst . . .“ „Ach, die Angela . . .“, sagt niemand.

Es ist verlockend, das für eine Antwort zu halten auf die Frage, wer eigentlich schuld ist am Streit und am Abschmieren der Union in den Umfragen. Es ist aber auch billig. Weil der Seehofer ständig mault, mag der Wähler die Merkel nicht mehr? So schlicht funktioniert niemand, auch nicht Entwicklungen, nicht einmal in der Politik. Und warum meckert Seehofer eigentlich in einem fort? Und warum reagiert Merkel nicht?

Wenn man dem Regierungssprecher zuhört, ist die Antwort simpel. Dummerweise unglaublich simpel. Zusammengenommen behauptet Steffen Seibert, so ticke die Kanzlerin nicht. Wahr daran ist, dass ihr Wesen Angela Merkel am Eklat hindert, am öffentlichen „Horst, halt’s Maul!“. Aber natürlich lassen die ständigen Sticheleien und die fallweisen Unverfrorenheiten sie nicht kalt. Nur hat sie, bis auf ihre Mimik, in solchen Momenten alles unter Kontrolle. Niemand sonst hätte die Seehofer-Suada auf dem Münchner Parteitag im November – im Sinn des Wortes – gestanden. Am allerwenigsten Seehofer selbst.

Seehofers Demütigung

Auch er hat seine Parteitags-Demütigung erlebt. 2007 war das, die CSU hatte ihren zweiten Heroen nach Franz Josef Strauß gestürzt, Edmund Stoiber. Und sich dann nicht für Seehofer entschieden als neuen starken Mann. Sie vertraute sich Erwin Huber an, der Seehofer für einen Hallodri hält, und Seehofer musste zusehen, wie der kleingewachsene Huber auf einen Stuhl kletterte, damit die Partei ihn bejubeln konnte, und danebenstehen, in Bayern würden sie sagen: wie ein Depp. Er hat dann doch noch gewonnen. Nachdem die CSU verloren hatte, was sie für ihr gott- oder wenigstens wählergegebenes Recht ansieht: die absolute Mehrheit in Bayern. Seehofer hat sie ihr wieder verschafft, so sieht er das, und so will er auch gesehen werden: in einer Reihe mit Strauß, dem Übervater, und mit Stoiber, dem 60-Prozenter von 2003. Und nie will er, wie Huber und dessen Ministerpräsidenten-Pendant Günther Beckstein, neben Merkel stehen und aussehen müssen wie ein armer Tropf – weil die Kanzlerin anders will als er. Damals war es die Pendlerpauschale. Jetzt sind es die Flüchtlinge. Oder muss man bereits ein „gewesen“ anfügen?

Aktuell geht der Streit zwischen Merkel und Seehofer schon darum, ob er oder sie verantwortlich ist für den Aufstieg der AfD. Ob also sie den Strauß’schen Glaubenssatz geschändet hat, dass rechts von der Union keine Partei sein dürfe mit demokratischer Legitimation – oder er. Für die CSU bedeuten die Erfolge von Petry und Gauland, Höcke und Poggenburg eine Art Erdbeben, das ihren Heiligen Franz Josef von allen Säulen, Sockeln und Podesten gestürzt hat. Und was auch immer die Wahrheit ist: Seehofer muss begehren, daran kein bisschen schuld zu sein. Sonst riskiert er sein Leben.

Er hat es selber gesagt, damals, 2007: „Die CSU ist mein Leben.“ Angela Merkel käme noch nicht einmal in den Sinn, ihre Existenz an die CDU zu knüpfen. Umgekehrt hatte die Partei da sehr lange sehr viel weniger Bedenken. Ob das klug gewesen ist, fragen sich jetzt manche Christdemokraten. Keiner aber laut, ob es sich ändern lässt.

Donner und Blitz haben es dann doch eiliger. Schon ab vier ist der Himmel über Berlin nicht mehr weiß-blau. Was auch immer das für den Abend bedeuten mag. Und für die Zukunft.

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